Steinmeier: Strategiewechsel – Merkel: rhetorische Kontinutität.

Eine Längsschnittanalyse zum Gebrauch politischer Vokabeln

Die Gebrauchsfrequenz von Inhaltswörtern ist ein guter Indikator dafür, welche Themen in einem Wahlkampf von den jeweiligen Kandidatinnen und Kandidaten gesetzt werden. Eine Längsschnittanalyse des Sprachgebrauchs in unterschiedlichen Politikfeldern kann sogar einen Strategiewechsel sichtbar machen.

Die folgende Analyse beruht auf sämtlichen Reden, die Bundeskanzlerin Angela Merkel und der Bundesaußenminister und Kanzlerkandidat der SPD Frank-Walter Steinmeier auf ihren Webseiten während der laufenden Legislaturperiode publiziert haben:
1. 386 Reden von Angela Merkel von November 2005 bis August 2009 (953.691 Wörter)
2. 358 Reden von Frank Walter Steinmeier von November 2005 bis August 2009 (604.521 Wörter)
Die Korpora wurden für die Längsschnittanalyse in Teilkorpora für jeden Monat der Legislaturperiode gruppiert. Die meisten Analysen wurden für den Zeitraum ab Oktober 2008 vorgenommen, in dem Frank-Walter Steinmeier auf einem SPD-Sonderparteitag in Berlin offiziell zum Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl 2009 gewählt wurde.

1. Nennung des politischen Gegners

Helmut Kohls Strategie im Wahlkampf war es stets, den politischen Gegner nicht beim Namen zu nennen. Fast nie waren aus seinem Mund die Namen der wechselnden SPD-Kanzlerkandidaten Helmut Schmidt, Hans-Jochen Vogel, Johannes Rau, Oskar Lafontaine, Rudolf Scharping oder Gerhard Schröder zu vernehmen. Angela Merkel scheint in dieser Hinsicht von ihm gelernt zu haben. Analysiert man, wie häufig die Bundeskanzlerin in der laufenden Legislaturperiode den Namen Steinmeier oder den seiner Partei SPD benutzt hat, so zeigt sich, dass sie den politischen Gegner kaum beim Namen nennt.

Spricht sie von Steinmeier, dann identifiziert sie ihn sprachlich fast immer mit seiner Funktion als Bundesaußenminister, bevorzugt spricht sie in letzter Zeit auch häufiger von “meinem Bundesaußenminister” und insinuiert dabei auf subtile Weise eine Hierarchie zwischen Kanzlerin und Kandidat. Zugleich erweckt die Bezeichnung “mein Bundesaußenminister” den Eindruck von Harmonie zwischen den politischen Gegnern und passt damit gut ins Merkels präsidialen Konfliktvermeidungswahlkampf. Seitdem Steinmeier offiziell Kanzlerkandidat der SPD ist, hat Merkel – mit Ausnahme im Dezember 2008 – seinen Namen in keiner ihrer Reden mehr erwähnt, ganz zu schweigen von dem seiner Partei.

Auch Frank-Walter Steinmeier war lange zurückhaltend im Nennen des Namens seiner politischen Kontrahentin. Seit seiner Nominierung zum Kanzlerkandidaten stieg die Frequenz der Nennung von Merkel und ihrer Partei CDU nur leicht an.

Im Monat August jedoch wird ein Strategiewechsel sichtbar. Steinmeier nennt vor allem Angela Merkel, aber auch die CDU sehr viel häufiger in seinen Reden direkt beim Namen, was auf einen konfrontativeren Politikstil verweist.

2. Nennung politischer Vorbilder

In diesem Kontext ist auch interessant zu beobachten, wie häufig Steinmeier und Merkel auf politische Vorbilder Bezug nehmen. Frank-Walter Steinmeier bevorzugte in den ersten Monaten seiner Kandidatur Barack Obama und Willy Brandt als positive Referenzpunkte. Seit Juli aber haben auch Gerhard Schröder und Helmut Schmidt, der Kanzler der Ölkrise, in seinen Reden Konjunktur.

Angela Merkel hingegen verzichtete lange weitgehend auf Bezüge zu den zentralen Leitfiguren in der Geschichte der CDU. Seit August ist aber ