Kategorie ‘Intro’

Leistungsstarke Unterkühlung: Zur politischen Rhetorik von Günther Oettinger

Dienstag, 9. Februar 2010

Einleitung

Günther Oettinger hat mit seinen Reden bisweilen für großes Aufsehen gesorgt. Ein Aufsehen, dass sich freilich nicht der Tatsache verdankt, dass er ein brillanter Rhetoriker wäre. Im Gegenteil waren es seine sprachlichen Lapsus, die Schlagzeilen machten. Gerade erst machte der designierte EU-Kommissar mit seinen Englischkenntnissen Furore.
Oettinger hatte als Ministerpräsident von Baden-Württemberg nur mäßigen Erfolg, wenn es darum ging, die Wähler zu begeistern. semtracks hat nach den Gründen für dieses Kommunikationsdefizit gesucht. Die folgende Analyse ist das Ergebnis einer computergestützten Auswertung von Reden Günther Oettingers.

1. Empirische Basis

Die Datengrundlagen für die folgenden Analysen bilden die auf http://www.stm.baden-wuerttemberg.de/ in der Rubrik „Interviews, Reden und Beiträge des Ministerpräsidenten“ veröffentlichen Redetexte. Sie wurden gemäß Adressatenkreis in drei Subkorpora eingeteilt:

  1. Reden zum Jahreswechsel: 4 Redentexte, 2.951 Wörter
  2. Regierungserklärungen: 8 Redentexte, 54.413 Wörter
  3. Sonstige Reden: 18 Redentexte, 30.498 Wörter

Das Gesamtkorpus umfasst damit 30 Reden mit insgesamt 87.862 Wörtern. Zum Vergleich wurden weitere Korpora herangezogen.

  1. Reden Fritz Kuhns, Fraktionsvorsitzender Grüne im Bundestag (84.660 Wörter)
  2. Reden Horst Köhlers, Bundespräsident (110.251 Wörter)
  3. Reden Oskar Lafontaines, Vorsitzender der Partei Die Linke (125.107 Wörter)
  4. Reden Angela Merkels, Bundeskanzlerin (1.075.631 Wörter)
  5. Reden Peer Steinbrücks, Bundesfinanzminister (266.240 Wörter)
  6. Reden Frank-Walter Steinmeiers, Bundesaußenminister (688.520 Wörter)
  7. Reden Guido Westerwelles, Vorsitzender der FDP (179.028 Wörter)

2. Positive Botschaften

Untersucht man, wie häufig Günther Oettinger positiv besetzte Adjektive in seinen Reden benutzt, so zeigt sich, dass er in der Riege der Regierungspolitiker am unteren Ende der Skala rangiert (vgl. Grafik). Lediglich die Oppositionspolitiker Guido Westerwelle und Oskar Lafontaine, deren Geschäft es ist, die Wirklichkeit in schwarzen Farben zu malen, rangieren noch hinter ihm.
Lediglich Günther Oettingers Jahreswechselreden sind voll von positiv geprägten Beschreibungen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und führen die Liste mit Abstand an. Doch bleibt die Frequenz positiv besetzter Adjektive in den Regierungserklärungen und noch mehr in seinen sonstigen Reden deutlich hinter der in den Reden Steinmeiers, Köhlers und Steinbrücks zurück.

Zudem zeigt eine Detailanalyse, dass Günther Oettinger positiv besetzte Adjektive vor allem aus dem Wortfeld Erfolg wählt. Vergleicht man die Gebrauchsfrequenz der häufigsten Adjektive mit der anderer Politiker, so zeigt sich nur bei den Adjektiven wirtschaftlich, erfolgreich und stark ein überdurchschnittlicher Gebrauch in den Reden Günther Oettingers.

Bei der Verwendung einfacher evaluativer Adjektive (gut, positiv) und Hochwertwörtern (modern, nachhaltig), aber vor allem im Wortfeld Soziales (gerecht, fair, gemeinsam, sozial) zeigen sich hingegen Defizite im Vergleich zu anderen Politikern.

3. Emotivität

Im Folgenden soll eine Gruppe von Wörtern untersucht werden, die der Ausdrucksverstärkung (oder Abschwächung) dienen kann: die sogenannten lexikalischen Intensivierer. Bei ihnen handelt es sich um Wörter, die Verben, Adjektiven, Substantiven, Adverbien oder Präpositionalphrasen voran stehen, etwa in dem Satz: „Frau Merkel hat völlig recht!“. Die Sprachwissenschaft hat sie nach dem Grad der Intensivierung in Klassen eingeteilt.

Zum absoluten Intensivierungsbereich zählen unter anderem Ausdrücke wie absolut, gänzlich, grundlegend, komplett, längst, restlos, schlechterdings, schlechthin, total, überhaupt, unbedingt, voll, völlig, vollkommen, vollständig etc. Die Sprachwissenschaft hat neben dem absoluten Intensivierungsbereich den extrem hohen, den hohen, den gemaessigten, den abschwaechenden und den minimalen Intensivierungsbereich unterschieden. Intensivierer kodieren Emotionen und den Grad von Überzeugungen, bzw. der Rigorosität, mit der sie vertreten werden.

Analysiert man das Vorkommen von Intensivierern in den Reden unterschiedlicher Politiker, dann zeigt sich, dass Günther Oettinger auch bei der Ausstattung seiner Reden mit Emphase am Ende des Feldes rangiert.

Angela Merkels Reden weisen die höchste Zahl an Intensivierern auf – sie waren Teil ihres Wohlfühlwahlkampfs, der darauf zielte, den Krisenängsten der Bevölkerung mit einer sprachlichen Inszenierung von Nähe, Verlässlichkeit und Entschlossenheit zu begegnen.
Untersucht man den Anteil der verschiedenen Intensiviererklassen an allen Intensivierern, zeigt sich, dass die Reden Günther Oettingers (abgesehen von den Jahreswechselreden) nach denen des Bundesfinanzministers auch den geringsten Prozentsatz an Intensivierern im absoluten Intensivierungsbereich aufweisen.

Dafür liegt der Gebrauch gemäßigter Intensivierer (relativ, eher, recht, mehr oder weniger) weit über dem Durchschnitt. Dies verweist auf eine kaum emphatische und auch wenig Entschlossenheit signalisierende Rhetorik, die vielmehr vorsichtig abwägt.

4. Stilistische Muster

Die Besonderheiten der politischen Rhetorik eines Politikers zeigen sich nur im Vergleich mit den Reden anderer Politiker. Zur Analyse dieser stilistischen Eigenheiten hat die Forschergruppe semtracks eine datengeleitete Methode zur Identifizierung sprachlicher Muster entwickelt. Im Folgenden werden die Ergebnisse eines Vergleichs der Reden Günther Oettingers mit den Reden Angela Merkels und Frank-Walter Steinmeiers vorgestellt.

Aufzählungen

Das stilistische Mittel mit höchster Signifikanz in den Reden Günther Oettingers ist das der Aufzählung. Und dies in allen Variationen. Etwa als Aufzählung von Genitivattributen,
der Stabilität und der Verlässlichkeit
des Geistes und der Technik
der Bildung und der Arbeit
des Vertrauens und der Freude
der Wissenschaft und der Kultur

von Ortsbezeichnungen
Berlin , Sachsen , Brandenburg
Rastatt , Offenburg , Freiburg
Cannstatt , Mettingen , Untertürkheim
Mannheim , Offenburg , Bruchsal
Lyon , Turin , Ljubljana
Untertürkheim , Obertürkheim , Plochingen

oder Nomen
Freiheit , Nächstenliebe , Solidarität
Staus , Verspätungen , Stop-and-go-Verkehr
Feinstaub , Fluglärm , Flächenverbrauch
Krieg , Zerstörung , Flucht
Infrastruktur , Beratungsangebote , Betreuung

Hier wurden nur dir prägnantesten Muster angeführt. Auch weil die Aufzählungen teilweise semantisch redundant sind (Sicherheit, Halt und Orientierung / Hoffnung, Vertrauen und Zuversicht), verweisen sie auf eine hohe Durchsetzung der Reden Günther Oettingers mit feststehenden Phrasen.

Nominalstil

Daneben finden sich auffällig viele Muster, in denen mehrere Nominal- und Präpositionalphrasen miteinander verbunden sind, z.B. wieder in Form einer Aufzählung
Belastung von Wirtschaft und Mittelstand
Stellenwert von Familien und Kindern
Förderung von Mittelstand und Handwerk
Betreuung von Kindern und Senioren
Verbesserung von Lehre und Studienbedingungen
Quelle von Freude und Lebenssinn

oder in Kombination von Objekt, Genitivattribut und Präpositionalgruppe mit der von Günther Oettinger bevorzugten Präposition von:
Qualität der Integration von Schule …
Landesregierung der Privatisierung von Landesbeteiligungen …
Projektförderung den Stellenwert von Familien …
Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie …
Verbesserung der Schulreife von Kindern …

aber auch mit den Präpositionen für, zwischen und um:
Ausbau der Betreuung für Kinder
Bemühungen der Region um Projekte
Reform der Erbschaftsteuer für Unternehmen
Ausbau eines Forschungsnetzwerks zwischen Unternehmen

Diese Muster fügen sich mit weiteren Indikatoren zu einem einheitlichen Bild: Die Reden Günther Oettingers sind im Vergleich zu denen anderer wichtiger Politiker von Nominalstil geprägt. Ein Indikator hierfür ist die Häufigkeit von Reihungen von Präpositionalgruppen:

Ein weiterer Indikator ist die Frequenz von erweiterten Partizipialkonstruktionen:

In beiden Feldern wird Günther Oettinger nur noch von Peer Steinbrück übertroffen, der neben Oettinger auch schon den geringsten Anteil von Intensivierern im absoluten Intensivierungsbereich aufwies.

5. Fazit

Günther Oettingers Reden sind demnach in höherem Maße als die Reden vergleichbarer Politiker von festen Wendungen durchdrungen. Sie neigen auch mehr zum Nominalstil, der zwar einerseits das Potenzial hat, Kompetenz zu signalisieren, andererseits als nicht rezipientenfreundlich gilt.
Die Reden rangieren zudem am unteren Ende der Emotivitätsskala. Emotional verstärkende Formulierungen finden sich in ihnen vergleichsweise selten. Und auch der in ihnen kodierte Grad der Emotionalität ist im Vergleich zu den Reden anderer Politiker gering.
Günther Oettinger gelingt es zwar, positive Botschaften zu setzen. Diese werden jedoch vor allem im semantischen Feld der Leistung formuliert. Unterdurchschnittlich oft referiert er hingegen auf das Feld des Sozialen.
Es dürfte dieser Mangel an Vermittlung emotionaler und sozialer Wärme sein, die Oettinger seinen Wählern entfremdet hat. Für ein Mitglied der Europäischen Kommission werden rhetorischen Fähigkeiten von geringerer Bedeutung sein als für einen Ministerpräsidenten und Landesvater. Gut für Günther Oettinger, der sich nun wieder an seinen Leistungen messen lassen darf.

Gastbeitrag von Lucas von Bothmer: Modernisierungsaspekte im Bundestagswahlkampf 2009

Dienstag, 9. Februar 2010

Gerhard Schröder und die „Amerikanisierung“

Es war Ende Mai 2008, als SPD-Generalsekretär Hubertus Heil seinen Parteigenossen auf ihrem „Zukunftskongress“ das Obama-Zitat „Yes We Can“ entgegenschmetterte. Über sein tatsächliches Tatmotiv kann nur gemutmaßt werden. In zweifacher Hinsicht war dies aber ein eher unglücklicher Auftritt: Zum einen trug er Heil wohl den Verdacht der Trittbrettfahrerei ein, zum anderen war die Resonanz der SPD-Mitglieder so schwer zu vernehmen, dass mancher Beobachter sich an Arbeitsverweigerung erinnert fühlt haben muss.

Schon seit Beginn der neunziger Jahre hat die Politikwissenschaft begonnen, Ursachen für derartige Stilmittel in bundesrepublikanischen Wahlkämpfen zu untersuchen. Auch aus dem Appell des SPD-Generalsekretärs lassen sich aus etwas weitwinkligerer Perspektive eine ganze Menge Fragestellungen ableiten. Fragen, die sich mit einer Zunahme von Politikinszenierung befassen, drängen sich erneut auf, doch neu sind solche Vermutungen schließlich nicht. Bereits der Slogan „Willi wählen“ aus dem Jahr 1972 transportiert Elemente der Personalisierung von Politikvermittlung und wurde somit auch zum Gegenstand der Forschung.
Die Forschung, noch mehr allerdings die Journallie, konstatierte in den letzten zwanzig Jahren vielfach eine so genannte„Amerikanisierung“ hiesiger Politikvermittlung.

Einen Meilenstein dieser Amerikanisierung machten deutsche Medien im Jahr 1998 aus, als Gerhard Schröder für die SPD gegen Helmut Kohl von der CDU als Kanzlerkandidat antrat. Schröder steht bis heute im Verdacht, eine Ära bundesrepublikanischer Wahlkämpfe eingeleitet zu haben, welche die Diskussionen über eine vermeintliche Personalisierung der Kampagnen angefacht und der Politik den Vorwurf der Themenarmut eingebracht hat (Holtz-Bacha, „personalisiert und emotional“, S. 13).
Schon im Vorfeld der Wahlen 1998 stellte „Der Spiegel“ fest: „Wie nie zuvor wird es um Personen statt Parteien, um Images statt Inhalte, um Gefühle statt Gewissen, um Händeschütteln statt um handfeste Programme gehen. Die Berliner Republik beginnt mit Hollywood.“ (Der Spiegel, 11-1998, S. 92 ff.)

Rhetorische Schulterschlüsse mit Obama im Bundestagswahlkampf 2009

Die Amerikanisierungshysterie hat sich zwar spürbar gelegt, seitdem der telegene Gerhard Schröder nicht mehr Bundeskanzler ist. Dies mag man als Beleg dafür sehen, dass Politikinszenierung hierzulande vermehrt mit Persönlichkeiten, nicht so sehr mit struktureller Veränderung verknüpft sein könnte. Angesichts der enormen Resonanz, die der US-amerikanische Präsidentschaftskandidat Barack Obama in Deutschland erfuhr, als er seine Wahlkampf-Tournee bis nach Berlin ausdehnte, war aber dennoch doch für den Bundestagswahlkampf 2009 einiges an Innovation wie auch an bürgerlicher Partizipation zu erwarten.

Rhetorische Schulterschlüsse wie das eingangs angeführte Obama-Zitat des ehemaligen SPD-Generalsekretärs Heil gaben derartigen Erwartungen zusätzlichen Auftrieb und waren Anregung für diese Untersuchung der Rhetorik deutscher Spitzenpolitiker im Wahlkampf 2009. Nur zu selten aber sind derartige Anlehnungen so eindeutig auf ihren Urheber zurückzuführen wie im Falle des Heil’schen „Yes We Can“. Daher wurde hier der Versuch unternommen, die Wahlkampf-Auftaktreden von SPD-Kanzlerkandidat Steinmeier und Bundeskanzlerin Angela Merkel auf Begriffe hin zu untersuchen, die mutmaßlich der Obama-Rhetorik zugeschrieben werden. Analysiert wurde zum einen das Verhältnis von „Wir-Nennungen“ im Vergleich zu selbstbezogenen „Ich-Nennungen“, was bei Merkels Rede mit 1:0.25 überraschend hoch ausfiel. Somit kommen auf jedes „Ich“ in ihrer Rede vier „Wir“. Beeindruckender aber war die Tatsache, dass Merkel in einer etwa 40 Minuten andauernden Rede 106 Mal von „Wir“ sprach. Die Rede von Frank-Walter Steinmeier war fast ebenso lang, er verwendete das Wort „Wir“ aber lediglich 30 Mal. Merkels Rede von 2009 konnte mit ihrer Auftaktrede aus dem Wahljahr 2005 verglichen werden, bei Steinmeier erübrigte sich ein solcher Vergleich, da er damals zum einen gar nicht zur Wahl angetreten war und sich zum zweiten in seiner Wahlkampf-Ansprache 2009 ohnehin kaum etwas finden ließ, das an die präsidiale Sprache Barack Obamas erinnerte. Um die Tendenz der „Wir-Rhetorik“ Merkels zu überprüfen, wurden anschließend die Daten aus den Schlussworten des TV-Duells hinzugezogen. Merkel sprach neun Mal von „Ich“ und elf Mal von „Wir“. Steinmeier hingegen sprach in dem etwa eineinhalb Minuten währenden Statement zwölf Mal von „Ich“ und lediglich sechs Mal von „Wir“. Somit festigt das TV-Duell die Annahme, dass Merkel das „Wir“ als ein rhetorisches Stilmittel verwendet, das zumindest sehr an die letztjährige Obama-Kampagne erinnert. Wenn zum Vergleich noch einmal die Rede Angela Merkels aus dem Jahre 2005 von der damaligen Wahlkampfauftaktveranstaltung in Dortmund herangezogen wird, so erhärtet sich der Verdacht, dass die CDU-Strategen bei Obama abgeschrieben haben, als sie das Wahlkampfmotto kreierten. Damals, im Wahljahr 2005 stand die Unionskampagne nämlich unter dem Motto „Deutschlands Chancen nutzen“. Auch die Nutzung von „Wir vs. Ich“ war in ihrer damaligen Rede mit 1:0,4 ausgeglichener, was den Verdacht erhärtet, dass im Jahr 2009 ganz auf das verbindende, präsidiale Moment gesetzt werden sollte, wie wir es auch bei Obama vorfanden.

Genau hierin liegt aber die Crux: Barack Obama ist Präsident in einem präsidentiellen System. Er regiert nicht als Vorsitzender einer Partei, sondern als eigens und direkt gewähltes Staatsoberhaupt. Wenn er von „Wir“ im Wahlkampf sprach, dann war meist die US-Bevölkerung gemeint und nicht die demokratische Partei. Dies ist in Deutschland eben anders. Hierzulande wird, wie in den beiden Reden ganz deutlich zu sehen, eben Partei- und Lagerwahlkampf gemacht. Somit ist nie ganz klar, wen Merkel mit „wir“ meint, wenn sie von „Wir haben die Kraft“ spricht.
Diese Problematik machte auch Nico Fried von der Süddeutschen Zeitung aus, der dazu einen Satz schrieb: „Barack Obamas ‘We’ war umfassend und integrativ gemeint. Es hatte nicht nur Pathos, sondern auch eine sofort ersichtliche Legitimität in einer nach acht Jahren George W. Bush politisch tief gespaltenen amerikanischen Nation. Merkels ‘Wir’ sagt nichts und verschleiert alles. Es fehlt der Kanzlerin nicht nur an Pathos, vielmehr wirkt Merkels Ruf nach dem großen Miteinander auch eher verwirrend nach vier Jahren der großen Koalition, nach andauernder Konsenssuche, aber auch nach gemeinsamer Krisenbewältigung.“ (http://www.sueddeutsche.de, Fried, „Sind wir alle Merkel?“)

„Merkel hat auch ein Problem, weil das Wir kein Original ist, sondern ein Zitat. ‘Wir haben die Kraft.’ Klingelt’s? Yes we can. Näher am Original hätten die Christdemokraten den Slogan nicht übersetzen dürfen, ohne sich dem Vorwurf des Plagiats auszusetzen. Das Motiv aber ist dasselbe, das verbindende Element ist der Begriff von Gemeinsamkeit, der diese zugleich stiften soll.“ (http://www.sueddeutsche.de, Fried, „Sind wir alle Merkel?“) Es muss hier der Hinweis erfolgen, dass sich mittels einer solchen Feldstudie eine direkte Adaption der Obama-Rhetorik ohnehin nicht beweisen lässt. Einige Indizien sprechen aber durchaus dafür.

Adaptionen aus Obamas Online-Wahlkampf in Deutschland

Was waren eigentlich, von der charismatischen Rhetorik und Erscheinung Obamas selbst einmal abgesehen, die Erfolgsfaktoren von dessen Wahlkampagne? Seine rhetorische Gabe wie auch sein jungdynamischer Habitus waren mit Sicherheit Faktoren, die ihm nicht zum Nachteil gereicht haben dürften. Doch auch auf technischer Seite gab es ganz konkrete, neuartige Aspekte im Wahlkampf 2008. Im Wesentlichen waren es vier Charakteristika, die seine Online-Kampagne so erfolgreich machten:

  • Die völlige Loslösung der Wahlkampfleitung weg von der Partei hin zur autonomen Kandidatenkampagne.
  • Die Gewinnung ziviler, nicht-parteigebundener Unterstützer durch individualisierte Graswurzel-Kampagnen, die zum „Multi-Level Marketing“ führte.
  • Das Internet als zentrales Medium zur Spendenakquise.
  • Die hochintensive Nutzung sozialer Netzwerke wie „Twitter“, „Facebook“, „myspace“ und „myBO.com“ zur Politisierung der Wählerschaft.

Im Folgenden soll kompakt dargestellt werden, wie die beiden großen Volksparteien in Deutschland sich auf dem neuen und noch immer etwas fremdartigen Terrain des Online-Wahlkampfes geschlagen haben und wo gegebenenfalls „Obamaisierungstendenzen“ auftauchten.

Die Volksparteien im Online Wahlkampf 2009

Alle großen Parteien hatten angekündigt, einen Online-Wahlkamf nach Obama-Vorbild machen zu wollen. (www.faz.net, Tomik, „Die Parteien werfen ihre Netze aus“) Und tatsächlich waren auch auf den Internetseiten aller großen Parteien Tools für so genannte Graswurzel-Bewegungen zu finden. (www.badische-zeitung.de, Schmitz, „Wahlkampf im Netz – Obama ist das große Vorbild“) So wurde auf den Seiten von SPD und CDU (aber auch bei den kleineren Parteien) der Eindruck vermittelt, dass die Bürger direkt Einfluss auf die Politik nehmen könnten. Bei der CDU beispielsweise gab es nunmehr einen „Aktionsindex“, bei dem, wer einen Leserbrief an eine Zeitung schrieb, 200 Punkte und wer einen wahlkampfrelevanten „Twitterbeitrag“ verfasste, 50 Punkte erhielt. Die besten Teilnehmer wurden mit einer Einladung zur Wahlparty ins Konrad-Adenauer-Haus belohnt. (www.faz.net, Tomik, „Die Parteien werfen ihre Netze aus“) Das Punktesystem war neu und von Obama kopiert, aber die Idee, sich Unterstützern zu öffnen, die nicht Parteimitglied sind, wurde schon im Online-Wahlkampf 2005 („teAM-Zukunft 2005/2009“) umgesetzt. Der zielgruppengerechten Datenverwertung bei Telefon- und Internetkampagnen (in den USA „Canvassing“ genannt) sind dabei in Deutschland aber datenschutzrechtliche Grenzen gesetzt. (www.faz.net, Tomik, „Die Parteien werfen ihre Netze aus“) Bei der CDU waren am Wahltag beim „teAM 2009“ (Unterstützer der CDU und Angela Merkels) ca. 28.000 Unterstützer registriert. (www.team2009.de, Teamstärke) Im Jahr 2005 waren es hingegen nur etwa 15.000 gewesen. (Telefonische Befragung Christian Pahls, „teAM Zukunft 2005“) Die SPD unterstützten im Wahlkampf 2009 19.000 registrierte User (wahlkampf09.de), Daten zur Partizipation am Unterstützernetzwerk „rotewahlmannschaft.de“ (SPD-Unterstützerteam 2005) aus dem Wahljahr 2005 konnten nicht genau ermittelt werden, allerdings ist ebenfalls von einer quantitativen Steigerung auszugehen.

Personalisierung ja – Privatisierung kaum

Betrachtet man die Dimension des Privaten, welche bei Obamas Wahl ein ganz entscheidendes Kriterium gewesen ist und welche ja im Sinne einer Personalisierung nur konsequent erscheint, so waren die Seiten der Parteien und auch der deutschen Spitzenkandidaten doch viel weniger intim. Nur ein einziges Bild von Frank Walter Steinmeier und seiner Ehefrau ließ sich auf dessen Wahlwerbeseite finden, bei Merkel hingegen sucht man dergleichen vergeblich. Die Youtube-Wahlwerbespots sind zwar durchaus inhaltlich personalisiert, aber auch ihnen geht, verglichen mit denen Obamas, die wirklich private Dimension ab. (www.youtube.com, CDU-TV, Wahkampfspot Angela Merkel) Bei Obama vermittelten Handkameras und Beleuchtung eine authentische Perspektive. Bei Merkel und auch bei Steinmeiers Internetfilmen, die auch im Free TV ausgestrahlt wurden, waren keine Szenen aus deren Privatleben zu sehen, sondern alles hatte unmittelbare regierungspolitische Relevanz. Dies war bei bei Obamas Internetfilmen anders. (www.faz.net, Tomik, „Die Parteien werfen ihre Netze aus“)

Online-Fundraising in Deutschland 2009

Auch die Parteien boten die Möglichkeit der Online-Spenden ab jenem Wahljahr an. Zahlen konnten dabei noch kaum in Erfahrung gebracht werden. Einzig die FDP und ihr Generalsekretär Hans-Jürgen Beefeltz nahmen konkret zu den im Internet generierten Spenden Stellung. Die Bilanz am 10. September wies etwa 50.000 Euro auf. (http://www.dailynet.de, o.V., “Beerfeltz bilanziert Online-Spenden”) Bei den anderen Parteien ist diesbezüglich bisher noch gar keine Information zu erhalten, insgesamt aber bewegen sich die Privatspenden in Deutschland auf einem Niveau, das mit dem des US-Wahlkampfes absolut nicht vergleichbar ist. Dies hat viele Ursachen, die wichtigste dürfte die Tatsache sein, dass der Anteil von Spenden am Gesamthaushalt der Parteien sich in der Regel zwischen 5 und 10 Prozent bewegt. (www.spiegel.de, Peters, „Zahltag vor der Wahl“) Ansonsten finanzieren sich deutsche Parteien vor allem über Mitgliedsbeiträge sowie über die staatliche Parteienzuwendung. (www.spiegel.de, Peters, „Zahltag vor der Wahl“)

Aktivitäten in Social Networks

Im Netzwerk „Studivz“, welches noch immer die meisten Anhänger in Deutschland hat (ca. 15 Millionen User sind in den drei mittlerweile integrierten „VZ-Netzwerken registriert: www.static.pe, Hensen, „Pressemitteilung VZ-Netzwerke“) hatte Frank-Walter Steinmeier am Tag der Wahl ca. 22.000 und Angela Merkel etwa 72.000 Freunde. Bei Facebook brachte Steinmeier es auf ca. 7000 und Merkel auf 18.000 Freunde. (www.studivz.de, www.facebook.de) Diese Zahlen sprechen, verglichen mit denen, die Obama (s.o) aufweisen konnte, Bände. Unabhängig davon, wie viel mehr Internet-affines Wählerpublikum die USA im Vergleich zu Deutschland aufweisen, war dies „bemerkenswert wenig für zwei Volksparteien mit zusammen mehr als einer Million Mitglieder“ (www.stern.de, Erichsen, „Wahlkrampf im Web“).

Fazit

Derzeit kann noch nicht gesagt werden, welche Rolle die neu designten Auftritte der Parteien im Internet für den Wahlausgang gespielt haben werden. (www.stern.de, Erichsen, „Wahlkrampf im Web“) Sehr wohl aber lässt sich anhand der oben skizzierten Teilaspekte ein Bild skizzieren. Dies liefert den Eindruck, dass sich die Parteien bei der Implementierung von Wahlkampftechniken, die Obamas Team mit immensem Erfolg und höchster Profession verwandte, etwas selbst im Weg stehen. Ein SPD-Mitarbeiter, der namentlich nicht genannt werden wollte, verfasste einen umfangreichen Bericht für das Online-Magazin www.freitag.de über die Probleme zwischen neuem Medium und alten Strukturen. Er äußerte sich unter anderem kritisch über den Umstand, dass die SPD-Wahlkampfleitung zwar den SPD-Unterstützern alle Dialog-Tools zur Verfügung stellte, dann aber versuchte, den Dialog zwischen den Online-Usern von nicht PR-tauglichen Beiträgen „zu säubern“. Der Mitarbeiter dazu im Weiteren wörtlich: „Umso erstaunter bin ich, als ich erfahre, dass Kajo Wasserhövel im ‘Vorwahlkampf’ im Februar 2009 überlegt, wie er diese Community besser kontrollieren kann, ihre Freiheiten einschränken, damit zum Beispiel unliebsame Forenbeiträge nicht von Spiegel Online als Beweis für parteiinternen Streit zitiert werden können. Ein bisschen Web 2.0 gibt es aber genauso wenig wie ein bisschen schwanger.“ (http://www.freitag.de, o.V., „No We Can’t”)

Die Print- und Onlinemedien veröffentlichten zur heißen Wahlkampfzeit fast jeden Tag Beiträge über die Wirkung des Online-Wahlkampfes. Natürlich ist zu erwähnen, dass die wenigsten Artikel sich dabei tendenziöser Berichterstattung vollends verwehrten. So schrieb beispielsweise der „Stern” auf seiner Internetseite zur Social-Network-Aktivität der Spitzenpolitiker: „Das sieht gut aus, ist modern und natürlich total Obama: Hat doch der US-Präsident im letzten Jahr vorgemacht, wie man im Netz Spenden, Unterstützer und schließlich Wahlen gewinnt. Im deutschen Wahlkampf gibt es nur ein Problem: Es funktioniert nicht.“ Auch Nina Trentmann von der Welt titelte ähnlich: „Die Obama Strategie funktioniert bei uns nicht“ hieß es in der Überschrift zu einem Artikel, der ähnlich hart mit den wackeligen Gehversuchen des Online-Wahlkampfes in Deutschland ins Gericht ging.

Die Studie „Politik im Web 2.0“ attestierte den Parteien eine Zunahme von Aktivität, die dem Maß an vorsichtig gesteigertem Interesse am Online-Wahkampf von Seiten der Politik entsprechen dürfte. (http://netzpolitik.org, o.V., “Politik im Web – eine Kurzstudie”) In dieser Studie wurden allerdings schon im Januar 2009 empirisch die Aktivitäten von allen Spitzenpolitkern auf sozialen Netzwerken und auch die Eigendynamik von Graswurzel-Bewegungen, die auf den Online Seiten der Parteien und ihrer Kandidaten gestartet wurden, analysiert. Die Studie liefert ein, das vermag angesichts des Zeitpunktes nicht zu verwundern, noch unkonkretes Bild über die Erfolgsaussichten, attestiert den Verantwortlichen zwar Fortschrittlichkeit, macht den Erfolg aber von der Bereitschaft der Wahlkampfleitungen abhängig, die Communitys sich selbst überlassen zu können. (http://netzpolitik.org, o.V., “Politik im Web – eine Kurzstudie”) Genau eben diese Bereitschaft ist es, welche der SPD-Wahlhelfer seinen Vorgesetzten eben abspricht. Professionalisierung aber war bei allen Parteien in diesem Online-Wahlkampf zu sehen, ganz konkret bei der Adaption der Graswurzel-Idee, der Social-Network-Aktivitäten der Spitzenkandidaten und dem Ausbau von Online-Spenden. Die Autonomie des Kandidaten Obama hingegen, bedingt durch finanzielle Unabhängigkeit und schließlich durch breiteste Zustimmung auf Seiten des Wahlvolkes, konnte (und sollte wohl auch) nicht einmal in Ansätzen adaptiert werden. Personalisierungstendenzen wies der Online-Wahlkampf sicherlich auf, schließlich gab es nie zuvor aufwändiger designte Homepages der Spitzenkandidaten. Von einer Privatisierung, wie bei Obama zu sehen (der Senator Obama beim Spiel mit seinen Töchtern und beim Basketball etc.), konnte im Bundestagswahlkampf 2009 kaum die Rede sein. Schlussendlich muss dies aber nicht strategischen Erwägungen entsprechen, sondern kann auch der Tatsache geschuldet sein, dass weder Steinmeier noch Merkel Wert darauf legten, ihr Privatleben zur öffentlichen Angelegenheit zu machen. Solche Inszenierungen sind eben auch eine Frage politischer Kultur. Dies aber bestätigt die Shopping-Theorie, eine der Thesen, die die Amerikanisierung mittlerweile abgelöst haben. Der Shopping-Ansatz besagt, dass Elemente aus US-Wahlkämpfen eben immer nur dann „eingekauft“ werden, sofern sie sich mit hiesigen Kandidaten, Parteizentralen, Wahlrechten, Regierungssystemen (eine große Koalition eignet sich mutmaßlich auch nicht für Lagerwahlkampf) und kulturellen Eigenheiten vereinbaren lässt. So lässt sich möglicherweise von „technischer Kopie“ des US-Online-Wahlkampfes sprechen, im Sinne eines wegweisenden Erfolges aber keinesfalls von „Obamaisierung“. Mit Blick auf die Wahlkampf-Rhetorik scheint sich, angesichts der zaghaften Versuche Merkels, den präsidialen und einigenden Ton Obamas in hiesige Ansprachen zu implementieren, wo es nicht allzu sehr wehtat, das Shopping-Modell ebenfalls zu bestätigen.


Lucas von Bothmer
Magister Artium Neuere Geschichte und Politikwissenschaft,
MBA Medienmanagement

Am 22. September 1983 in Hannover geboren, machte er das Abitur im Jahr 2002 in Celle, Niedersachsen. Nach der Bundeswehrzeit in Lüneburg schrieb er sich an der Universität Heidelberg ein, wo er neuere Geschichte und Politikwissenschaft studierte, was er im Jahr 2007 an der Albert-Ludwigs Universität in Freiburg i.B. im Grad eines Magister Artiums erfolgreich beendete. Danach entschloss er sich zu einem Studium an der neu gegründeten Hamburg Media School, wo er im November 2009 den Titel eines MBA im Fach Medienmanagement erwarb. Sowohl Magister- als auch Masterarbeit schrieb er über Fragestellungen nach der Amerikanisierung von deutschen Bundestagswahlkämpfen, daher lag eine Promotion über die Modernisierungsaspekte der Bundestagswahl 2009 nahe, mit welcher er nunmehr als Doktorand an der Uni Freiburg betraut ist. Lucas v. Bothmer absolvierte Praktika bei „Spiegel Online“, dem Politmagazin „Cicero“ und schrieb als freier Mitarbeiter für ein Freiburger Internetmagazin.

Koalitionsoptionen aus tiefensemantischer Perspektive

Montag, 5. Oktober 2009

Der Wahlkampf ist zu Ende, die Wahlen sind entschieden. Bei den Verlierern hat die Zeit der personellen Erneuerung begonnen, die Sieger konzipieren Regierungsprogramme und schmieden gemeinsame Pläne für die Opposition. Auch wenn klar ist, wer Deutschland in den nächsten vier Jahren regieren wird, so spielen die künftigen Koalitionsoptionen auch für die Oppositionsparteien eine zentrale Rolle.

Die Forschergruppe semtracks hat ein Verfahren entwickelt, das es erlaubt, die semantische Nähe von Parteien zu ermitteln. Der Index gibt an, wie hoch die semantische Übereinstimmung in zentralen politischen Konzepten ist, d.h. inwieweit Parteien das gleiche meinen, wenn sie ein Wort wie Freiheit benutzen. Der Index sagt freilich nichts darüber aus, wie hoch die programmatische Kohärenz zwischen zwei Parteien ist. So ist es durchaus möglich, dass zwei Parteien zwar das gleiche unter dem Begriff der Freiheit verstehen, die eine Partei die Märkte weiter liberalisieren, die andere Partei jedoch ein höheres Maß an Regulierung durchsetzen will, weil sie die Freiheit der Märkte als Ursache sozialer Missstände ansieht. Der semtracks-Kohärenz-Index verweist also auf tiefensemantische Übereinstimmungen.

Für die vorliegende Analyse wurden sämtliche Pressemitteilungen der zurückliegenden Legislaturperiode miteinander verglichen.

1. Koalitionsoptionen der CDU

Die folgende Grafik zeigt, dass eine schwarz-gelbe Koalition auch in tiefensemantischer Perspektive für die CDU die erste Option ist.

Von allen Koalitionsoptionen der CDU, aber auch im Vergleich zu denen der SPD, liegt hier der Kohärenzindex mit 10,31 absolut am höchsten. Übereinstimmungen finden sich vor allem in den Bereichen der Frauen- und Familienpolitik (Begriffe Frau, Erziehung, Vereinbarkeit, Familie, Beruf, Kind, Jugend, Jugendliche und Generation), der Kulturpolitik (Kultur, Kunst, Forschung und Wissenschaft), der Umweltpolitik (Energieeffizienz, Klimaschutz, Naturschutz, Verkehr), des Verbraucherschutzes (Verbraucherschutz, Lebensmittel, Verbraucher) und in Teilen der Sozialpolitik (Arbeitslose, Sanierung, Eigentum, Teilhabe). Daneben zeigen sich Übereinstimmungen im Feld der Erinnerungspolitik (Einheit, Mauer, Geschichte, Heimat). Erstaunlich ist, dass in den Bereichen der Finanz- und Wirtschaftspolitik keine so starke semantische semantische Kohärenz sichtbar wird. Etwa rangieren Begriffe wie
Wachstum, Wirtschaftswachstum, Haushalt oder Besteuerung bestenfalls im Mittelfeld, Begriffe wie Konsolidierung, Lohnzusatzkosten, Entlastung, Wohlstand oder Mindestlohn sogar am Ende der Skala.

Erstaunlich ist, dass CDU und DIE LINKE mit 6,84 eine vergleichsweise hohe Kohärenz aufweisen. Insbesondere bei den Begriffen aus den Wortfeldern Arbeit (Arbeitsmarktpolitik, Arbeitnehmer und Arbeit), Migration (Migranten, Integration und Herkunft) und Bildung/Soziales (Kindergeld, Bildung, Altersvorsorge) zeigen sich tiefensemantische Übereinstimmungen. Die Nähe von Linkspartei und CDU mag sich daraus erklären, dass beide Parteien sich implizit an den inhaltlichen Entwürfen der jeweils anderen Partei abarbeiten und sich so bei aller programmatischer Differenz eine tiefensemantische Kohärenz ergibt.

2. Koalitionsoptionen der SPD

Auch für die Koalitionsoptionen der SPD hat semtracks teilweise überraschende Werte gefunden. So zeigt die folgende Grafik, dass die Sozialdemokraten zwar mit ihrem grünen Wunschpartner die höchste Kohärenz aufweisen (7,15). Jedoch belegt die Analyse auch, dass die einzige realistische Koalitionsoption der SPD – nämlich die Erneuerung der großen Koalition – in tiefensemantischer Hinsicht wenig vielversprechend war. Im Gegenteil zeigte sich eine größere Kohärenz zwischen SPD und Linkspartei (5,35) als zwischen SPD und CDU (4,63).

Wenig überraschend sind es auch die klassischen sozialdemokratischen Politikfelder, in denen sich zwischen SPD und DIE LINKE eine große Übereinstimmung gibt: Im Bereich der Auffassung von Grundwerten (Begriffe Gerechtigkeit, Chancengleichheit, Teilhabe, aber auch Frieden, Freiheit, Sicherheit), im Bereich der Sozial- und Bildungspolitik (Frau, Eltern, Jugendliche und Kind sowie Schule und Bildung) und schließlich auch im Bereich der Arbeits- und Wirtschaftspolitik (Wirtschaft, Unternehmen, Mindestlohn, Arbeit und Arbeitnehmer).

3. Fazit

Deutschland wird also demnächst von einer Koalition regiert, deren Parteien in tiefensemantischer Hinsicht auch am stärksten konvergieren. Die Koalitionsverhandlungen versprechen vor allem im Bereich der Finanz- und Steuerpolitik strittig zu werden – dies jedenfalls legt die semantische Analyse nahe.

Dass es nicht zu einer Neuauflage der großen Koalition gekommen ist, ist in tiefensemantischer Hinsicht zu begrüßen. Nach 4 Jahren gemeinsamen Regierens scheinen die Gemeinsamkeiten aufgebraucht zu sein. Dass es eine große semantische zwischen SPD und DIE LINKE gibt, überrascht kaum. Ob daraus eine realistische Koalitionsoption für den Bund erwächst, bleibt abzuwarten. Denn allzugroße Ähnlichkeit weckt den Wunsch, Differenzen umso stärker zu betonen. Es wird also auf die Strategien der politischen Akteure ankommen. Semantisch steht der Koalition nicht viel im Weg.

Rhetorik des Populismus? Die Reden Guido Westerwelles und Oskar Lafontaines im Vergleich

Donnerstag, 10. September 2009

Ihre Scharfzüngigkeit ist gefürchtet. Wenn sie im Bundestag sprechen, verlässt für gewöhnlich niemand den Plenarsaal. Wegen ihrer rhetorischen Schärfe sehen sich beide oft mit dem Vorwurf des Populismus konfrontiert: Oskar Lafontaine, Vorsitzender der Partei DIE LINKE, und Guido Westerwelle, Vorsitzender der FDP.

Damit sind die Gemeinsamkeiten der beiden Oppositionsführer auch schon benannt. Sie stehen Parteien vor, die in fast allen Politikbereichen – von der Sozial-, über die Wirtschafts- und Steuerpolitik bis hin zur Außenpolitik – diametral entgegengesetzte politische Konzepte vertreten. So ist es auch nicht verwunderlich, dass beide Lager politische Kampfbegriffe zur Bezeichnung ihrer Gegner geprägt haben: Lafontaine spricht im Kontext der FDP gerne von den Neoliberalen, Westerwelle hat im Gegenzug die Bezeichnung Neosozialisten für jene politischen Kräfte gewählt, die sich an der “Wiederbelebung der modrigen Leiche” Sozialismus versuchten.

Wie weit gehen also die Ähnlichkeiten und wo liegen die Unterschiede in der Rhetorik der Frontmänner von Linkspartei und FDP?

Die folgende Untersuchung der Strategien sprachlicher Wirklichkeitskonstruktion beruht auf folgenden Korpora:

1) 80 Reden von Guido Westerwelle im Zeitraum vom 6.1.2003 bis 2.7.2009 (154.298 Wörter)
2) 65 Reden von Oskar Lafontaine im Zeitraum vom 8.11.2005 bis 20.6.2009 (108.265 Wörter)

Dazu werden weitere Korpora von Politikerreden zum Vergleich herangezogen.

1. Das Konzept “Staat”

Als repräsentativ für die inhaltlich-ideologischen Differenzen können die unterschiedlichen Verwendungsweisen des Wortes “Staat” gelten. Mit der Bezeichnung “Staat” können entweder real existierende politische Einheiten, z.B. die Staaten der Europäischen Union, oder das Abstraktum einer allgemeinen politischen Ordnungsmacht bezeichnet werden (“Der Staat hat die Aufgabe…”).

Wie die Kollokationsanalyse zum Lemma Staat in den Reden Oskar Lafontaines zeigt, referiert der Parteivorsitzende der Partei DIE LINKE häufig auf die europäischen Staaten, aber auch auf die schwachen Staaten der Welt. In den Staaten der europäischen Union macht er vor allem die Gefahr von Steuer- und Lohndumping aus, hofft jedoch zugleich auf die Einführung eines europäischen Mindestlohns. Angesichts des Auseinanderklaffens der sozialen Verhältnisse brauchen die schwachen Staaten aber auch die sozial Schwachen Regeln, die den Mächtigen Grenzen setzen. Nicht weniger als 11 Mal verwendet Lafontaine in seinen Reden ein Zitat von Montesquieu in verschiedenen Abwandlungen, das diese Lesart des Kollokationendiagramms stützt: “Zwischen dem Starken und dem Schwachen befreit das Gesetz, während die Freiheit unterdrückt”. Als Vorsitzender einer Oppositionspartei, aber auch weil der Staat den Banken Milliarden gibt, hält Lafontaine die Politik der Bundesregierung für falsch und verfehlt und nicht ganz überraschend die der eigenen Partei für gut.

Während der Staat für Lafontaine also Regeln setzen soll, um die Schwachen zu schützen, ist für den Vorsitzenden der FDP Freiheit eine entscheidende Kategorie, wenn es um die Aufgaben des Staates geht.

Wenn Guido Westerwelle über den Staat spricht, dann philosophiert er häufiger als Oskar Lafontaine über den Staat als abstrakte Ordnungsmacht: Der Staat müsse die Freiheit der Bürger gewähren. Freiheit ist ohne Verantwortung der Menschen nicht denkbar. Der starke Staat müsse sich auf seine Kernaufgaben konzentrieren. Zugleich steht der Staat für Westerwelle aber auch für soziale Sicherheit, sichert die soziale Marktwirtschaft und achtet auf soziale Gerechtigkeit, die freilich als Leistungsgerechtigkeit bestimmt wird. Dass das Wort Staat bei Westerwelle häufig mit dem Wort Steuer und Geld verknüpft ist, belegt, wie zentral wirtschafts- und finanzpolitische Kategorien für die FDP und ihren Vorsitzenden sind.

Die parteipolitischen Unterschiede zeigen sich auch deutlich, wenn man die Derivate des Wortes “Staat” auszählt, die beide verwenden. Während Westerwelle etwa doppelt so häufig als Lafontaine die Wörter Rechtsstaat, Rechtsstaatlichkeit, Wohlfahrtsstaat und Sozialstaat verwendet, benutzt Letzterer häufiger die Wörter Verstaatlichung, verstaatlichen und Staatsversagen. Auffällig ist, dass das Wort Staatsausgaben fast ausschließlich bei Lafontaine vorkommt, er aber – anders als sein liberaler Kontrahent – nie von Staatseinnahmen spricht.

Sog. Determinativkomposita können auf Interpretationen und Bewertungen des in Rede stehenden Gegenstands verweisen, denn bei ihnen wird das Grundwort durch ein Bestimmungswort spezifiziert. Insgesamt erweist sich Westerwelle hier als größerer Meister der polemischen Wortbildung, wenn er – Steuersenkungen, Entbürokratisierung und die Kürzungen von Sozialleistungen im Blick – vom Abgabenstaat, vom Bürokratiestaat, vom Gewerkschaftsstaat oder vom Verteilungsstaat spricht.

2. Emotionalisierungsstrategien

Gemäß Brockhaus ist es eines der definitorischen Merkmale des Populismus, Emotionen, Vorurteile und Ängste der Bevölkerung zu schüren und für eigene Zwecke zu nutzen. Zugleich ist es eine wichtige Aufgabe von Oppositionspolitikern, das Regierungshandeln schlechtzureden. Ein Modus des Kritisierens ist die Empörung, denn je emotionaler die Kritik vorgetragen wird, desto glaubhafter erscheint sie in den Augen der Wähler. Eine drastische Wortwahl fungiert dabei als Emotionalitätsmarker.

Auf diesem Feld erweist sich Oskar Lafontaine seinem politischen Widersacher Guido Westerwelle überlegen. So benutzt er etwa skandalisierende Adjektive doppelt so häufig wie der Parteivorsitzende der FDP. 0,73 % aller Adjektive haben einen skandalisierenden Charakter – bei Westerwelle gerade einmal 0,35 %.

Dass die Verwendung solcher Adjektive oppositionsspezifisch ist, zeigt sich daran, dass bei Angela Merkel nur 0,1 % und bei Frank Walter Steinmeier gar nur 0,09% aller Adjektive skandalisierenden Charakter haben.

Die Hitliste skandalisierender Adjektive Oskar Lafontaines lautet:

dumm 7
bodenlos 7
verantwortungslos 6
pervers 5
absurd 5
unverschämt 4
feige 4
billig 4
beängstigend 3
ungeheuerlich/ungeheuer 3
dreist 2

Es finden sich weiterhin die Adjektive skandalös, fatal, menschenverachtend, erbärmlich, empörend, bösartig, beispiellos und abstrus.

In Frequenz und Intensität schwächer liest sich hingegen Westerwelles Liste:

absurd 7
peinlich 6
billig 5
unverschämt 3
fatal 3
erschreckend 3
beispiellos 3
skandalös 2
dumm 2

Neben diesen verwendet Westerwelle auch widerwärtig, schändlich, menschenverachtend, grotesk, gemein und empörend.

Auch bei der Vermeidung positiv besetzter Adjektive hat Lafontaine die Nase vorn. Insgesamt benutzen zwar beide Oppositionsführer weniger positive Adjektive als die Spitzenpolitiker der Regierungskoalition. Lafontaine gebraucht mit 10,7 pro 1.000 Wörtern jedoch deutlich seltener positiv besetzte Adjektive als Westerwelle, bei dem im Durchschnitt 12,1 Wörter von 1.000 positiv besetzte Adjektive sind. Der Vergleich mit Fritz Kuhn, dem Fraktionsvorsitzenden der GRÜNEN zeigt, dass Werte um 12 je 1.000 Wörter für Oppositionspolitiker typisch sind.

Damit liegen Westerwelle und Lafontaine deutlich hinter Politikern der Regierungskoalition, die im Durchschnitt 18,2 positiv besetzte Adjektive in 1000 Wörtern benutzen, um damit die politische Wirklichkeit und ihr eigenes Handeln in einem guten Lichte erscheinen zu lassen. Als Spitzenreiter erweisen sich SPD-Kanzlerkandidat Frank Walter Steinmeier und Bundespräsident Horst Köhler.

Eine qualitative Analyse der verwendeten Adjektive fördert aber Unerwartetes zutage, wie die folgende Liste der Top 10 der positiv besetzten Adjektive zeigt.

Top 10 Westerwelle
415 gut
162 sozial
131 gemeinsam
69 stark
48 fair
28 echt
26 erfolgreich
24 weltweit
21 interessant
20 modern
Top 10 Lafontaine
166 sozial
159 gut
39 stark
23 gemeinsam
18 sinnvoll
17 wunderbar
16 erfolgreich
15 weltweit
14 positiv
10 nachhaltig

Dass Lafontaine häufiger das Wort “sozial” benutzt als Westerwelle, überrascht nicht. Dass sich hingegen auch Westerwelle bemüht, in seinen Reden auf Werte wie Fairness und Gemeinschaftssinn (fair, gemeinsam, sozial) sprachlich Bezug zu nehmen, passt nicht in das neoliberale Bild, das von dem FDP-Politiker gezeichnet wird. Umgekehrt verweist die Referenz auf Stärke und Erfolg (stark, erfolgreich) bei Lafontaine auf ein bei Linken eher untypisches Framing.

Auch intensivierende Gradpartikel verwendet Oskar Lafontaine mit durchschnittlich 5,7 je 1000 Wörter häufiger als Guido Westerwelle (4,7). Wie allerdings die folgende Grafik zeigt, liegen Lafontaine und Westerwelle damit am Ende des Feldes einer Auswahl deutscher Spitzenpolitiker. Mit Abstand am häufigsten verwendet Angela Merkel Intensivierer.

Insgesamt malt Lafontaine also die Welt in schwärzeren Farben und mit mehr Empörung und Emphase als sein Widersacher Guido Westerwelle.

3. Bürgerinnen und Bürger vs. Bevölkerung, Arbeitnehmer und Rentner

Populismus definiert sich über ein spezifisches Verhältnis zum “Volk”. Populisten nehmen für sich in Anspruch, für das Volk zu sprechen und dessen Meinung zu artikulieren. Untersucht man, welche Nomen für die Reden Lafontaines und Westerwelles jeweils typisch sind, so zeigt sich, dass beide Politiker je andere Personengruppen zum Objekt von Politik machen.

Während Westerwelle signifikant häufiger pauschal von Bürgerinnen und Bürgern spricht, benutzt Lafontaine häufiger die Vokabeln Bevölkerung, Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sowie Rentner.

Im Gebrauch der Wörter Bürger und Bevölkerung zeigen sich aber auffällige Überschneidungen, wie die folgende Kollokationsanalyse zeigt.

Wenn Lafontaine von der Bevölkerung spricht, dann meist im Gestus dessen, der weiß, was die Bevölkerung sagt bzw. weiß. Mit der Vokabel der Bevölkerung assoziiert sind die Wörter Gesellschaft, Volk, Land und Bundesrepublik Deutschland.

Auch in Westerwelles Verwendung des Wortes Bürger zeigt sich, dass er sich als Sprachrohr des Bürgerwillens inszeniert. Auch bei ihm treten die Verben wissen und sagen sowie verlangen im Kontext des Wortes Bürger auf. Anders als bei Lafontaine ist im Kollokagramm von Westerwelle die Vokabel Bürger von den Wörtern Staat, Regierung, Politik und Freiheit eingerahmt.

Auffällig ist zudem folgender Unterschied: Wenn Lafontaine von der Bevölkerung spricht, dann referiert er meist auf einen Teil von ihr (Mehrheit, Prozent, Drittel), Westerwelle dagegen spricht pauschal von allen Bürgerinnen und Bürgern.

Dieser Sprachgebrauch ist ein Indiz dafür, dass Lafontaines politische Rhetorik davon lebt, die Bevölkerung als in unterschiedliche Interessensgruppen gespalten darzustellen, wobei er selbst als Anwalt der Mehrheit auftritt. Westerwelle hingegen sieht sich als Vertreter der politischen Mitte und einer allgemeingültigen Vernunft. Für ihn stehen sich nicht unterschiedliche Interessensgruppen gegenüber, vielmehr bewegt ihn das Verhältnis von Staat, Politik und Bürgern.

4. Stilistische Besonderheiten

Vergleicht man die stilistischen Merkmale der beiden Politiker, so zeigt sich, dass Lafontaine zu tendenziell komplexeren, d.h. auch weniger zuhörerfreundlichen Formulierungen neigt als Westerwelle. Durchschnittlich sind seine Sätze 14,6 Wörter lang und damit 1,6 Wörter länger als die Sätze Westerwelles.

Auch Partizipialkonstruktionen wie die lange Jahre herrschende Ideologie, die von der Bundesregierung geplante Reform oder der auf dem Tisch liegende Vorschlag, die im gesprochenen Deutsch üblicherweise durch Relativsätze ausgedrückt werden (“der Vorschlag, der auf dem Tisch liegt”), finden sich bei Lafontaine signifikant häufiger als bei Westerwelle. Sie können zusammen mit den ebenfalls bei Lafontaine häufiger auftretenden Nominalgruppen-clustern (eine Krise der Demokratie und der Wirtschafts- und Sozialordnung) als typisch für die geschriebene Sprache gelten.

Hinzu kommt noch, dass Lafontaine häufiger als Westerwelle Sätze mit den unpersönlichen Pronomen “es” und “man” bildet.

Es ist anerkennenswert, dass
Es wäre ja vorstellbar, dass
Es wäre natürlich nett, wenn
Es genügt auch nicht, wenn
Es war heute Morgen wieder
Es liegen bereits seit 2007

Das unpersönliche Pronomen “man” tritt häufig mit Modalverben auf, was darauf verweist, dass Lafontaine häufiger allgemeine Forderungen erhebt:

, dann muss man
, so kann man
, dann sollte man
, vielmehr muss man
, dann müsste man
, dann kann man

Lafontaines Reden unterscheiden sich auch im Hinblick auf die Nennung von Zahlen von den Reden Westerwelles, der sehr viel seltener präzise Zahlen nennt:

Stundenlöhne von 5,86 Euro
Prozent auf 43,5 Prozent
Steuersatz von 12,5 Prozent
Entlastung von 379,33 Euro
Summe um 51 Prozent
Mindestlohn bei 8,13 Euro
Größenordnung von 0,3 Prozent
Höhe von 8,71 Euro

Auch die häufige Nennung von Zahlen auf Punkt und Komma trägt nicht zur Steigerung der Transparenz von Reden bei, vielmehr dient sie der Inszenierung von Kompetenz.

Lafontaine benutzt allerdings häufiger als Westerwelle redestrukturierende Wendungen wie die folgenden:

will ich hier einmal anmerken
möchte ich hier einmal ansprechen
will es einmal anders formulieren
möchte ich noch einmal feststellen
muss ich hier einmal sagen
möchte ich noch einmal sagen
möchte ich gerade noch eingehen
Ich will noch einmal
Ich möchte hier nun
Ich möchte zuerst etwas
In diesem Zusammenhang erinnere
Vor diesem Hintergrund verstehe
In diesem Zusammenhang sprach
Ich komme nun zum
Nun kommen wir zur
Jetzt komme ich zur
wie ich hier vorgetragen habe
wenn ich hier gestockt habe
wie ich vorher beschrieben habe
ich Ihnen hier vorgetragen habe
Ich beginne mit einem
Ich schließe mit dem

Lafontaines Sprache ist strukturell gesehen also insgesamt komplizierter und abstrakter als die seines Widersachers, er kompensiert die mangelnde syntaktische Transparenz jedoch mittels redestrukturierender Elemente.

Zwar finden sich auch bei Westerwelle einige wenige Merkmale, die auf den ersten Blick für eine komplizierte und abstrakte Ausdrucksweise stehen, doch haben diese Merkmale häufig eine andere Funktion als bei Lafontaine. So verwendet auch Westerwelle das unpersönliche Pronomen “es” häufig, allerdings am Satzanfang mit der Funktion, das folgende Subjekt zu betonen:

Es ist die Lücke
Es ist eine Regierung
Es ist ein Paket
Es ist eine Frechheit
Es ist ein Fehler

Im Vergleich zu Lafontaine bedient sich Westerwelle sehr viel häufiger direkter Adressierungen der Zuhörer seiner Reden oder der politischen Gegner. Eine Besonderheit seiner Reden sind kurze, meist nur vier Worte lange Sätze, häufig mit Gleichsetzungsnominativen, die pointierte Aussagen enthalten.

Sie sind die Regierung.
Es ist die Ouvertüre.
Er ist ein Albtraum.
Es ist die Familie.
Es ist die Bürgergesellschaft.
Es ist ein Drama!
Wir haben ein Lebensgefühl.
Wir haben ein Vollzugsdefizit.

Zwar verwendet Westerwelle seltener redestrukturierende Floskeln, dafür finden sich aber auffällig viele sprachliche Muster mit Demonstrativpronomen, die auf den vorangegangenen Satz bzw. frühere Teile seiner Rede verweisen und so Kohärenz herstellen.

Das ist eine babylonische Sprachverwirrung…
Das ist der gefühlte Westerwelle…
Das ist der entscheidende Auftrag…
Das ist eine falsche Anschuldigung…
Das ist ein wichtiger Beitrag…
Das ist der entscheidende Kritikpunkt…
Das ist die ganze Wahrheit…
Das ist die falsche Richtung…

Zum Schluss noch einige auffällige Formulierungsmuster der beiden Parteivorsitzenden. Lafontaine bedient sich häufig der Formulierung nicht in der Lage sein, wobei die Regierung, das Parlament oder Hartz-IV-Empfänger die häufigsten Subjekte der Aussagen sind.

Eine der häufigsten Phrasen Westerwelles ist hingegen die FDP wird im Falle einer Regierungsbeteiligung. Zudem finden sich bei Westerwelle signifikant häufiger als bei Lafontaine Muster, die aus dem Quantor “mehr” und einem Nomen bestehen. Die Nomen haben dabei durchaus programmatische Qualitäten. Sie lassen sich ordnen, in Dinge, die Westerwelle befürwortet…

24 mehr Freiheit
20 mehr Geld
7 mehr Menschen
6 mehr Eigenverantwortung
4 mehr Verantwortung
4 mehr Flexibilität
3 mehr Wettbewerb
3 mehr Arbeitsplätze
2 mehr Wohlstand
2 mehr Netto
2 mehr Macht
2 mehr Investitionen
2 mehr Glaubwürdigkeit
2 mehr Chancen

… und solche, die er gerne verhindern möchte:

8 mehr Bürokratie
6 mehr Unfreiheit
6 mehr Steuern
4 mehr Schulden
3 mehr Staat
2 mehr Umverteilung
2 mehr Regulierung
2 mehr Arbeitslosigkeit

5. Fazit

Guido Westerwelle und Oskar Lafontaine nehmen beide für sich in Anspruch, für das Volk zu sprechen. Während Westerwelle als Politiker der Mitte den Willen aller Bürgerinnen und Bürger zu artikulieren glaubt, betont Lafontaine, dass er für die Mehrheit der Bevölkerung spreche, und betont somit die Interessensgegensätze innerhalb der bundesdeutschen Gesellschaft.

Während Westerwelle ein Meister der polemischen Komposita ist, der mit prägnanten Formulierungen seine Vorstellungen von mehr Freiheit und Verantwortung der Bürger in Worte fasst, zeichnet Lafontaine in komplizierteren Formulierungen, jedoch mit mehr skandalisierenden Adjektiven und zahlreichen Intensivierern sein düsteres Bild von der bundesrepublikanischen Gegenwart.

Ob diese sprachlichen Strategien als Populismus zu bezeichnen sind, ist letztlich eine politische Frage, die sich aus linguistischer Perspektive nicht beantworten lässt.

Kanzlerduelle auf Distanz

Montag, 7. September 2009

Die Sommerinterviews von Merkel und Steinmeier im linguistischen Vergleich

Am kommenden Sonntag kommt es zum ersten und einzigen Fernsehduell der Kanzlerkandidat/innen von CDU/CSU und SPD, von Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier.

Doch schon vorher haben die Bundeskanzlerin und ihr Herausforderer zeitversetzt in nahezu identischen Fernsehformaten Rede und Antwort gestanden. Die folgende semtracks-Analyse sucht nach Mustern im Sprachgebrauch der Kandidaten in den folgenden Fernsehsendungen:

  • den ARD-Sommerinterviews mit Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier,
  • den ZDF-Sommerinterviews mit Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier und
  • den RTL-”Town-Hall Meetings”.

1. Persönlichkeitsmarketing und Dialogizität

Vergleicht man, welcher der beiden Kandidaten welche Personalpronomina am häufigsten benutzt hat, so zeigt sich, dass Frank-Walter Steinmeier signifikant häufiger ich und Sie verwendet, was auf einen persönlicheren und dialogischeren Stil schließen lässt. Angela Merkel hingegen benutzt sehr viel häufiger Formulierungen mit den unpersönlichen Pronomen man und es.

Dazu passt, dass Steinmeier seine politische Gegnerin mehrfach beim Namen nennt, während Merkel ausschließlich vom Außenminister spricht. Sie tut dies freilich immer nur dann, wenn sie auf Gemeinsamkeiten verweist oder, rhetorisch noch geschickter, ein Lob bereit hat: “Im Übrigen ist es dann auch noch so, muss man auch sehen, zum Beispiel Außenminister sind auch oft sehr beliebt, wenn man mal an den jetzigen denkt, aber auch an Hans Dietrich Genscher, der aus einer kleinen Partei kam. Da war die Differenz allemal größer. Den haben noch mehr Leute gut gefunden und die Partei hat deutlich weniger gekriegt.”

2. Nominalstil vs. emphatisches Sprechen

Obwohl Steinmeier geschickter auf der Klaviatur des Persönlichkeitsmarketing zu spielen scheint, ist sein Stil in anderer Hinsicht noch immer deutlich hölzerner als der seiner Rivalin von der CDU.

Als typische Merkmale des Nominalstils finden sich in seinen Statements signifikant häufiger Passivkonstruktionen und Aneinanderreihungen von Präpositionalgruppen (Im nächsten Jahr muss die Automobilindustrie und die Arbeitsplätze in der Automobilindustrie wieder stärker durch den Export gestützt werden oder durch Stabilisierung der Binnennachfrage hier in Deutschland versuchen, rund 2 x häufiger).

Angela Merkel hingegen erweist sich auch in den Fernsehsendungen als sehr emphatische Sprecherin. In 1000 Wörtern finden sich in ihren Statements durchschnittlich 12,2 Gradpartikel, bei Steinmeier gerade einmal 7,54.

Damit liegt der Wert bei ihr noch höher als in ihren Reden, wie die folgende Grafik zeigt:

Steinmeier hingegen liegt sowohl in seinen Reden als auch in den Fernsehsendungen deutlich hinter der Kanzlerin zurück.

3. Positive Botschaften

Analysiert man, wie häufig die beiden Kandidaten Adjektive benutzen, die eine positive Konnotation haben, dann zeigen sich ebenfalls deutliche Unterschiede. Während in Frank-Walter Steinmeiers Statements rund 9 von 1000 Wörtern positiv besetzte Adjektive sind, sind es bei Angela Merkel über ein Drittel mehr (12,7 von 1000 Wörtern). Besonders groß sind die Unterschiede bei der bei beiden frequentesten Vokabel gut, die Merkel 3,5 mal häufiger benutzt als Steinmeier. Während für Steinmeier die Adjektive stark, sozial und erfreulich charakteristisch sind, sind es für Merkel die Vokabeln gemeinsam, stark und stabil.

4. Phrasen

Die folgenden semtracks PhraseClouds zeigen jene Wendungen, die von Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier am häufigsten verwendet wurden:


Angela Merkel

Frank-Walter Steinmeier

Interessant ist, dass sich bei Steinmeier im Vergleich zu Merkel sehr viel mehr Phrasen mit Inhaltswörtern finden, die auf Programmatisches verweisen:

Arbeitslosigkeit zu reduzieren
in der Automobilindustrie
für den Mittelstand
die künftigen Generationen
für Städte und Gemeinden
einer schwarz gelben Koalition
für weltweiten Terrorismus
Kreativangeboten aus Deutschland

Dagegen dominieren bei Angela Merkel Phrasen rhetorischen Charakters. Und dies, obwohl die Phrase nicht drumrum reden für Merkel signifikant ist. Bei Angela Merkel finden sich zudem zahlreiche Phrasen, die auf die Finanz- und Wirtschaftskrise verweisen:

vor der Krise
aus diesem Tal
dass die Banken
Die Krise ist
aus dem Ruder
die ökonomische Situation
in dieser schwierigen Situation
Krise haben wir

Auffällig bei Merkel sind zudem zahlreiche Satzanfänge mit Also und die intensivierende Doppelung von Partikeln und Adjektiven wie in sehr, sehr oder viele, viele.

5. Fazit: Wohlfühlkanzlerin gegen sachorientierten Herausforderer

Angela Merkel setzt in ihren Interviews auf einen nähesprachlichen Kommunikationsstil. Ausgehend von den Problemen der Wirtschafts- und Finanzkrise sind ihre Botschaften bei aller Sprödigkeit (Satzanfänge mit Also) darauf ausgerichtet emphatisch ein positives Bild zu zeichnen. Merkel inszeniert sich als das emotionale Zentrum, das die Gesellschaft zu einem Wir vereint, das für die gemeinsame Lösung von Problemen und für die Wendung zum Guten in schweren Zeiten steht.

Frank-Walter Steinmeier hingegen gibt den sachorientieren Politiker, der viele Politikfelder benennt und sich um direkten Dialog bemüht. Dabei spricht er jedoch – ähnlich wie in seinen Reden – eine vergleichsweise technokratische Sprache.

Ob am Ende die emotionale Botschaft oder die Inszenierung als sachorientierter Politiker erfolgreicher ist, das werden die Wahlen zeigen.

Steinmeier: Strategiewechsel – Merkel: rhetorische Kontinutität.

Freitag, 28. August 2009

Eine Längsschnittanalyse zum Gebrauch politischer Vokabeln

Die Gebrauchsfrequenz von Inhaltswörtern ist ein guter Indikator dafür, welche Themen in einem Wahlkampf von den jeweiligen Kandidatinnen und Kandidaten gesetzt werden. Eine Längsschnittanalyse des Sprachgebrauchs in unterschiedlichen Politikfeldern kann sogar einen Strategiewechsel sichtbar machen.

Die folgende Analyse beruht auf sämtlichen Reden, die Bundeskanzlerin Angela Merkel und der Bundesaußenminister und Kanzlerkandidat der SPD Frank-Walter Steinmeier auf ihren Webseiten während der laufenden Legislaturperiode publiziert haben:
1. 386 Reden von Angela Merkel von November 2005 bis August 2009 (953.691 Wörter)
2. 358 Reden von Frank Walter Steinmeier von November 2005 bis August 2009 (604.521 Wörter)
Die Korpora wurden für die Längsschnittanalyse in Teilkorpora für jeden Monat der Legislaturperiode gruppiert. Die meisten Analysen wurden für den Zeitraum ab Oktober 2008 vorgenommen, in dem Frank-Walter Steinmeier auf einem SPD-Sonderparteitag in Berlin offiziell zum Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl 2009 gewählt wurde.

1. Nennung des politischen Gegners

Helmut Kohls Strategie im Wahlkampf war es stets, den politischen Gegner nicht beim Namen zu nennen. Fast nie waren aus seinem Mund die Namen der wechselnden SPD-Kanzlerkandidaten Helmut Schmidt, Hans-Jochen Vogel, Johannes Rau, Oskar Lafontaine, Rudolf Scharping oder Gerhard Schröder zu vernehmen. Angela Merkel scheint in dieser Hinsicht von ihm gelernt zu haben. Analysiert man, wie häufig die Bundeskanzlerin in der laufenden Legislaturperiode den Namen Steinmeier oder den seiner Partei SPD benutzt hat, so zeigt sich, dass sie den politischen Gegner kaum beim Namen nennt.

Spricht sie von Steinmeier, dann identifiziert sie ihn sprachlich fast immer mit seiner Funktion als Bundesaußenminister, bevorzugt spricht sie in letzter Zeit auch häufiger von “meinem Bundesaußenminister” und insinuiert dabei auf subtile Weise eine Hierarchie zwischen Kanzlerin und Kandidat. Zugleich erweckt die Bezeichnung “mein Bundesaußenminister” den Eindruck von Harmonie zwischen den politischen Gegnern und passt damit gut ins Merkels präsidialen Konfliktvermeidungswahlkampf. Seitdem Steinmeier offiziell Kanzlerkandidat der SPD ist, hat Merkel – mit Ausnahme im Dezember 2008 – seinen Namen in keiner ihrer Reden mehr erwähnt, ganz zu schweigen von dem seiner Partei.

Auch Frank-Walter Steinmeier war lange zurückhaltend im Nennen des Namens seiner politischen Kontrahentin. Seit seiner Nominierung zum Kanzlerkandidaten stieg die Frequenz der Nennung von Merkel und ihrer Partei CDU nur leicht an.

Im Monat August jedoch wird ein Strategiewechsel sichtbar. Steinmeier nennt vor allem Angela Merkel, aber auch die CDU sehr viel häufiger in seinen Reden direkt beim Namen, was auf einen konfrontativeren Politikstil verweist.

2. Nennung politischer Vorbilder

In diesem Kontext ist auch interessant zu beobachten, wie häufig Steinmeier und Merkel auf politische Vorbilder Bezug nehmen. Frank-Walter Steinmeier bevorzugte in den ersten Monaten seiner Kandidatur Barack Obama und Willy Brandt als positive Referenzpunkte. Seit Juli aber haben auch Gerhard Schröder und Helmut Schmidt, der Kanzler der Ölkrise, in seinen Reden Konjunktur.

Angela Merkel hingegen verzichtete lange weitgehend auf Bezüge zu den zentralen Leitfiguren in der Geschichte der CDU. Seit August ist aber ein rasanter Anstieg der Referenzen auf Konrad Adenauer, aber auch auf Ludwig Erhard, das Symbol der sozialen Marktwirtschaft bundesrepublikanischer Prägung, und auch auf Helmut Kohl zu beobachten.

3. Finanz- und Wirtschaftspolitik

Vergleicht man den Gebrauch des Wortes Krise und seiner Ableitungen, so zeigen sich Steinmeier und Merkel lange Zeit erstaunlich einträchtig. Die Kurven verlaufen annähernd parallel:

Seit Juli jedoch scheint Steinmeier dem Thema weniger Beachtung zu schenken als die Kanzlerin. Dies mag daran liegen, dass das Krisenmanagement eher mit der Regierungschefin und weniger mit dem Bundesaußenminister in Verbindung gebracht wird und sich Steinmeier daher weniger politisches Kapital von diesem Thema verspricht.

Im Hinblick auf das Thema Krisenmanagement ist auch ein Vergleich des Frequenzverlaufs des Wortes Opel interessant.

Das Verlaufsdiagramm zeigt, dass Steinmeier der Bundeskanzlerin jeweils um einen Schritt voraus war und sie mit dem Thema offensichtlich vor sich her getrieben hat. Erst nachdem der SPD-Kanzlerkandidat das Thema für sich entdeckt hatte, reagierte Merkel.

Seit Beginn der Finanz- und Wirtschaftskrise steht ein Berufsstand im Zentrum der Diskussion: die Manager. Sie wurden als Schuldige ausgemacht und zum Prügelknaben der Nation erklärt. Das Verlaufsdiagramm zeigt, dass vor allem Steinmeier sich in seinen Reden mit den Managern und ihren Verfehlungen auseinandergesetzt hat, während die Vorsitzende der traditionell wirtschaftsfreundlichen CDU Zurückhaltung walten lässt – zumindest was die Frequenz betrifft. Offensichtlich hat das Thema aber auch für Steinmeier inzwischen seine Zugkraft verloren.

Dafür hat Steinmeier ein neues Thema: Die Steuersenkungsankündigung der CDU. Passend zum Strategiewechsel bei der Nennung des politischen Gegners benutzt der SPD-Kanzlerkandidat sehr viel häufiger als die Kanzlerin die Wörter Steuersenkung und Steuererleichterung und eignet sich damit ein Thema an, mit dem die CDU bei den Wählern zu punkten hoffte.

Merkel hingegen marginalisiert das Thema Steuersenkungen in ihren Reden. Wohl auch deshalb, weil zahlreiche Journalisten und Experten in der Ankündigung von Steuererleichterungen eher ein rituelles Wahlversprechen als eine reale politische Option sahen.

4. Sozialpolitik

Vergleicht man die Gebrauchshäufigkeit des Adjektivs sozial in den Reden von Merkel und Steinmeier, dann zeigt sich, dass Merkel seitdem die Kanzlerkandidatur Steinmeiers feststand und damit das Ringen der Kandidaten begann, auch um die Stärkung ihres sozialen Profils bemüht war. Teilweise benutzte sie das Adjektiv sogar häufiger als ihr sozialdemokratischer Widersacher.

Das eigentliche Thema, mit dem Steinmeier versucht, sich gegenüber Merkel zu profilieren ist das Thema Gerechtigkeit. Analysiert man die Frequenzen des Gebrauchs des Wortes gerecht und seiner Derivate, so hat Steinmeier über die gesamte Zeit seiner Kandidatur hier die Nase vorn.

Interessant ist auch ein Blick auf den Frequenzverlauf bei der Nennung der Hartz-IV-Reformen.

Steinmeier schweigt in seinen Reden zu den unter Kanzler Gerhard Schröder unter seiner eigenen Mitwirkung verabschiedeten Sozialreformen seit Februar dieses Jahres.

Dafür hat Steinmeier im August das Thema Arbeitslosigkeit für sich entdeckt, wie die Frequenzanalyse zum Wort arbeitslos und seinen Derivaten belegt.

5. Fazit

Die genannten Indikatoren weisen darauf hin, dass Steinmeier seit August und damit seit Beginn der heißen Phase des Wahlkampfs, um einen Strategiewechsel bemüht ist. Er greift den politischen Gegner häufiger direkt an und versucht, neue Themen für sich zu besetzen. Bei Angela Merkel hingegen zeigen sich kaum Veränderungen. Dies ist eine Parallele zum US-Wahlkampf, den semtracks mit seinen Analysen begleitet hat. McCain als der in Umfragen zurückliegende Kandidat änderte mehrfach seine Strategie und erhöhte die Zahl der direkten Angriffe auf den politischen Gegner. Obama hingegen gab sich integrativ und präsidial.

Wie nah stehen sich Schwarz und Grün?

Freitag, 21. August 2009

Einleitung

„Wer hat Angst vor Schwarz-Grün?“ Veranstaltungen und Diskussionen mit diesem – wörtlichen oder sinngemäßen – Titel finden derzeit in der gesamten Bundesrepublik statt. Anlass dazu gibt die Möglichkeit einer schwarz-grünen Koalition auf Bundesebene. Befürworter eines Bündnisses zwischen Union und Grünen führen an, dass ein solches auf Landes- und Kommunalebene, etwa in Hamburg, bereits besteht und dass mit ihm Ökologiethemen auf nationaler Ebene an Bedeutung gewinnen könnten. Auf Seiten der Gegner werden die inhaltlichen Differenzen zwischen CDU/CSU und Grünen genannt, etwa jene in der Atomfrage. Diese Analyse widmet sich der Frage nach sprachlichen und inhaltlichen Gemeinsamkeiten von sowie Unterschieden zwischen Schwarz und Grün.

Datengrundlage

CDU/CSU: 404 Pressemitteilungen im Zeitraum von 28.2.2007 bis 5.8.2009 (74617 Wörter)
Grüne: 522 Pressemitteilungen im Zeitraum von 19.7.2009 bis 24.3.2009 (95373 Wörter)

Schlagworte und Kollokationen: Gemeinsamkeiten

Einen guten Überblick über die inhaltlichen Gemeinsamkeiten zweier Parteien erhält man, indem man untersucht, ob die Nomen, die beide häufig verwenden, in ähnlichen Kontexten auftreten. Bei CDU/CSU und Grünen trifft dies unter anderem auf die Schlagworte Demokratie, Menschenrecht, Sicherheit und Frau zu.

Beide Seiten nennen wiederholt Menschenrechte und Freiheit im Zusammenhang mit Demokratie. Die folgende Grafik verdeutlicht dies und zeigt darüber hinaus die Wörter, die nur bei der Union bzw. bei den Grünen im Umfeld des Lemmas Demokratie auftauchen:

Wie die folgende Übersicht zeigt, thematisieren sowohl Union als auch Grüne im Zusammenhang mit Menschenrechten die Frage nach den Menschenrechten in China – ein Thema, das während der Regierungszeit von Gerhard Schröder eher stiefmütterlich behandelt und den deutschen Wirtschaftsinteressen untergeordnet wurde:

Auch das Schlagwort Sicherheit verwenden CDU/CSU und Grüne mitunter im gleichen Kontext. Für beide stellt die innere Sicherheit ein zentrales Anliegen dar:

Ferner lässt sich bezüglich der Gleichstellung von Mann und Frau ein Grundkonsens zwischen CDU/CSU und Grünen festzustellen; dies zeigt sich an den gemeinsamen Kollokatoren Gleichstellung und Beruf zum Lemma Frau. Gleichzeitig werden bei diesem Schlagwort allerdings bereits Unterschiede deutlich: Auffallend ist zunächst, dass sich die Grünen dem Thema Gleichstellung intensiver widmen als die Union. Auch ist das Thema bei den Grünen breiter gefasst: Angesprochen werden auch Einkommensunterschiede, Gewalt gegen Frauen und das Thema „Gebärzwang“. Insgesamt deutet dies auf ein differenzierteres Bild von Frauenpolitik bei den Grünen hin. Bei den Kollokatoren der Union fällt auf, dass neben Gleichstellung auch das Lemma Gleichberechtigung vertreten ist, das im Gegensatz zum ersten nicht den Ruf nach aktiven Maßnahmen zur Gleichverteilung der Geschlechter impliziert.

Anzumerken ist außerdem, dass der Themenbereich Umwelt- und Klimaschutz auch in den Pressemitteilungen der Union eine Rolle spielt, wenngleich sich kein einzelnes Wort daraus aufgrund seiner Häufigkeit als Schlagwort herauskristallisiert hat. Nachfolgend sind die einschlägigen Wörter aus den Wortfeldern Klima und Umwelt, wie sie in den Pressemitteilungen von CDU und CSU vorkommen, aufgeführt:

Klima, Klimaschutz, Klimawandel, Klimaschutzkonzept, Klimaziel, Klimapolitik, Klima-Beschlüsse, Klimaänderung, Klimaschutzziel; Umwelt, Umweltverträglichkeit, Umweltschutz, Umwelttechnologie, Umweltpolitik, Umweltforschung, umweltverträglich

Sie zeigen, dass die Union weiterhin daran arbeitet, neben der Charakterisierung von Angela Merkel als „Klimakanzlerin“ ihr ökologisches Profil zu schärfen.

Schlagworte und Kollokationen: Unterschiede

Nomen und Adjektive

Neben den gemeinsamen Schlagworten lassen sich auch solche ausmachen, die nur für eine der beiden Seiten typisch sind. Die Wortwolken mit den Nomen und Adjektiven, die bei der Union signifikant häufiger vorkommen als bei den Grünen und umgekehrt, zeigen deutlich die inhaltlichen Unterschiede: Neben den Themen Klima- und Umweltpolitik ist bei den Grünen zum Beispiel ein Schwerpunkt auf internationalen Angelegenheiten zu erkennen. Es finden sich zahlreiche Bezeichnungen für die Zugehörigkeit zu außereuropäischen Ländern, etwa amerikanisch, chinesisch, irakisch oder iranisch. Derartige Bezeichnungen, die auf die internationale Politik verweisen, finden sich in den Pressemitteilungen der Union nur selten. Dies mag daran liegen, dass die Union in der gegenwärtigen Regierung nicht das Außenministerium besetzt.

Die Pressemitteilungen der Grünen enthalten überdies eine Vielzahl von negativ bewertenden Adjektiven, beispielsweise brutal, diskriminierend, einseitig, erschreckend, falsch oder gefährlich. Dem stehen auf Seiten der Union positiv bewertende Adjektive wie großartig, gut, herausragend, richtig oder sinnvoll gegenüber. Dieser Adjektivgebrauch reflektiert die unterschiedlichen Wirklichkeitskonstruktionen von Regierungs- und Oppositionspartei.

Ferner lässt sich bei den Grünen eine Auseinandersetzung mit dem Thema Datenschutz erkennen. Bei CDU und CSU nehmen wie zu erwarten die Themen Wirtschaft, Arbeit, Gesellschaft, Familie und Soziales einen hohen Stellenwert ein.

CDU/CSU

Wirtschaft, Arbeit:

Arbeit Arbeitnehmer Arbeitsgruppe Arbeitslose Arbeitslosigkeit Arbeitsmarkt Arbeitsmarktzahl Arbeitsplatz Aufschwung Beschäftigte Betrieb Gewerkschaft Leistung Marktwirtschaft Mitarbeiterbeteiligung Unternehmen Wirtschaft betrieblich sozialversicherungspflichtig steuerlich wirtschaftlich

Politische Ämter, Parteien, Gruppierungen und Institutionen:

Bund Bundeskanzlerin Bundespräsident CDU-Generalsekretär Generalsekretär Kommission Linkspartei Partei Pressestelle Staat Union Verband Vorsitzende CDU-geführt link regierend rot-grün rot-rot unionsgeführt

Positiv bewertende Adjektive:

erfolgreich großartig gut herausragend konstruktiv positiv richtig sinnvoll solid|solide stabil

Gesellschaft, Familie, Soziales:

Familie Generation Gesellschaft Jugendliche Mensch gesellschaftlich sozial

Bezeichnungen nationaler Herkunft:

Berliner hessisch national

Kirche, Religion:

Kirche christlich katholisch

Bezeichnungen internationaler Herkunft:

Weißrußland weißrussisch

Wahlkampf:

Dialog-Tour Wahlkampf

Menschenrechte:

Menschenrecht

Bildung:

Bildung

Andere Nomen:

Aufgabe Bedeutung Beitrag Beschluß Besuch Beteiligung Blick Chance Einheit Einsatz Entwicklung Erfahrung Erfolg Freiheit Gespräch Gruppe Grundlage Hand Herausforderung Jahr Januar Kraft Kurs Land Leben Maßnahme Million Mittelpunkt Monat Motto Rahmen Reform Senkung Stadt Thema Vertrauen Vertreter Voraussetzung Weg Zahl Ziel Zukunft Zusammenarbeit anstehend

Andere Adjektive:

ausdrücklich beeindruckend beschlossen derartig eindeutig eindrucksvoll einheitlich entscheidend erheblich erneut erst finanziell geführt gelebt gemeinsam gesetzlich gleichzeitig historisch hoch intensiv jung klar kommend künftig leicht möglich niedrig persönlich rein stellvertretend stolz täglich unterschiedlich vorhanden wichtig zentral zusätzlich

Bündnis 90/Die Grünen

Politische Ämter, Parteien, Gruppierungen und Institutionen:

Bundesgeschäftsführerin Bundesregierung Bundesverfassungsgericht Bundesvorsitzende Bundesvorstand Bündnis Grüne Innenminister Koalition Kanzlerin Minister Rechte Regierung Sprecherin politisch recht

Negativ bewertende Adjektive:

brutal diskriminierend einseitig erschreckend falsch gefährlich kurzsichtig mangelnd populistisch schlecht schlimm unsinnig verheerend vermeintlich zynisch überfällig

Bezeichnungen internationaler Herkunft:

amerikanisch chinesisch europäisch europaweit international irakisch iranisch kurdisch polnisch russisch türkisch

Klima, Energie:

Emissionshandel Energie Klimaschutz Klimawandel Kohlekraftwerk erneuerbar grün klimapolitisch nuklear ökologisch

Datenschutz, Polizei:

BKA-Gesetz Datenschutz Online-Durchsuchung Polizei Vorratsdatenspeicherung

Recht, Rechtsstaat:

Bürgerrecht Grundrecht Recht Rechtsstaat rechtsstaatlich

Frauen, Mütter:

Kind Kinderbetreuung frauenpolitisch

Menschenrechte, Migrationspolitik:

Flüchtling humanitär

Rechtsextremismus:

Rechtsextremismen rechtsextrem

Bezeichnungen nationaler Herkunft:

ostdeutsch

Andere Nomen:

Ausbau Auseinandersetzung Bürgerin Debatte Diskussion Ergebnis Fall Frage Gesetz Information Kampf Konflikt Opfer Pflicht Plan Problem Projekt Realität Regelung Schutz Umgang Urteil Verbesserung Versuch Zeichen Äußerung

Andere Adjektive:

ander angekündigt bekannt betroffen digital dringend drohend entschieden ernst extrem faktisch gegenwärtig geplant glaubwürdig golden groß jahrelang jüdisch massiv militärisch notwendig nötig offenbar offenkundig offensichtlich schnell schön steigend systematisch tatsächlich technisch vollkommen wiederholt wirklich zivil zivilgesellschaftlich


Verben

Sowohl bei CSU/CDU als auch bei den Grünen sind Verben, die eine Zustandsveränderung anzeigen, sehr häufig. Die Zustandsveränderung, die ausgedrückt wird, ist allerdings je eine andere: Bei CDU und CSU dominieren Verben, die anzeigen, dass etwas entsteht oder – allenfalls in abgeänderter Form – weitergeht, wie erarbeiten, ermöglichen, erreichen, erzielen, fortsetzen, fördern, schaffen, sichern, stärken oder verbessern. Bei den Grünen sind demgegenüber Verben häufig, die ausdrücken, dass ein laufender Prozess gestoppt oder ein bevorstehender verhindert wird, wie beenden, blockieren, einschränken, erschweren, stoppen, verbieten, verhindern oder verweigern. Dieser Befund korrespondiert mit der Stellung der beiden Akteure im politischen System: Als Oppositionspartei schlagen die Grünen eher als die Regierungsparteien CDU und CSU Kursänderungen oder zumindest umfassende Veränderungen vor.

Verben CDU/CSU

arbeiten bekennen besuchen betonen beweisen bleiben bringen danken diskutieren entlasten entstehen erarbeiten erhalten ermöglichen erreichen erzielen fortsetzen freuen fördern fühlen geleiten|leiten gelingen gelten gestalten gewinnen halten lauten lohnen schaffen senken sichern sinken stehen stärken teilen tragen treffen treten unterstreichen verbessern verdanken verdienen vergessen verlassen wirken wählen würdigen zählen übernehmen

Verben Bündnis 90/Die Grünen

aufklären beenden behandeln betreiben blockieren brauchen demonstrieren drohen einfordern einschränken erinnern erkennen erklären erschweren erweisen fehlen fordern gehen gewähren glauben handeln hoffen hören ignorieren lassen mißbrauchen nehmen passen reichen scheinen schlagen schützen sollen speichern spielen stoppen verbieten verhindern versuchen verweigern verzichten wiederholen


Sprachliche Muster: Unterschiede

mehr (CDU/CSU) vs. gegen (Bündnis 90/Die Grünen)

Der obige Vergleich der Verben-Wortwolken hat gezeigt, dass CDU/CSU im Vergleich zu den Grünen häufiger Verben verwenden, die eine moderate Zustandsveränderung implizieren, während die von den Grünen verwendeten Verben darauf hindeuten, dass umfassendere Veränderungen bis hin zu vollständigen Kurswechseln gefordert werden. Diese Stoßrichtungen manifestieren sich auch in den sprachlichen Mustern, die für die beiden politischen Akteure typisch sind. So kommen in den Pressemitteilungen von CDU und CSU signifikant häufiger Muster vor, die das Adjektiv mehr enthalten. Beispiele dafür sind:

mehr Investitionen in den Unternehmen
mehr Vertrauen in die Politik
mehr Netto in den Taschen
mehr Netto in der Tasche
mehr Menschen für die Arbeit
mehr Netto für die Menschen
mehr Chancen auf eine Beschäftigung
mehr Geld von der Steuer
mehr Gelassenheit bei der Rückschau
mehr Netto für die Beschäftigten

Analog zu den Verben zeigen bei den Grünen sprachliche Muster, die die Präposition gegen enthalten, eine entgegengesetzte Haltung zu einer Sache an. Die Präposition tritt zumeist in Verbindung mit einer Nominalphrase auf. Am häufigsten sind die Ausdrücke gegen den internationalen Terrorismus und gegen die drohende Klimakatastrophe. Andere Gegenpositionen sind:

gegen das willkürliche Verfahren
gegen den ansteigenden Nationalismus
gegen den erstarkenden Rechtsextremismus
gegen den gewaltbereiten Rechtsextremismus
gegen den nationalsozialistischen Terror
gegen den organisierten Rechtsextremismus
gegen den unverschämten Machtanspruch

Die CDU/CSU vs. Wir Grüne

Die Art, wie eine Partei in ihren Pressemitteilungen auf sich selbst verweist, kann einen Hinweis auf das von ihr angestrebte Image liefern. Bei CDU und CSU finden sich häufig Selbstreferenzen in der dritten Person:

Die CDU tritt einer Relativierung
Die CDU bleibt der Motor
Die CDU setzt die Konstituierung
Die CDU bleibt der Reformmotor
Die CDU sieht die Integration

Die CSU lehnt eine
Die CSU ist näher
Die CSU ist und bleibt

Die CDU Deutschlands freut
Die CDU Deutschlands fühlt
Die CDU Deutschlands hält
Die CDU Deutschlands gedenkt
Die CDU Deutschlands fordert

Derartige Selbstbezüge verleihen den Pressemitteilungen einen formellen Charakter und sorgen für eine gewisse Distanz zum Leser. Anders ist dies bei der Partei Bündnis 90/Die Grünen: Sie nimmt in der ersten Person Plural auf sich selbst Bezug. Das Pronomen wir findet sich häufig in Verbindung mit dem Parteinamen:

Wir Grüne fordern
Wir Grüne unterstützen
Wir Grüne begrüßen
Wir Grüne fühlen

Daneben tritt es auch alleine auf, und zwar nach einem Adverb und einem Verb:

Allerdings warnen wir
Auch fragen wir
Außerdem fordern wir
Besonders begrüßen wir
Besonders freuen wir
Ebenso wissen wir
Leider erkennen wir

CDU/CSU: Zahlangaben

Bei der Union sind Zahlangaben sehr häufig anzutreffen. Dazu gehören zum Beispiel Datumsnennungen:

1948 erfolgte die
2007 erklärt der
1944 gedenkt die
1994 setzt die
2013 erklärt der
2008 erklärt der
1944 erklärt der
2009 erklärt der
1953 erklärt der
1961 erklärt der

Ebenfalls in diese Kategorie fallen Wendungen wie von heute, von morgen und von gestern, die nicht genau auf den aktuellen, nächsten oder vergangenen Tag, sondern im übertragenen Sinn auf Gegenwart, Zukunft und Vergangenheit verweisen. Sie treten nach einem Nomen auf; am häufigsten ist bei der Union der Ausdruck Schulden von heute. Weitere Beispiele für diese Art von Zeitangaben sind:

Abgaben von morgen
Facharbeiter von morgen
Geschrei von heute
Parolen von vorgestern
Regierung von morgen
Rentner von heute
Rentner von morgen
Sprechblasen von gestern
Steuern von morgen

Daneben enthalten die Pressemitteilungen der Union auch viele Prozent- und Währungsangaben sowie Angaben von Zeitspannen:

niedrigste Stand seit
historischen Rekordstand seit
ersten Mal seit
besten Arbeitsmarktzahlen seit
niedrigste Dezember-Arbeitslosigkeit seit
stärksten Rückgang seit

der letzten zwei Jahre
den vergangenen 16 Tagen
den letzten 17 Jahren
den letzten zwölf Jahren
den ersten zwei Tagen
Die ersten 100 Tage

unter sechs Jahren
unter vier Prozent
unter drei Jahren
unter 25 Jahren
unter 4 %
unter 40 Prozent

40 Prozent der Kinder
zwei Prozentpunkte die Lohnnebenkosten
75 Prozent der Beratungstätigkeit
zwei Drittel der Landratswahlen
20 Prozent der Jugendlichen
35 Prozent der Kinder

Nationalen Ausbildungspaktes bis 2010
vierte Arbeitslose unter 25
niedrigste Wert seit 25
erneuerbaren Energien bis 2020
niedrigste Stand seit 25
stärksten Rückgang seit 1957

für die kommenden vier Jahre
In den kommenden 36 Tagen
in den letzten drei Jahren
in den ersten zwei Tagen
In den vergangenen 16 Tagen
in den zurückliegenden sechzehn Jahren

Insgesamt deutet die sehr häufige Verwendung solcher Zahlangaben darauf hin, dass die Union ein Argumentieren auf der Basis von Fakten anstrebt. Ein ähnliches Bestreben ist beispielsweise auch bei der Linken auszumachen (vgl. Analyse dazu).

CDU/CSU: Konsekutive Satzanschlüsse

Für die Union typisch sind ferner konsekutive Satzanschlüsse, d.h. Satzanschlüsse, die anzeigen, dass der aktuelle Satz eine Folgerung aus dem vorangehenden darstellt. Typische konsekutive Satzanschlüsse sind die Adverbien deshalb und deswegen. Bei der Union treten sie in Verbindung mit einem Verb und dem Pronomen es (1) oder mit einem Modalverb und einem beliebigen Personalpronomen (2) auf:

(1)
Deshalb hat es
deshalb ist es
Deshalb ist es
Daher ist es
Deshalb war es
Damit ist es
Deswegen ist es

(2)
Deshalb müssen wir
Deshalb wollen wir
Daher wollen wir
Daher müssen wir
Deshalb muss es

CDU/CSU: Demonstrativpronomen

Wie die konsekutiven Satzanschlüsse dienen Demonstrativpronomen dazu, die inhaltliche Fortführung eines Gedankens explizit zu machen. Anders als die konsekutiven Satzanschlüsse leiten sie nicht notwendigerweise eine Folgerung aus dem zuvor Gesagten ein. In der Sprachwissenschaft wird zwischen substituierenden und attribuierenden Demonstrativpronomen unterschieden: Erstere ersetzen die Entität, auf die sie sich rückbeziehen, Letztere treten mit ihr zusammen auf. Beide Formen finden sich überaus häufig bei der Union. Auf die attribuierenden Demonstrativpronomen folgen meist direkt ein Nomen und ein Verb. Die häufigste konkrete Form dieses Musters ist Diese Entscheidung ist. Weitere Beispiele:

Diese Zwangsehen sind
Dieses Prinzip hat
Diese Anreicherung ist
Diese Entscheidung war
Diese Leistung ist
Diese Einigung ist
Dieses Thema ist

Diese Studie muss
Diesen Weg dürfen
Diese Menschenrechtsverletzungen müssen
Dieser Ausbeutung muss
Dieses Potential muss
Dieses Denkmal muss
Diese Chance wollen

Die substituierenden Demonstrativpronomen treten in mannigfacher Weise auf. Besonders häufig ist das Muster Demonstrativpronomen+Verb+Nominalphrase mit Das ist ein gutes Signal als häufigstem Vertreter. Weitere Vorkommen sind:

Das ist ein guter Tag
Das ist ein großartiger Erfolg
Das ist ein wichtiges Signal
Das ist der niedrigste Wert
Das ist das beste Ergebnis
Das war die eindeutige Vorgabe
Dies wird die neue Bundesregierung
Das wäre der niedrigste Stand
Dies wäre der niedrigste Wert
Das ist ein gutes Ergebnis

An dieses Muster schließt sich häufig eine Präposition an. Als Beispiele für vollständige Sätze mit einleitendem substituierendem Demonstrativpronomen und Präposition seien angeführt:

Das ist ein beachtlicher Schritt nach vorn!
Das ist ein guter Tag für Niedersachsen!
Das ist ein gutes Ergebnis für die Beschäftigten und Arbeitssuchenden in Deutschland.
Das ist ein gutes Signal für alle, die noch immer nach Arbeit suchen.
Das ist ein klares Signal für die Familien in Deutschland.
Das ist ein toller Erfolg für die CDU!
Das ist ein wichtiges Signal für das Ehrenamt in Deutschland.
Das ist eine großartige Botschaft für unser Land.
Das ist eine gute Nachricht für Deutschland.

Bündnis 90/Die Grünen: Nominalphrase+Modalverb

Während die Grünen mit dem Muster gegen+Nominalphrase ausdrücken, was aufhören bzw. verhindert werden soll, verwenden sie das Muster Nominalphrase+Modalverb, um darzulegen, was geschehen muss. Das Verb müssen ist denn auch das frequenteste Modalverb in diesem Muster. Am häufigsten werden Forderungen an Union und SPD gestellt: Die große Koalition muss. Weitere Adressaten und Modalitäten sind:

Das Europäische Parlament muss
Das Karlsruher Gericht muss
Das geplante Raketenabwehrsystem muss
Das momentane Anbauverbot kann
Das wichtige Projekt darf
Der gegenwärtige Aufschwung muss
Der libanesische Staat muss
Der türkische Staat muss
Der zivile Wiederaufbau muss
Die Deutsche Bahn muss

Sprachliche Muster: Gemeinsamkeiten

Neben den vorgestellten sprachlichen Mustern, die für CDU/CSU bzw. Grüne allein typisch sind, existieren auch vereinzelte gemeinsame Muster. Eines davon ist das der evaluativen Sätze. In evaluativen Sätzen wird mittels eines prädikativen Adjektivs ein Sachverhalt bewertet. Beispiele für solche Sätze bei der CDU und CSU sind:

Es ist gut, dass
Es ist richtig, dass
Es ist bemerkenswert, dass
Es ist bezeichnend, dass
Es ist erfreulich, dass

Die Botschaft des Parteitages ist dürftig
Die Botschaft des Frühjahrsgutachtens ist klar
Der Vorwurf des Rechtspopulismus ist absurd
Die Halbierung der Arbeitsmarktinstrumente ist sinnvoll
Der Weg der Reformen ist richtig

Die Adjektive finden sich auch am Ende eines Satzes, dann jeweils paarweise:

ist fair und gerecht
ist möglich und sinnvoll
ist richtig und wichtig
ist sinnvoll und möglich
ist unerträglich und unvereinbar
sind abscheulich und respektlos
sind schamlos und menschenrechtsfeindlich
sind unanständig und inakzeptabel
wäre schädlich und verantwortungslos
wäre unsozial und falsch

Der häufigste Vertreter dieses Musters heißt sind gut und richtig. Er zeigt zusammen mit den obigen Beispielen, dass das zweite Eigenschaftswort in der Adjektivdoppelung oft gegenüber dem ersten keinen hohen semantischen Mehrwert liefert. Die Doppelung lässt sich also auf stilistische Gründe zurückführen. Im vorliegenden Fall dürfte sie Mittel zu einem prägnanten Satzabschluss sein.

Bei den Grünen finden sich prädikative Adjektive oft unmittelbar am Satzanfang. Die fünf häufigsten Kombinationen aus Adjektiv und Kopula sind bei dieser Partei: Nötig ist, Erschreckend ist, Notwendig ist, Nötig sind und Wichtig ist. Oft schließt sich an dieses Muster eine Nominalphrase an:

Nötig ist eine Demokratieoffensive
Erschreckend ist die Langmut
Erschreckend ist die Verkommenheit
Erstaunlich ist die Blauäugigkeit
Monströs ist die Begründung

Fazit

Die vorliegende Untersuchung hat gezeigt, dass zwischen der Union und der Partei Bündnis 90/Die Grünen (sprach)stilistische Unterschiede bestehen. Am deutlichsten offenbaren sich diese in der Art, wie die beiden Akteure in ihren Pressemitteilungen auf sich selbst verweisen: Während die Union eine Distanz zum Leser aufrecht erhält, sind die Grünen umgekehrt bemüht, eine solche abzubauen und einen gemeinsamen sprachlichen Raum für sich und die Leserschaft ihrer Pressemitteilungen zu schaffen. Weiter deuten die vorgestellten sprachlichen Muster darauf hin, dass die Union einen stärker auf Argumentation ausgerichteten rhetorischen Stil pflegt als die Grünen. Dafür sprechen die vielen Zahlangaben – Fakten – und konsekutiven Satzanschlüsse. Die Rhetorik der Grünen scheint demgegenüber direkter zu sein. Das suggerieren die prädikativen Adjektive zu Beginn eines Satzes – Erstaunlich ist (vs. Es ist erstaunlich, dass bei CDU und CSU) – sowie die Kombination aus Nominalphrase und Modalverb am Satzanfang (Die große Koalition muss). Inhaltliche Gemeinsamkeiten lassen sich auf den Gebieten Klima- und Umweltschutz ausmachen.

Die Rhetorik der klaren Kritik: Die FDP im Vergleich zu SPD und CDU

Mittwoch, 22. Juli 2009

Insbesondere nach der Europawahl sieht sich die FDP in ihrer Rolle als Oppositionspartei gestärkt und gut aufgestellt, um sich im Rahmen der bevorstehenden Bundestagswahl als klare politische Alternative und zugleich als möglicher Koalitionspartner zu präsentieren. Doch welches sprachliche Profil gibt sich die Partei in Abgrenzung zu SPD und CDU in ihrer Wahlkampfrhetorik? Die vorliegende Analyse stellt für die FDP typische sprachliche Muster vor.

Datengrundlage

Gegenstand dieser Analyse sind Beiträge von den Parteienwebseiten der FDP, SPD und CDU.
Im Detail handelt es sich um folgende Datengrundlage:

FDP: 4788 Beiträge im Zeitraum vom 27.4.2006 bis 17.6.2009, 845’706 Wortformen

CDU: 2669 Beiträge im Zeitraum vom 3.1.2007 bis 23.6.2009, 609’605 Wortformen

SPD: 270 Beiträge im Zeitraum vom 1.10.2008 bis 23.6.2009, 76’550 Wortformen
(Bei der SPD wurden die Pressemitteilungen nicht berücksichtigt, da diese vorwiegend Terminhinweise enthalten.)

1. Modalverben

Das mit Abstand häufigste sprachliche Muster bei der FDP im Vergleich zu CDU und SPD sind Sätze, die Modalverben enthalten. Modalverben können je nach Modalität, die sie bezeichnen, unterschiedliche Funktionen übernehmen. Bei der FDP dominieren jene Modalverben, die eine Aufforderung oder Notwendigkeit ausdrücken. Dazu gehören müssen, (nicht) dürfen und sollen.

Besonders typisch bei der FDP sind Modalverben in Verbzweitsätzen. Verbzweitsätze stellen innerhalb der Satztypen des Deutschen den einfachsten, da unmarkierten Fall dar. Entsprechend sind sie unmissverständlich und direkt. Darum geht es der FDP:

Das Umweltministertreffen muss die Weichen …
Die Bundesregierung muss die Präsidentschaft …
Der Staat muss den Spielraum …

Das Instrument der Duldung darf nicht …
Leitlinie der Politik darf nicht …
Das richtige und wichtige Ziel der Terrorismusbekämpfung darf nicht …

Die Bundesregierung sollte wenigstens

Sehr häufig kommen Modalverben auch in Verbindung mit einem Temporaladverb vor, etwa am Satzanfang – Jetzt muss / Nun muss / Dann muss – oder im Satzinnern:

Das Programm muss jetzt
Der Staat muss endlich
Die Bundesregierung sollte endlich
Die Koalition muss nun

Diese Konstruktion macht die Forderung der Oppositionspartei nach einem Umbruch besonders deutlich.

Neben den Modalverben finden sich deutlich häufiger als bei der SPD und der CDU auch performative Verben, also Verben, durch die bestimmte Handlungen vollzogen werden. Dazu gehören beispielsweise ablehnen, auffordern, versprechen und zustimmen.

Die Wortwolke mit den häufigsten Verben bei der FDP zeigt dies auf:

abbauen ablehnen abschaffen ankommen ankündigen auffordern ausgeben beenden befürchten behandeln belasten beschließen beschränken beseitigen betreiben bezahlen bleiben brauchen bringen drohen drängen dürfen einbringen einschränken enthalten entscheiden erfolgen erkennen fahren fallen|fällen fehlen finanzieren folgen fordern fragen führen glauben greifen handeln heißen hoffen informieren klären konzentrieren kosten lassen laufen lehnen lösen machen meinen mögen müssen nehmen reden regieren reichen schaden scheinen schreiben senken sollen stattfinden steigen stimmen stoppen treiben tun verbieten vergessen verhindern verlieren versprechen vertreten verweigern vorlegen warten werfen wissen wollen zahlen ziehen zulassen zustimmen ändern


2. Dominanz technischer Schlagworte

Bei den im Vergleich zu CDU und SPD signifikant häufiger gebrauchten Nomen fällt auf, dass die FDP einen sehr starken Fokus auf Worte zeigt, die bürokratische, technische oder prozedurale Vorgänge und Zustände beschreiben.

Nomen FDP

Abgabe Abgeordnete Abrüstung Abschaffung AG Amt Anbau Anbieter Anfrage Angebot Anhörung Ankündigung Anlaß Anreiz Antrag Antwort Arzt Auffassung Aufklärung Auge Ausgabe Ausland Aussage Ausweitung Außenminister Außenpolitik Bahn Behörde Beifall Belastung Besteuerung Betroffene Biokraftstoff Bundesagentur Bundesfinanzminister Bundeshaushalt Bundesinnenminister Bundesminister Bundespräsident Bundesrat Bundesregierung Bundestag Bundesverfassungsgericht Bundeswirtschaftsminister Bürger Bürgerin Bürgerrecht Bürokratie Datenschutz Datum Debatte Defizit Demokrat Diskussion Eindruck Einführung Eingriff Einnahme Einschränkung Emissionshandel Energiepolitik Entlastung Entscheidung Erbschaftsteuer Erhöhung Fall FDP-Bundestagsfraktion FDP-Fraktion FDP-Generalsekretär Fehler Finanzierung Finanzminister Forderung Frage Fraktion Gegenteil Geld Gericht Gesetz Gesetzentwurf Gesetzgeber Gesundheitsfonds Gesundheitsreform Glaubwürdigkeit Grundgesetz Grundrecht Grüne Haltung Haushalt Herr Inhalt Journalist Klarheit Koalition Kollege Konflikt Konjunktur Konsequenz Kontrolle Konzept Kosten Krankenkasse Krieg Kritik Landwirt Landwirtschaft Last|Lasten Lehrer Liberale Linie Mandat Milliarde Minister Ministerin Ministerium Mittelstand Name Netto Netz Neuverschuldung Nutzung Online-Durchsuchung Opposition Parlament Pflege Pflegeversicherung Plan Polizei Post Preis Problem Präsident Realität Recht Rechtsstaat Reform Regierung Regierungskoalition Republik Richtung Rundfunk Sache Schaden Scheitern Schluß Schuld Schwarz-Rot Sicht Soldat Sport Sprecher Staat Steuer Steuererhöhung Steuergeld Steuersenkung Steuersystem Steuerzahler Streit Strom Stunde System Tat Tatsache Tiefensee Tisch Ursache Urteil Verbot Verfahren Verfassung Verhalten Vernunft Versuch Volk Vorgang Vorgehen Wahrheit Wettbewerb Wirkung Woche Wort Zeit Zulassung Zustand Zweifel Äußerung Öffentlichkeit

Nomen CDU

Abschluß Anerkennung Anfang Anspruch Anstrengung Anteil Arbeit Arbeitgeber Arbeitsgruppe Arbeitslose Arbeitslosigkeit Arbeitsmarkt Arbeitsplatz Aufbau Aufgabe Aufschwung Ausbau Ausbildung Basis Bedeutung Behinderung Beitrag Bereich Beruf Beschluß Beschäftigte Beschäftigung Besuch Beteiligung Betrieb Bevölkerung Blick Bund Bundeskanzlerin Bundesland Bundesrepublik Bundeswehr CDU-Generalsekretär CDUCSU-Bundestagsfraktion Deutsche Dezember Dialog Einheit Einrichtung Einsatz Eltern Energie Engagement Entwicklung Entwicklungsland Erfahrung Erfolg EU-Kommission Familie Frau Förderung Generalsekretär Generation Geschichte Gesellschaft Gewalt Globalisierung Grenze Grundlage Gruppe Herausforderung Hilfe Hintergrund Hälfte Information Instrument Integration Jahr Jahrhundert Januar Jugendliche Juni Kampf Kanzlerin Kind Kirche Klimaschutz Kommission Kommune Kooperation Kraft Kultur Kurs Land Leben Legislaturperiode Leistung Linke Linkspartei Mann Marktwirtschaft Maß Maßnahme Medium Mensch Menschenrecht Million Ministerpräsident Mitarbeiter Mitglied Mitgliedstaat Mitte Mittelpunkt Monat März Möglichkeit Nation Opfer Organisation Ort Osten Partei Person Perspektive Platz Produkt Programm Projekt Prozent Prozeß Punkt Rahmen Raum Regelung Region Respekt Rolle Schaffung Schritt Schutz Seite Senkung Sicherheit Signal Situation Sozialdemokrat Sprache Stadt Stelle|Stellen Stiftung Studie Stärkung Teil Thema Transparenz Umgang Union Unionsfraktion Unterstützung Verantwortung Verband Verbesserung Verbraucher Verbraucherschutz Verfügung Vergleich Vertrag Vertreter Veränderung Vielfalt Voraussetzung Vorgabe Vorsitzende Wachstum Welt Wirtschaft Wissenschaft Zahl Zeichen Ziel Zukunft Zusammenarbeit Zusammenhang Änderung

Nomen SPD

Abrüstung Abstimmung Anspruch Antwort Antwort|Antworten April Arbeit Arbeitnehmer Arbeitsminister Arbeitsplatz Ausbildungsplatz Außenminister Bank Basis Bedeutung Bedingung Beschäftigte Beschäftigung Bilanz Bildung Bildungspolitik Botschaft Branche Bundesfinanzminister Bundestagswahl Demokratie Druck Ebene Einkommen Engagement Entwurf Ergebnis Europawahl Februar Finanzkrise Finanzmarkt Finanzminister Folge Fortschritt Fraktion Frieden Geld Gelegenheit Gemeinde Gerechtigkeit Gesellschaft Gespräch Gewerkschaft Grundlage Grundrecht Handeln Heil Herausforderung Hochschule Höhe Idee Impuls Industrie Infrastruktur Investition Jahrhundert Jahrzehnt Juni Kampf Kindergarten Kommune Konsequenz Kraft Krieg Krise Linkspartei Lohn Markt Marktwirtschaft Mensch Mindestlohn Mittelpunkt Montag Mut Oktober Ordnung Papier Parlament Parteitag Parteivorsitzende Platz Politik Prinzip Programm Rede Regel|Regeln Reihe Risiko Rolle Schule Schwerpunkt September Sicherung Sitzung Solidarität Sonntag Sozialdemokrat SPD-Kanzlerkandidat SPD-Vorsitzende Spitze Stabilität Stadt Steuersenkung Stimme|Stimmen Stärkung Teilhabe Teil|Teilen Treffen Unterstützung Verantwortung Vereinbarung Vertrauen Vorschlag Wachstum Wahlkampf Wandel Widerstand Wirtschaft Wirtschaftskrise Wohlstand Wähler Zeit Zentrum Ziel Zug Zukunft Zusammenarbeit Zusammenhang Zustimmung Überzeugung


Das technokratische Vokabular besteht zum einen aus Nomen aus dem Bereich offizieller Ämter und Verwaltungseinheiten (Bundesregierung, innenminister, -verfassungsgericht, Minister etc.), zum anderen aus Nomen aus dem Steuer- und Finanzbereich (Erbschaftssteuer, Entlastung, Erhöhung, Preis, Steuererhöhung, -zahler etc.). Sowohl CDU als auch SPD weisen hier im Vergleich eine breitere thematische Streuung auf.

Interessant ist auch, dass nur bei der FDP Nomen aus dem Bereich Gesundheit auftauchen: Gesundheitsfonds, Gesundheitsreform, Krankenkasse, Pflegeversicherung, Pflege. Dabei geht es vornehmlich um die wirtschaftliche Dimension des Problems.

Berücksichtigt man nur die Lemmata aus dem Themenbereich Wirtschaft, so zeigt sich bei den drei Parteien folgendes Bild:

Wirtschaft FDP

AG Ausgabe Belastung Besteuerung Bundesfinanzminister Defizit Einnahme Erbschaftsteuer Finanzierung Finanzminister Last|Lasten Milliarde Netto Neuverschuldung Steuer Steuererhöhung Steuergeld Steuersenkung Steuersystem Steuerzahler Wettbewerb

Wirtschaft CDU

Arbeit Arbeitgeber Arbeitslose Arbeitslosigkeit Arbeitsmarkt Arbeitsplatz Beruf Beschäftigte Beschäftigung Betrieb Million Produkt Stelle|Stellen Verbraucher Verbraucherschutz Wachstum Wirtschaft

Wirtschaft SPD

Arbeit Arbeitnehmer Arbeitsminister Arbeitsplatz Ausbildungsplatz Bank Beschäftigte Beschäftigung Bilanz Bundesfinanzminister Finanzkrise Finanzmarkt Finanzminister Fortschritt Industrie Infrastruktur Investition Krise Lohn Markt Marktwirtschaft Mindestlohn Steuersenkung Teilhabe Teil|Teilen Wachstum Wirtschaft Wirtschaftskrise Wohlstand


Hier fällt bei der FDP der übermäßige Fokus auf die Steuerpolitik auf, bei der SPD die Bandbreite des Spektrums im Hinblick auf wirtschaftliche Prozesse und Akteure.

3. Direkte vs. indirekte Kritik

Autoren von Texten verfügen über verschiedene Mittel, ihre kritische Haltung einem Wort oder Begriff gegenüber zu kennzeichnen. Sie können dies beispielsweise explizit tun oder aber implizit, indem sie den Wörtern oder Begriffen ein “sogenannt” voranstellen oder sie in Anführungszeichen setzen.

Solche Sprachthematisierungen setzt die FDP mit Abstand am wenigsten ein, wie die nachfolgende Grafik verdeutlicht:

Dieser Umstand legt die Vermutung nahe, dass die FDP Kritik an einem Gegenstand direkter ausdrückt als CDU und SPD.

Bekräftigt wird dies durch die Tatsache, dass bei der FDP signifikant häufig Muster auftreten, die das Pronomen kein und das Adverb nicht enthalten. Dazu gehören beispielsweise die Muster keine+Adjektiv+Nomen und nicht+Adjektiv:

keine klare Linie
keine abschreckende Wirkung
keine gemeinsame Linie
keine neuen Arbeitsplätze
keine wirkliche Reform
nicht richtig
nicht klar
nicht möglich
nicht denkbar
nicht haltbar
nicht einsatzbereit
nicht anständig
nicht akzeptabel

Bemerkenswert ist, dass unter den häufigsten Vertretern des Musters nicht+Adjektiv die Wendung nicht gerecht rangiert. Der Gerechtigkeitsbegriff findet sich sonst – wie zu erwarten – eher bei der SPD: Lemmata wie fair, gerecht, Gerechtigkeit, Grundrecht und Solidarität treten bei den Sozialdemokraten signifikant häufiger auf als bei FDP und CDU.

4. Evaluative Sätze

Neben den bereits genannten Sätzen, die eine kritische Haltung explizit machen, sind für die FDP auch Evaluationen “ex positivo” typisch. Dazu gehören Sätze, die mit Es ist oder Das ist beginnen. Beispiele sind:

Es ist gut, dass
Es ist erfreulich, dass
Es ist richtig, dass
Es ist bedauerlich, dass
Es ist bezeichnend, dass
Es ist absehbar, dass
Das ist ein klarer Fall
Das ist ein echtes Alltagsproblem
Das ist ein gefährliches Spiel
Das ist ein unwürdiges Spiel
Das ist ein heilloses Durcheinander
Das ist die eigentliche Frage

Hier fällt auf, dass in Verbindung mit Es ist am häufigsten positiv bewertende Adjektive wie gut, erfreulich oder richtig auftauchen. Auch außerhalb dieses Kontexts sind bei der FDP insgesamt mehr positiv als negativ bewertende Eigenschaftswörter zu finden. Neben den bereits genannten ist dabei auch das Adjektiv wichtig hervorzuheben.

5. Intensivierende Ausdrücke

Im Vergleich zu SPD und CDU lässt sich bei der FDP ferner ein deutlich häufigerer Gebrauch von Intensivierern feststellen. Bei Intensivierern (auch “Gradpartikeln”) handelt es sich um Wörter, die Verben, Adjektiven, Nomen, Adverbien oder Präpositionalphrasen voranstehen und etwas über den Grad der Emphase und Überzeugung aussagen, mit der der beschriebene Sachverhalt vertreten wird.

Die Rhetorik der FDP weist also gegenüber jener der CDU und der SPD eine deutlich höhere Emphase auf. Es finden sich bei ihr 0,47 intensivierende Ausdrücke pro 100 Wörter; bei der CDU sind es 0,35 und bei der SPD 0,26.

Die Sprachwissenschaft hat die Intensivierer nach dem Grad der Intensivierung in Klassen eingeteilt. Üblich ist eine Einteilung in die Klassen absolut, extrem hoch, hoch, gemäßigt, abschwächend, minimal und approximativ. Die folgende Grafik zeigt, dass bei der FDP im Vergleich zu den anderen beiden Parteien die “absoluten” Intensivierer sehr häufig sind.

Typisch für die FDP sind beispielsweise die “absoluten” Intensivierer komplett oder entschieden:

Leider sind sie im Begriff, diese für den Sport und andere Gemeinwohlbelange so wichtigen Mittel komplett zu verspielen.

Die FDP lehnt die von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble verfolgte Militarisierung der Innenpolitik entschieden ab.

Gegen banden- und gewerbsmäßigen Handel muss zukünftig entschieden vorgegangen werden.

Um diese Entwicklung zu einem langfristigen Trend in allen Bereichen zu entwickeln, sind entschiedene marktwirtschaftliche Reformen und ein radikaler Bürokratieabbau erforderlich.

Eine entscheidende Frage in der Energiepolitik wird von der Bundesregierung allerdings bislang komplett ausgespart,

Gewissermaßen ein Spezialfall der intensivierenden Ausdrücke sind Adverbdoppelungen. Sie sind für das FDP-Korpus ausgesprochen typisch und weisen dort darauf hin, dass etwas, was hätte passieren sollen, noch nicht passiert ist (1), beziehungsweise dass etwas unbedingt passieren muss (2).

(1) (mit Negationspartikel)
immer noch nicht
noch lange nicht
noch gar nicht
aber leider nicht

(2)
Nur dann …
Je früher …
Umso mehr …
Erst dann …

Dabei wird dem umgebenden Satz entweder durch die Adverbdoppelung als Ganzes oder durch ein einzelnes Adverb Nachdruck verliehen.

6. Sprachliche Gemeinsamkeiten FDP/SPD

Vor dem Hintergrund einer möglichen Koalition zwischen SPD und FDP stellt sich die Frage nach sprachlichen Gemeinsamkeiten zwischen den zwei Parteien. Deutlich zeigt sich auf beiden Seiten der häufige Gebrauch der Wendungen soziale Marktwirtschaft und soziale Gerechtigkeit. Die folgende Grafik bildet die Kollokatoren zum Lemma sozial ab. Die gemeinsamen Kollokatoren sind gelb hervorgehoben:

Eine klare Übereinstimmung zwischen FDP und SPD findet sich zudem beim Lemma Investition: Sowohl bei der FDP als auch bei der SPD werden Investitionen in den Bereichen Bildung und Entwicklung thematisiert. Die folgende Grafik mit den Kollokatoren zu Investition zeigt dies deutlich. Gelb markiert sind wiederum die Übereinstimmungen zwischen FDP und SPD:

Fazit

Die FDP versteht es in ihrer Rhetorik, direkter, klarer und emphatischer als SPD und CDU aufzutreten und so ihre Ansichten in der Rolle der Oppositionspartei besonders deutlich zu präsentieren. Was das Themenspektrum angeht, so lässt sich trotz gewisser rhetorischer Überschneidungen mit der SPD in den Bereichen Bildung und Entwicklung jedoch eine gewisse Konzentration bzw. Engführung in den Bereichen Steuer- und Finanzpolitik erkennen im Vergleich zu den beiden Volksparteien, die einhergeht mit einem überdurchschnittlichen Gebrauch von technischen und bürokratischen Ausdrücken.

Verbale Opposition: Die Grünen und die Linke

Freitag, 19. Juni 2009

Die Parteien die Linke (PDL) und Bündnis 90/Die Grünen nehmen als Oppositionsparteien rhetorisch ähnliche Rollen ein und bilden zusammen mit der SPD das linke Lager im Bundestagswahlkampf. Alle drei Parteien müssen sich jedoch je spezifisch profilieren, um sich voneinander abgenzen zu können. semtracks hat die Pressemitteilungen der drei Parteien miteinander vergleichen und ihre unterschiedlichen rhetorischen Strategien und Themen herausgearbeitet.

In diesem ersten Teil liegt der Fokus auf den Grünen und der Linken.

1. Korpus

Die Datengrundlagen für die folgenden Analysen bilden die Pressemitteilungen der Parteien:

Bündis 90/Die Grünen: 522 Pressemitteilungen, 19.828 Wörter
Die Linke: 853 Pressemitteilungen, 38.328 Wörter
SPD: 457 Pressemitteilungen, 21.015 Wörter

2. Wortwolken

semtracks hat mit einem statistischen Verfahren die Nomen berechnet, die von der jeweiligen Partei im Vergleich zu den anderen Parteien signifikanz häufiger verwendet werden. Die folgende Tabelle zeigt die typischen Nomen der “Linken”, der SPD und der Grünen:

SPD

Abrüstung Amt Arbeit Arbeitnehmer Arbeitnehmerin Arbeitnehmerrecht Arbeitsbedingung Arbeitsgemeinschaft Arbeitskreis Aufgabe Ausstellung Beschäftigte Betriebsrat Bildung Bundesaußenminister Bundesfinanzminister Bundeskanzler Bundesminister Bundespräsidentin Bundestagsabgeordnete Bundestagswahl Bundesvorsitzende Bürgermeister Diskriminierung Entwicklung Ethik Europaabgeordnete Europawahl Europawahlkampf Finanzkrise Finanzmarkt Forschung Fortschritt Fraktion Fraktionsvorsitzende Frau Gesellschaft Gleichstellung Globalisierung Jahrhundert Kampagne Kandidatin Kanzlerkandidat Kommission Konferenz Konsequenz Kundgebung Landesparteitag Landesvorsitzende Landtagsabgeordnete Landtagskandidat Lehrer Liebe Lohn Markt Mitbestimmung Partei Parteivorsitzende Parteivorstand Rede Regierungsprogramm Religion Religionsunterricht Rüstungskontrolle Sozialdemokrat Sozialdemokratin SPD-Bundestagsabgeordnete SPD-Bundestagsfraktion SPD-Europaabgeordnete SPD-Europakandidat SPD-Europakandidatin SPD-Generalsekretär SPD-Kanzlerkandidat SPD-Landesvorsitzende SPD-Landtagsabgeordnete SPD-Ortsverein SPD-Parteivorsitzende SPD-Parteivorstand SPD-Präsidium SPD-Spitzenkandidat SPD-Unterbezirk Spitzenkandidat Überzeugung Verständigung Verständnis Vertreter Waffe Wandel Werk Wirtschaftskrise

Bündnis 90/Die Grünen

Ablehnung Abrüstung Abschaffung Aktion Althaus Angriff Angst Ankündigung Anspruch Antisemitismus Arbeitsmarkt Art Atomausstieg Atomkraft Atomkraftwerk Atomlobby Aufklärung Aufnahme Aufsichtsrat Auge Ausbau Ausdruck Auseinandersetzung Äußerung Bahn Bau Beispiel Beitrag Beteiligung Bevölkerung Bleiberecht Bleiberechtsregelung Blockade Branche Bundeskanzlerin Bundesrat Bundesregierung Bundestag Bundestagsfraktion Bundesverfassungsgericht Bundeswehr Bürger Bürgerin Bürgerrecht Chance CO2-Ausstoß Datenschutz Debatte Demokratisierung Demonstration Dialog Diskriminierung Diskussion Druck Ehe Einhaltung Einsatz Eltern Emissionshandel Energie Energieeffizienz Energiepolitik Entscheidung Entwurf Erwartung EU-Kommission Euro Familie Fehler Finanzierung Fingerabdruck Flüchtling Forderung Förderung Frage Frau Freiheit Fremdenfeindlichkeit Führung Gefahr Gegenteil Gemeinschaft Gentechnik Gericht Gesetz Gesetzentwurf Gesicht Gewalt Glaubwürdigkeit Gleichstellung Handeln Heiligendamm Herr Hoffnung Industrieland Information Innenminister Instrument Integrationspolitik Internet Journalist Justiz Kabinett Kampagne Kampf Kanzlerin Kind Kinderbetreuung Klima Klimapolitik Klimaschutz Klimawandel Koalition Kohlekraftwerk Konflikt Kritik Kultusminister Land Landesregierung Landesvorsitzende Lobbyist Mehrheit Menschenrecht Migrant Migrantin Militär Million Minderheit Minister Ministerin Ministerpräsident Modernisierung Neubau Niederlage Online-Durchsuchung Opfer Partnerschaft Pflicht Plan Politiker Polizist Präsident Problem Projekt Protest Prozent Rassismus Realität Rechtsextremismen Rechtsstaat Rechtsstaatlichkeit Reform Reformprozeß Regelung Regierung Region Religion Richter Richtlinie Richtung Risiko Rolle Sache Schaden Schritt Schutz Signal Situation Skandal Soldat Speicherung Spiel Standard Straftat Strategie Tempolimit Terrorismus Tod Transparenz Überwachung Überwachungsstaat Umweltminister Urteil Verantwortliche Verbraucher Verbraucherin Verfahren Verfassung Verfolgung Vergangenheit Vergleich Versagen Versöhnung Versprechen Vorratsdatenspeicherung Vorschlag Vorstoß Weg Zahl Zeichen Zeitalter Zivilgesellschaft Zweifel


Auffallend ist, dass die SPD in ihren Pressemitteilungen hauptsächlich mit der Organisation ihres Wahlkampfes beschäftigt zu sein scheint. Es handelt sich um Einladungen zu Veranstaltungen mit Spitzenkandidaten oder Landtagskandidaten im Rahmen der Bundestagswahl. Es gibt Arbeitsgemeinschaften und Arbeitskreise, Ausstellungen und es gibt natürlich den Kanzlerkandidaten, der Reden im Rahmen der Kampagne hält.

Daneben werden wenige politische Themen angesprochen, darunter die Finanzkrise und der Finanzmarkt, der Arbeitsmarkt und die Europawahl. Stellungnahmen zu politischen Inhalten finden sich aber offensichtlich kaum in den Pressemitteilungen.

Anders ist das bei den anderen zwei Parteien, der Linken und der Grünen. Die deutlichen Differenzen und Parallelen in den thematischen Schwerpunkten lassen sich anhand der folgenden Tabelle erfassen:

SPD

Arbeit:

Arbeit Arbeitnehmer Arbeitnehmerin Arbeitnehmerrecht Arbeitsbedingung Beschäftigte Betriebsrat Lohn Mitbestimmung

Ausland:

Abrüstung Rüstungskontrolle Waffe

Bildung:

Bildung Forschung Lehrer Religion Religionsunterricht

Europa:

Europawahl Europawahlkampf

Gleichstellung:

Diskriminierung Ethik Gleichstellung

Regierung:

Landesparteitag Partei Regierungsprogramm

Wirtschaft:

Finanzkrise Finanzmarkt Globalisierung Markt Werk Wirtschaftskrise

Bündnis 90/Die Grünen

Ausland:

Abrüstung Bundeswehr Militär Soldat Terrorismus

Familie:

Ehe Eltern Familie Kinderbetreuung Partnerschaft

Inland:

Antisemitismus Ausbau Bahn Bau Bleiberecht Bleiberechtsregelung Bundesverfassungsgericht Bürgerrecht Datenschutz Demokratisierung Fingerabdruck Diskriminierung Gesetz Gesetzentwurf Gewalt Gleichstellung Heiligendamm Justiz Minderheit Polizist Rechtsextremismen Rechtsstaat Rechtsstaatlichkeit Reform Reformprozeß Richter Tempolimit

Migration:

Flüchtling Fremdenfeindlichkeit Integrationspolitik Migrant Migrantin Rassismus

Online-Durchsuchung:

Internet Online-Durchsuchung Speicherung Überwachung Überwachungsstaat Vorratsdatenspeicherung

Regierung:

Bundeskanzlerin Bundesrat Bundesregierung Bundestag EU-Kommission Landesregierung Landesvorsitzende

Umwelt:

Atomausstieg Atomkraft Atomkraftwerk Atomlobby CO2-Ausstoß Emissionshandel Energie Energieeffizienz Energiepolitik Gentechnik Klima Klimapolitik Klimaschutz Klimawandel Kohlekraftwerk

Wirtschaft:

Althaus Arbeitsmarkt Euro Finanzierung

Anderes:

Angst Religion Schutz Zivilgesellschaft


Die Linke thematisiert im Kontext von Arbeit die Arbeitslosigkeit und die Arbeitslosen und die notwendige Arbeitsmarktpolitik, Möglichkeiten der Grundsicherung, Gefahren des Lohndumpings und die Rentenversicherung.

Ein weiterer Schwerpunkt sind Bildungsthemen wenn es um das Bildungs- und Schulsystem geht, die Problematisierung der Studiengebühr und die Situation der Lehrerinnen und Lehrer.

Auch die Wirtschaftskrise ist Thema, Konzerne, Unternehmen und Banken spielen dabei wichtige Rollen, wie auch das Konjunkturprogramm.

Bei den Grünen sind nicht überraschend Umweltthemen dominant: Die Atomkraft und die gefürchtete Renaissance der Atomkrafwerke, die von der Atomlobby als Mittel gegen den erhöhten CO2-Ausstoß vorgeschlagen werden. Energie ist also ein zentrales Problem, wobei die Partei sich für Energieeffizienz ausspricht, Eckpunkt der Energie- und Klimapolitik.

Typische Themen der Inlandspolitik finden sich jedoch auch wieder: Rechtsextremismus und Antisemitismus, Gewalt, Bürgerrechte und der G-8-Gipfel in Heiligendamm. Wie auch die Linke, erwähnen auch die Grünen Migrationsthemen: Intergrationspolitik, Flüchtlinge und Migrantinnen und Migranten.

3. Kollokationen

Ein zentraler Begriff bei den Grünen ist Klimaschutz. Das folgende Diagramm der Kollokationen zeigt, mit welchen anderen Themen Klimaschutz in Verbindung gebracht wird:

Klimaschutz ist einerseits in nationales Thema der Politik Deutschlands: Die Grünen fordern eine grüne Politik, in die auch die Wirtschaft eingebunden werden soll, spricht aber auch direkt die Bundesregierung an und fordert eine Energiepolitik. Das Land soll eine Vorreiterrolle einnehmen und Verantwortung für die Zukunft wahrnehmen.

Andererseits ist Klimaschutz aber auch ein internationales Problem, so auch auf Ebene der EU (europäisch, EU-Kommission).

Interessant ist die zentrale Funktion von neu im Zusammenhang mit Klimaschutz. Die Grünen bekämpfen neue Forderungen nach Atomkraftwerken (konsequent wird der Terminus Kernkraftwerk vermieden) und warnen vor neuen Gefahren. Neben den Atomkraftwerken sind auch Kohlekraftwerke im Visier der Kritik.

Bei der Linkspartei stellt Gerechtigkeit ein wichtiger Begriff dar:

Die Grafik der Kollokationen zu Gerechtigkeit zeigt zwei wichtige Aspekte in der Verwendung: Erstens wird unter Gerechtigkeit soziale Gerechtigkeit verstanden. Die Partei kämpft gegen soziale Ungerechtigkeit, die Grundsicherung und verknüpft soziale Gerechtigkeit mit Arbeit. Sozial Benachteiligten muss geholfen werden, damit ihnen nicht die Ausgrenzung aus der Gesellschaft droht.

Auf dem Gebiet der sozialen Gerechtigkeit ist die sozialdemokratische Partei Konkurrentin zur Linken. Deshalb taucht die SPD auch im Kontext von sozialer Gerechtigkeit auf.

Zweitens wird Gerechtigkeit aber auch weiter gefasst und vor allem mit Werten wie Frieden und Menschenrecht, sowie Demokratie und Sozialismus in Verbindung gebracht. Im außenpolitischen Kontext steht Gerechtigkeit im Kontext des Wiederaufbaus von Afghanistan.

4. Sprachliche Muster

A) Die Linke

Argumentative Opposition

Die Linke stellt als Oppositionspartei in ihrer öffentlichen Diskussion prononciert ihre Sicht der Dinge dar. Dazu finden sich in den Pressemitteilungen der Partei auffällig häufig Formulierungen, die auf eine Mehrheit der Bevölkerung/Deutschen u. ä. verweisen:

Willen der Mehrheit der Bürgerinnen
Bedürfnissen der Mehrheit der Menschen
Entlastung der Mehrheit der Bevölkerung
Interesse der Mehrheit der Bürgerinnen
Interessen der Mehrheit der Bürgerinnen
Willen der Mehrheit der Deutschen
Interessen der Mehrheit der Menschen
Kosten der Mehrheit der Bevölkerung
Willen der Mehrheit der Bevölkerung

Die Partei behauptet also nicht (nur), die Interessen von Minderheiten zu vertreten, sondern versucht ihre Politik als Antwort auf die Bedürfnisse der großen Masse darzustellen, die von den regierenden Parteien angeblich nicht erfüllt werden. Ebenfalls auf die Masse referiert wird, wenn eine negative Entwicklung suggeriert wird:

immer mehr Menschen
immer mehr Kinder
so viele Menschen
so viele Migrantinnen

Auffällig sind zudem Formulierungsmuster, die Zahlen enthalten und Teil von Argumentationsmustern sind, die weniger auf idiologische Begründungen referieren, sondern die erschlagenden Fakten auf den Tisch legen sollen:

mehr als 8 Euro
weniger als 800 Euro
mehr als 2,5 Millionen
mehr als acht Euro
mehr als zehn Jahren
Mehr als 1,35 Millionen
Mehr als 1000 Streiks
Mehr als 130 Frauen
Mehr als 3,6 Millionen
Mehr als 3000 Menschen

auf 2,5 Millionen gestiegen
auf 2,8 Prozent gesenkt
auf 4.500 Soldaten angehoben
auf 42 Prozent gesenkt
auf 435 Euro angehoben
auf 67 Jahre erhöht

alleine 80 Milliarden Euro
mindestens 4 Milliarden Euro
rund 1,4 Milliarden Euro
Etwa 1,7 Millionen Kinder
Mindestens 80 Milliarden Euro

Auf Grundlage dieser Fakten werden dann die Forderungen formuliert, die zwar auch tatsächlich häufig das Verb fordern enthalten, oft aber auch Verben wie sich bekennen, sich einsetzen für, unterstützen als natürlich auch ablehnen:

DIE LINKE fordert daher die
DIE LINKE begrüßt dagegen die
DIE LINKE fordert daher einen
DIE LINKE fordert darum eine
DIE LINKE fordert deshalb eine
DIE LINKE unterstützt daher die

Auffallend sind die Nennung von radikalen Forderungen, sichtbar an Adjektiven wie sofortig, radikal, einzig und grundsätzlich:

DIE LINKE fordert die sofortige
DIE LINKE fordert eine radikale
DIE LINKE fordert einen gesetzlichen
DIE LINKE nimmt die kommunalpolitischen
DIE LINKE bleibt die einzige
DIE LINKE fordert den sofortigen
DIE LINKE fordert die deutsche
DIE LINKE fordert ein grundsätzliches
DIE LINKE fordert ein transparentes
DIE LINKE fordert ein wirkungsvolles

Die häufige Nennung des Parteinamens, die fordert, wird teilweise auch durch Personalpronomen wie wir fordern… oder ich fordere… ersetzt. Typisch ist zudem, dass Parteimitglieder zitiert werden, die etwas erklären, fordern oder sagen:

erklärt das Mitglied des Parteivorstandes
erklärt der Bundesgeschäftsführer der Partei
erklärt der Vorsitzende der Partei
sagt das Mitglied des Parteivorstandes
erklärt das Mitglied des Parteivorstands
erklärt der Föderalismusbeauftragte des Parteivorstandes
fordert das Mitglied des Parteivorstandes

Die Inhalte der Forderungen treten oft in Form von Präpositionalphrasen in Serie auf:

für eine Welt ohne Atomwaffen
für den Schutz von Leiharbeitern
für ein Zentrum gegen Vertreibungen
gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm
in den Arbeitsmarkt für Langzeitarbeitslose
gegen die Verlängerung des Afghanistaneinsatzes
für den Rückzug der Bundeswehr
für die Leistungen der Sozialversicherungen
für eine Beendigung des Militäreinsatzes
gegen eine Privatisierung der Bahn

Argumentieren ist immer auch damit verbunden, Stellung zu Vorgängen zu nehmen und diese im Sinne der Partei zu werten und darzustellen. Diese Vorgänge sind einerseits das Handeln der politischen Gegner, als auch der eigenen Partei. Die Linke verwendet dafür besonders oft Bewertungsmuster der folgenden Art:

ist eine schallende Ohrfeige für
ist eine wichtige Voraussetzung für
wäre ein erster Schritt für
ist ein weiterer Schritt
ist die konkrete Verantwortung für
ist ein eindeutiges Plädoyer für
ist ein großer Erfolg für
ist ein kompromissloser Einsatz für
ist ein wichtiges Signal
ist ein gesellschaftlicher Skandal
ist ein eindeutiger Angriff
ist ein grundlegendes Menschenrecht
ist ein durchsichtiges Wahlkampfmanöver

Im Zusammenhang mit solchen Bewertungsmustern treten dann auch oft Formulierungen der Art es kann/darf nicht sein auf, mit denen die Grundlage für die Darstellung der eigenen Position eingeleitet wird.

Rhetorische Eigenheiten

Aufzählungen sind ein häufiges rhetorisches Mittel, wobei die aufgezählten Elemente nur teilweise eine semantische Differenzierung enthalten, oft aber eher aus stilistischen Gründen aneinandergereiht werden. Ebenfalls häufig gehen Aufzählungen mit und auf geschlechtergerechten Sprachgebrauch zurück.

Die Linke verwendet oft folgende Aufzählungsmuster:

die Bürgerinnen und Bürger.
den Rassisten und Faschisten.
den Banken und Unternehmen.
den Lehrerinnen und Lehrern.
den Sonderboni und Optionen.
den Steuerzahlerinnen und Steuerzahlern.
der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer.
der Arbeitzeiten und Arbeitsbedingungen.
der Bäuerinnen und Bauern.

das aktive und passive Wahlrecht
Die aktive und passive Teilnahme
Die deutsche und Europäische Linke
Die erste und schwerste Hürde
Die plötzliche und alarmistische Entdeckung
Ein sofortiger und grundlegender Politikwechsel
Eine demokratische und zukunftsfähige Schule
Eine unabhängige und sachliche Berichterstattung
das letzte noch verbliebene Referendum
das politische und sicherheitspolitische Handeln
sondern gegenseitige Achtung und Zusammenarbeit
sowohl langfristige Visionen und Ziele
und demokratische Transformation sowie Alternativen

Audio und E-Mail-Überwachung von Beschäftigten
Beobachtung und Erfassung von Mitgliedern
Abschottung und Ausgrenzung von Flüchtlingen
Armut und Ausgrenzung von Kindern
Beobachtung und Überwachung von Beschäftigten
Beteiligungsrechte und Möglichkeiten von Frauen

Doch auch Reihungen von Adjektiven werden oft verwendet:

flächendeckende, preisgünstige und umweltverträgliche
friedliches, soziales und demokratisches
sozialen, kulturellen und ökologischen
einheitlicher, flächendeckender und gesetzlicher
politischen, sozialen und wirtschaftlichen
sozialen, politischen und wirtschaftlichen
akzeptable, gerechte und dauerhafte
allgemeine, politische und berufliche
ausländerfeindliche, rassistische und rechtsextremistische

Einige dieser Aufzählungsmuster sind typisch für politische Sprache, da sie Schlagworte miteinander vereinigen, die manchmal inhaltsleer sind. Dies zeigt sich darin, dass die aneinandergereihten Einheiten oft semantisch kaum eine Differenzierung enthalten, so z.B. ausländerfeindlich, rassistisch und rechtsextremistisch, Visionen und Ziele, plötzlich und alarmistisch oder Beobachtung und Überwachung. Dieses Phänomen ist jedoch keine Spezialität der Linken, sondern zeigt sich auch bei anderen Parteien.

Zu rhetorischen Eigenheiten der Partei gehört auch die Relativierung von politischen Konzepten oder Begriffen der Gegner. Ein häufiges Mittel, dies zu tun, ist der Gebrauch von Anführungszeichen:

aktuelle “Kompromiss”
angeblichen “Sozialneid”
angeblichen “Verteidigungsbündnisses”
bekannte “Hochschuldenkschrift”
bisherigen “Rettungspaketen”
einseitige “Autonomie-Erklärung”
europäische “Antikrisen-Pakete”
gefassten “Schnellbesohlungskurse”
genannten “Anti-Islamisierungskongress”

nach einem “Bildungs-Soli”
Nach dem “Ölschock”
gegen den “Anti-Islamisierungskongress”
mit dem “Grundgesetz”
mit dem “Taschengeld”
mit einem “Flüchtlingsproblem”

In den Pressemitteilungen der Linken sind die häufigsten durch Anführungszeichen relativierten Begriffe:

“Deutschlandfonds”
“Anti-Islamisierungskongress”
“Aufstocker”
“Bildungs-Soli”
“Briefbeförderer”
“Ermächtigungsgesetz”
“Erziehungscamps”
“Flüchtlingsbekämpfung”
“Job”
“Kombilohn”
“Kompromiß”
“Volksaktie”
“Volkspartei”
“Wirtschaftswunder”

B) Bündnis 90/Die Grünen

Argumentative Opposition

Wie die Linke zeigen sich auch bei den Grünen als Oppositionspartei sprachliche Muster, die typisch für diese Rolle sind.

Wir Grüne fordern
Wir Grüne unterstützen
Wir Deutsche stehen
Wir Grüne begrüßen
Wir Grüne fühlen
Wir Grüne kämpfen
Wir Grüne schlagen
Wir Grüne sehen
Wir Grüne setzen

Auffallend ist die häufige Einleitung wir Grüne, die Gemeinschaftlichkeit und Einigkeit ausdrückt. Während die Linkspartei oft in dritter Person Singular formuliert (Die Linke fordert…), markieren die Grünen mit dem Personalpronomen wir (und auch uns) eine kompakte und einige Gruppierung mit einem starken Wir-Gefühl.

Zudem scheint dieses Wir nicht nur gruppenkonstituierend zu sein, sondern schließt das ganze Land oder gar mehrere Nationen mit ein, spricht also alle Bürgerinnen und Bürger an. Dies zeigt sich in häufigen wir brauchen…-Formulierungen, bei denen sich das wir nicht auf die Partei bezieht, sondern auf die nationale und internationale Politik und die breite Bevölkerung:

Wir brauchen ein breites Bündnis
Wir brauchen ein politisches Bündnis
Wir brauchen eine europäische Politik
Wir brauchen eine moderne Migrationspolitik
Wir brauchen eine starke Bürgerbewegung
Wir brauchen eine verbesserte Infrastruktur
Wir brauchen eine verbindliche Festlegung
Wir brauchen eine vollständige Ächtung
Wir brauchen einen neuen Aufbruch
Wir brauchen einen neuen Vorstoß

Auch in anderen syntaktischen Konstruktionen spielt das wir eine wichtige Rolle:

brauchen wir ein flächendeckendes
brauchen wir ein würdiges
brauchen wir eine besonnene
brauchen wir eine moderne
brauchen wir eine nüchterne
brauchen wir eine seriöse
brauchen wir eine stärkere
brauchen wir einen entschiedenen
brauchen wir einen grünen

Außerdem brauchen wir eine
Besonders begrüßen wir die
Ebenso wissen wir die
Hier brauchen wir ein
Hier braucht es eine
Stattdessen brauchen wir einen
Zudem brauchen wir ein
Zudem brauchen wir eine

Neben wir sind auch uns-Verwendungen frequent, die die gleiche Funktion des Einschließens erfüllen:

Einheit erinnert uns
Einheit mahnt uns
Einsatz mahnt uns
Folgen erfüllen uns
Grüne fühlen uns
Grüne sehen uns
Grüne setzen uns
Konferenz erhält uns
Nationalsozialismus mahnt uns
Naturgesetz garantiert uns

Wen das wir jeweils einschließt, kann mitunter auch vage bleiben; rhetorisch wichtig ist, dass diese Vagheit gleichzeitig Offenheit bedeutet, so dass sich möglichst breite Wählerschichten angesprochen fühlen können.

Neben dieser wir-Verwendung sind auch Formeln häufig, die Personengruppen oder Themen in Deutschland nennen:

Menschen in Deutschland
Frauen in Deutschland
Kirche in Deutschland
Aleviten in Deutschland
Atomkraftwerken in Deutschland
Flüchtlinge in Deutschland
Jahrzehnten in Deutschland
Kohlekraftwerke in Deutschland

Trotz dem auffälligen wir-Gebrauch haben auch die Grünen einen politischen Gegner, der benannt und kritisiert wird:

Die Bundesregierung darf sich nicht
Der Bischof muss sich entschuldigen
Der Bund soll sich auf
Die Bundeskanzlerin darf sich nicht
Die Bundesregierung muss sich deshalb
Die Bundesregierung muss sich endlich
Die Bundesregierung sollte sich an
Die Bundesregierung sollte sich daher
Die Bundesrepublik muss sich vielmehr
Die Mitgliedsstaaten müssen sich deshalb

Frau Merkel muss
Minister Jung muss
Agrarminister Seehofer darf
Bundesinnenminister Schäuble sollte
Bundeskanzlerin Merkel wollte
Bürger Europas können
Fall Chodorkowski muss
Frau Merkel darf
Frau Merkel kann
Frau Merkel soll

Zu den Äußerungen von Bundeskanzlerin
Zu den Ankündigungen von Landwirtschaftsminister
Zu den Eckpunkten von Landwirtschaftsminister
Zu den Erklärungen von Verkehrsminister
Zu den Forderungen von Unions-Bildungspolitikern
Zu den Kinderbetreuungsplänen von Frau
Zu den Plänen von Innenminister
Zu den Äußerungen von Bundespräsident
Zu den Äußerungen von CSU-Generelsekretärin
Zu den Äußerungen von EU-Industriekommissar

Das Handeln der politischen Gegner wird kommentiert und deutlich kritisiert:

ist ein Armutszeugnis für
ist ein Signal für
ist ein Danaergeschenk für
ist ein Erfolg für
ist ein Gleichstellungsgesetz für
ist ein Paradebeispiel für
ist ein Warnsignal für

ist ein EU-weiter Abschiebestopp für
ist ein deutliches Signal für
ist ein entscheidender Faktor für
ist ein gute Entscheidung für
ist ein guter Tag für
ist ein gutes Zeugnis für
ist ein schönes Beispiel für
ist ein sichtbares Zeichen für
ist ein trauriger Tag für
ist ein wichtiges Ereignis für

Die Atomankündigung der bürgerlich-konservativen
Die Bodenoffensive der türkischen
Die Debatte der letzten
Die Entscheidung der Europäischen
Die Eröffnung des Jüdischen
Die Forderungen des amerikanischen
Die Haltung der deutschen
Die Hermesbürgschaft der deutschen
Die Reaktion der türkischen
Die Realitätsverweigerung der großen

Häufig werden auch stark negativ konnotierte Adjektive wie erschreckend oder gar monströs verwendet:

Erschreckend ist die
Empörend ist die
Entscheidend war die
Erstaunlich ist die
Monströs ist die

Solche starken Adjektive werden auch als Einführungen zu dass-Sätzen verwendet:

Peinlich, dass Umweltminister
bitter, dass Nazis
deutlich, dass Fach-kräftemangel
deutlich, dass Fremdenfeindlichkeit
erschütternd, dass Neonazis
gerecht, dass Umweltbelastung
klar, dass Computer
ungerecht, dass Energieeffizienz

Rhetorische Eigenheiten

Oben wurde schon auf stark konnotierte Adjektive verwiesen; in der Rhetorik der Grünen spielen Adjektive eine wichtige Rolle. Sie treten oft gehäuft auf, so z.B. als Kombinationen von adverbialen und attributiven Adjektiven, um starke Bewertungen auszudrücken:

extrem belastenden Kohlekraftwerken?
ganz schiefe Ebene.
absolut unerträgliche Weise.
aggressiv nationalistisch-chauvinistischen Stimmung.
dringend notwendigen Emissionssenkung.
einzig richtige Konsequenz.
ganz anderen Trend :
ganz falsche Richtung.
ganz gewöhnlicher Etikettenschwindel.

Aufzählungen kommen bei den Grünen weniger oft vor als bei der Linken; am frequentesten sind einfache Aufzählungen von Adjektiven:

unabhängig, frei und kritisch
bunt, weltoffen und tolerant
frei, unabhängig und pluralistisch
gewalttätig, korrupt und marode
grün, ehrlich und unbestechlich
grün, gelb und rot
handlungsfähiger, transparenter und demokratischer
mehrfach, lautstark und glaubwürdig
sozial, kulturhistorisch und friedenspolitisch
unfrei, unfair und undemokratisch
unterhaltsam, glaubwürdig und attraktiv
zukunftsfeindlich, unsozial und unpatriotisch

Ebenfalls häufig sind Aufzählungen von Nomen:

Flucht, Vertreibung und Versöhnung
Pleiten, Pech und Pannen
Rechtsextremismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit
Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus
Abgeordnetenbüros, Arztpraxen und Redaktionsräume
Aids, Tuberkulose und Malaria
Arroganz, Intrigen und einem politischen Zickzackkurs
Atom, Krebs und Kindern
Ausweitung, Effektivierung und Koordinierung
Barmherzigkeit, Gerechtigkeit und des friedlichen Zusammenlebens
Bauvorhaben, Geldverschwendung und Raubbau
Begrenzung, Kontrolle und schärfere Verfolgung
Beruf, Familie und die Pflege
Berufsverboten, Muslimtests und Bleiberecht
Bildung, Energie oder innere Sicherheit
Bildung, Kreativität und soziale Gerechtigkeit
Bio-Bauern, Verbraucherschützern und Kirchenkreisen
Bundesinnenminister, Bundesverfassungsschutz und Bundesnachrichtendienst
Bundesregierung, Bundesanwaltschaft und Polizei
Bürgerrechten, Rechtsstaatlichkeit und modernem Umweltschutz
Christen, Atheisten oder Moslems
Datenschutz, Datenabbau und Datensparsamkeit
Demokratie, Menschenrechte und Rechtsstaat
Demokratie, Toleranz und Rechtsstaatlichkeit
Demokratisierung, Rechtsstaatlichkeit und die Versöhnung
E.ON, Vattenfall und EnBW
Ehrenmorde, Zwangsprostitution oder Menschenhandel
Energie, Kinder oder Integration
Energieversorgung, Klimaschutz und der gesetzlich vereinbarte Atomausstieg
Erfahrungen, Vorstellungen und Erwartungen
Fachleute, Fähigkeiten und Finanzen
Familien, Kinder und vor allem Frauen
Fettsäuren, Zucker und Salz
Forschung, Bildung und Kinderbetreuung
Freiheit, Pluralismus und Toleranz
Freiwilligkeit, Transparenz und Rückholbarkeit
Frieden, Aussöhnung und die Aufarbeitung
Frieden, Freiheit und Demokratie
Förderung, Liebe und Rahmenbedingungen
Geistliche, Abgeordnete und Verteidiger

Wie bei solchen Aufzählungen typisch, werden auch hier Nomen aneinander gereiht, die oft semantisch nicht differenzierend wirken, sondern einen rhetorischen Zweck haben. Das zeigt sich z.B. auch bei Alliterationen wie Fachleute, Fähigkeiten und Finanzen oder Pleiten, Pech und Pannen. Manchmal sind solche Auszählungen aber auch Abkürzungen für ganze politische Positionen der Grünen, wie z.B. Atom, Krebs und Kinder oder Freiheit, Pluralismus und Toleranz.

Themen

Ein guter Indikator für Themen, die den Parteien wichtig sind, ist die Wendung Kampf gegen…. Die Grünen kämpfen gegen:

Kampf gegen Rechts
Kampf gegen Rechtsextremismus
Kampf gegen Rechtsextremisten
Kampf gegen Rassismus
Kampf gegen den Terrorismus
Kampf gegen Diskriminierung
Kampf gegen Folter
Kampf gegen Jugendgewalt
Kampf gegen Klimawandel
Kampf gegen Steuerhinterziehung
Kampf gegen Terror
Kampf gegen bessere Infrastrukturen
Kampf gegen den Klimawandel
Kampf gegen die Armut
Kampf gegen die Klimaerwärmung

Die Linkspartei im Vergleich nennt weitere Phänomene (hervorgehoben), gegen die sie ankämpft oder deren Bekämpfung, ggf. auch durch den politischen Gegner, sie erwähnt:

Kampf gegen den Terror
Kampf gegen Rechtsextremismus
Kampf gegen den Rechtsextremismus
Kampf gegen Kinderarmut
Kampf gegen Rassismus
Kampf gegen Studiengebühren
Kampf gegen den Klimawandel
Kampf gegen Aids
Kampf gegen Altersarmut
Kampf gegen Kriminalität
Kampf gegen Leiharbeit
Kampf gegen Rechts
Kampf gegen Terrorismus
Kampf gegen Unternehmerwillkür
Kampf gegen den Bundeswehreinsatz
Kampf gegen den Postmindestlohn
Kampf gegen den Terrorismus
Kampf gegen die Agenda 2010
Kampf gegen die Klimaerwärmung
Kampf gegen die Rente
Kampf gegen die Taliban
Kampf gegen Überwachung

Bei beiden Parteien ist Rechtsextremismus ein wichtiges Thema. Schaut man sich typische Wendungen an, die Rechtsextremismus enthalten, sieht man Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen den Grünen und der Linkspartei in den Vorstellungen darüber, wie Rechtsextremismus zu bekämpfen ist. Die Grünen erwähnen Rechtsextremismus in folgenden Kontexten:

Kampf gegen Rechtsextremismus
Programme gegen Rechtsextremismus
Engagement gegen Rechtsextremismus
Initiativen gegen den Rechtsextremismus
Bildungsarbeit gegen Rechtsextremismus
Eintreten gegen den Rechtsextremismus
Landesprogramm gegen Rechtsextremismus
Maßnahmen gegen Rechtsextremismus
Sumpflandschaft zwischen Rechtsextremismus
Umgang mit Rechtsextremismus
Verhalten gegenüber Rechtsextremismus
Zeichen gegen Rechtsextremismus

Nicht weniger vage klingen die Programme der Linkspartei gegen Rechtsextremismus:

Kampf gegen Rechtsextremismus
Bekämpfung von Rechtsextremismus
Agieren gegen Rechtsextremismus
Debatte um Rechtsextremismus
Projekten gegen Rechtsextremismus
Schuldfrage für wachsenden Rechtsextremismus
Strategien gegen Rechtsextremismus
Taten gegen Rechtsextremismus

Im Kontrast scheinen die Grünen die Maßnahmen gegen Rechtsextremismus eher darin zu sehen, dass in breiten Bevölkerungsschichten der Umgang mit bzw. das Verhalten gegenüber Rechtsextremismus thematisiert wird, dass Zeichen dagegen gesetzt werden. Ein vielleicht insgesamt relativ diffuses Engagement gegen Rechtsextremismus wird gefordert.

Die Linkspartei spricht zwar markig vom Kampf und dem Agieren gegen Rechtsextremismus und spricht von Projekten, Strategien und Taten. Ob dieses Programm konkreter ist, muss jedoch bezweifelt werden.

5. Fazit

Sowohl Linke als auch Grüne haben ihre jeweiligen Themen, mit denen sie sich zu profilieren versuchen. Die rhetorischen Mittel, die dabei eingesetzt werden, unterscheiden sich jedoch. Bei den Grünen ist die Verwendung von negativ konnotierten Adjektiven auffallend und der häufige wir/uns-Gebrauch, der eine gemeinschaftsstiftende Funktion hat und aber vage und offen bleibt, so dass sich möglichst viele Bevölkerungsschichten eingeschlossen fühlen können.

In den Pressemitteilungen der Linken zeigt sich die typische Rhetorik einer Oppositionspartei, die den Spagat wagen muss, einerseits ein politisches Profil zu entwickeln, das sich radikal von den Regierungsparteien unterscheidet, andererseits trotzdem suggeriert, den Wünschen, Hoffnungen und Bedürfnissen einer Mehrheit der Bevölkerung zu entsprechen. Dies geschieht dadurch, indem die Partei sich in bestimmten Themen versucht, besonders deutlich zu profilieren (Arbeit, Wirtschaft) und gleichzeitig die Politik der regierenden Parteien angreift, kommentiert und bewertet.

Etwas weniger ausgeprägt findet sich diese Oppositionsrhetorik auch bei den Grünen: Auch dort ist es wichtig, das Handeln des politischen Gegners zu kommentieren und zu kritisieren. Während die Linke jedoch behauptet, die Interessen einer Mehrheit der Bevölkerung zu vertreten, gehen die Grünen rhetorisch geschickter vor, indem ein wir-Gefühl evoziert wird: Wir sitzen alle im selben Boot.

“DIE LINKE fordert” – Eine Analyse zu den unterschiedlichen Fassungen des Wahlprogramms der PDL

Freitag, 19. Juni 2009

Die Partei DIE LINKE hat zwar noch kein Grundsatzprogramm, sie wird sich jedoch ein Wahlprogramm für die Bundestagswahl geben. Um dieses Programm wurde jedoch parteiintern heftig gestritten. Eine vom Parteivorstand in die Vernehmlassung gegebene erste Fassung des Wahlprogramms wurde insbesondere von der Parteilinken als weichgespülter linker Mainstream scharf kritisiert. Der Entwurf leiste keine grundsätzliche Kritik des kapitalistischen Systems. Zahlreiche Änderungen am Programmtext waren die Folge, so dass die Presse einhellig der Ansicht war, der Programmvorschlag der Parteiführung sei von der Basis zerpflückt worden. Dennoch hat der Parteivorstand den geänderten Programmtext als Leitantrag für den Parteitag der PDL verabschiedet. Über das Wahlprogramm entscheidet die Linkspartei endgültig auf einem Parteitag vom 19. bis 21. Juni.

Die folgende Analyse vergleicht die beiden Programmentwürfe auf ihre rhetorischen und semantischen Strategien.

1. Programmatische Akzentverschiebungen

Vergleicht man die beiden Texte daraufhin, welche Wörter in ihnen signifikant häufiger als im anderen Text auftreten, dann werden die Unterschiede zwischen den beiden Fassungen deutlich. Insbesondere die Analyse signifikanter Nomen offenbart die programmatischen Differenzen zwischen erstem Programmentwurf und fertigem Leitantrag. Die folgende Tabelle zeigt jene Nomen, die für den ersten Programmentwurf im Vergleich zum Leitantrag typisch sind:

Lemma Frequenz
Programmentwurf
Frequenz
Leitantrag
Chi-Quadrat Signifikanzniveau x mal häufiger
als im Leitantrag
Regulierung 8 0 5,179861 0,02238 nicht in Leitantrag
Opfer 11 1 4,824289 0,02771 7,12
Resolution 6 0 3,884740 0,04867 nicht in Leitantrag
Mittelstand 6 0 3,884740 0,04867 nicht in Leitantrag
Konfrontation 6 0 3,884740 0,04867 nicht in Leitantrag
Anerkennung 12 2 3,672553 0,05528 3,88
Konflikt 9 1 3,598959 0,05777 5,82
Verwirklichung 5 0 3,237218 0,07177 nicht in Leitantrag
Grundsatz 13 3 2,832736 0,09146 2,80

Es fällt auf, dass die Wörter Regulierung und Opfer die höchste Typik aufweisen. Regulierung als ordnungspolitisches Hochwertwort der Linken kommt im Leitantrag überhaupt nicht mehr vor. Auch das Wort Mittelstand kommt lediglich im Programmentwurf vor. Die Tatsache, dass die Wörter Konflikt und Konfrontation fast ausschließlich im Programmentwurf vorkommen, zeigt, dass bei aller programmatischen Radikalisierung der Leitantrag verbal erheblich weichgespülter daherkommt. Dies zeigt sich auch daran, dass das Wort Grundsatz für den Entwurf noch typisch ist und im Leitantrag nur noch 3 mal vorkommt.

Im Vergleich zum Programmentwurf ist der Text des Leitantrags von Vokabeln geprägt, die die linke Programmatik zum Ausdruck bringen:

Lemma Frequenz
Programmentwurf
Frequenz
Leitantrag
Chi-Quadrat Signifikanzniveau x mal häufiger
als im Programmentwurf
Millionärssteuer 1 5 4,878032 0,02683 7,72
Investitionsprogramm 0 3 4,634353 0,03105 nicht in Programmentwurf
Wirtschaftsordnung 0 3 4,634353 0,03105 nicht in Programmentwurf
System 3 7 3,952423 0,04674 3,60
Kapitalismus 4 8 3,769101 0,05217 3,08
Gemeinwohl 1 4 3,472837 0,06231 6,17
Sozialleistung 1 4 3,472837 0,06231 6,17
Arbeitslosenversicherung 1 4 3,472837 0,06231 6,17
Lohn 1 4 3,472837 0,06231 6,17
Verteilung 2 5 3,029969 0,08126 3,86
Klimawandel 3 6 2,826655 0,09180 3,08
Kontrolle 4 7 2,732234 0,09715 2,70
Eigentum 5 8 2,696451 0,09925 2,47

Insbesondere die Tatsache, dass Wörter wie Wirtschaftsordnung, System, Kapitalismus, Verteilung und Eigentum signifikant häufiger als im ersten Programmentwurf vorkommen, belegt, dass bei der Partei DIE LINKE die Systemfrage eine größere Bedeutung bekommen hat. Das Wort Millionärssteuer bedient dabei die klassenkämpferische Ressentiments.

Der Leitantrag unterscheidet sich vom ersten Programmentwurf auch darin, dass in ihm die Forderungen und Ziele der Linkspartei in Aneinanderreihungen deontischer Infinitive formuliert werden. Das liest sich dann beispielsweise so:

Erpressung der Beschäftigten beenden: Kündigungsschutz ausweiten und Hartz IV abschaffen; wirksames Anti-Mobbing-Gesetz schaffen; das Ausspionieren von Beschäftigten beenden; ein wirksames Arbeitnehmerdatenschutzgesetz schaffen; Vergabe öffentlicher Aufträge von der Einhaltung sozialer und ökologischer Kriterien abhängig machen

Die häufige Verwendung dieses Formulierungsmusters führt dazu, dass im Leitantrag mehr Verben vorkommen als im Prorgammentwurf. Die häufigsten Verben zeigt die folgende Wortwolke:

Dass das Verb fordern das frequenteste ist, zeigt, dass die Partei die LINKE keine Regierungsverantwortung anstrebt, sondern aus der Opposition heraus Forderungen formuliert.

2. Vergleich mit dem SPD-Wahlprogramm

Dies bestätigt auch der Vergleich der Schlagworte in den Wahlprogrammen von SPD und DIE LINKE. Hier zeigt sich etwa, dass die Linkspartei viel häufiger als die SPD Verben, die eine Zustandsveränderung bezeichnen, benutzt, nämlich abschaffen, beginnen, beenden, beseitigen, einführen, herstellen, reformieren, regulieren, senken, verbieten und ändern. Im Vergleich zum verbal-radikalen Leitantrag der PDL treten im SPD-Wahlprogramm dann Verben als signifikant in Erscheinung, die ein “Weiter so” implizieren, wie fortsetzen, bewähren/bewährt, bleiben, vermeiden und weiterentwickeln.

SPD Wahlprogramm

Abrüstung alt Arbeit Arbeitnehmer Arbeitnehmerrecht attraktiv Ausbau BAföG Betriebsrat bewähren bleiben Bürgergesellschaft Dialog durchsetzen effizient Einwanderer Entlastung entschlossen erneuerbar fair Finanzamt Forschung Fortschritt fortsetzen gemeinsam Gemeinsamkeit Generation Gesundheitswesen gut handlungsfähig helfen Hochschule Industriepolitik Infrastruktur Initiative international Jugendliche
Justiz Kanzler Kind künftig Lebensgrundlage Lebensqualität leistungsfähig ländlich Marktwirtschaft Modernisierung Möglichkeit Nachfrage national Naturschutz neu nutzen nötig partnerschaftlich Pflege profitieren qualifiziert Raum Regeln Rentensystem Schule Sicherheit Solidarität sorgen Sozialdemokrat Sozialdemokratin sozialdemokratisch stark starten Steuerhinterziehung Stärkung Säule Teilhabe umweltfreundlich Verantwortung Verbesserung vermeiden Wandel Weg weiterentwickeln Wettbewerb wichtig Wohlstand wählen Zeit zentral Ziel Zukunft zukünftig Zusammenarbeit Übergang


Im Vergleich zur PDL erscheint die SPD als Partei, die auf den Zusammenhalt der Gesellschaft hinwirken möchte, wie sich an der signifikant häufigeren Verwendung der Wörter partnerschaftlich, fair, gemeinsam, Solidarität, sorgen und Zusammenarbeit zeigt.

Der ideologische Graben, der sich zwischen den Parteien auftut, zeigt sich in konkurrierenden Bezeichnungen für zwei für die linke Wählerschaft zentrale Begriffe: Während die SPD von Marktwirtschaft und Arbeitnehmern spricht, sind für die PDL die Schlagworte Kapitalismus und abhängig Beschäftigte signifikant.

3. Semantische Profilierung

Der Leitantrag profiliert jene Themen stärker, die die Linkspartei mittels Schlag- und Fahnenwörtern zu besetzen sucht. Im Folgenden sollen zwei Beispiele aufgeführt werden, bei denen im Leitantrag bei zentralen Begriffen semantische Präzisierungen zu beobachten sind.

Betrachtet man die Kollokationen zum Wort Armut in beiden Programmfassungen, dann gibt zahlreiche Gemeinsamkeiten zwischen erstem Entwurf und Leitantrag. Wörter, die Dimensionen des Phänomens Armut in unserer Gesellschaft beschreiben wie Alter, Ausgrenzung und sozial stehen neben Wörtern wie Seuche und Hunger, die die Armut in den Entwicklungsländern thematisieren.

Während Armut im Programmentwurf mit weiteren Wörtern wachsend, Kind, Krankheit und Erwerbslosigkeit assoziiert ist, ist im Leitantrag eine semantische Zuspitzung zu erkennen. Armut wird neben den genannten Wörtern ausschließlich mit Hartz IV und dem Verb verhindern assoziiert.

Beim Wort Umbau wird die semantische Profilierung nicht durch die Verengung des Verwendungskontextes erreicht. Im ersten Entwurf wurde Umbau signifikant mit den semantisch eher undeterminierten Wörtern sozialökologisch und global assoziiert.

Im Leitantrag erfährt das Konzept eine Konkretisierung. Zwar finden sich neben sozialökologisch und global auch noch die Adjektive ökologisch und sozial, darüberhinaus wird Umbau auf die ökonomischen Kategorien Binnenmarkt und Wirtschaft bezogen und mit dem Begriff der Gerechtigkeit assoziiert.

4. Rhetorische Abschwächungen

Trotz des prorgammatischen Verschärfung ist der Leitantrag in rhetorischer Hinsicht weniger radikal. Insbesondere emotionalisierende Gradpartikel finden sich seltener als im ersten Programmentwurf.

In 1000 Wörtern finden sich im ersten Programmentwurf immerhin 2,7 intensivierende Partikel, im finalen Programmentwurf sind es nur 2,1. Auffällig seltener wurden dabei die Partikel grundlegend, sehr, stark und besonders, vor allem aber die Partikel mehr und entschieden getilgt.

Die Kollokationsanalyse zeigt, dass dies vor allem daran liegt, dass die Formulierungen etwas entschieden entgegen treten bzw. entschieden eintreten für etwas in der zweiten Fassung kaum noch verwendet werden.

Dies zeigt sich auch in der Verwendung von Komposita bei der sprachlichen Konstruktion zentraler Politikbereiche. So finden sich im Leitantrag folgende Wörter mit dem lexikalischen Morphem spekul:

Spekulant
Spekulation
spekulativ
spekulieren

Im Programmentwurf waren darüber hinaus noch folgende, radikaler klingende Wörter gebraucht worden:

Finanzmarktspekulation
Geldspekulation
Spekulationsrausch
hochspekulativ

Ähnlich ist die Lage bei Wörtern, in denen verteil vorkommt. Während sich im Leitantrag nur die programmatischen Vokabeln

Ressourcenverteilung
Umverteilung
Verteilung
verteilbaren
verteilen
verteilungsgerecht

finden, enthält die erste Fassung des Programms darüber hinaus noch die Komposita

Gleichverteilung
Umverteilungspolitik.

5. Fazit

Trotz aller inhaltlicher Radikalität ist der Leitantrag also in sprachlicher Hinsicht häufig weniger radikal als der ursprüngliche Programmentwurf. So kommen in ihm beispielsweise weniger politische Kraftausdrücke vor und auch emotionalisierende Gradpartikel finden sich deutlich seltener. Er ist jedoch sprachlich pointierter und formuliert das politische Programm der Partei glasklar. Sein Alleinstellungsmerkmal ist der deontische Infinitiv, das Verb mit der höchsten Typizität fordern. Wer fordert, fordert immer von jemand anderem, weil er nicht selbst in der Lage ist, zu handeln. So zeigt sich im Fordern der Partei DIE LINKE, dass sie das Regieren nicht anstrebt.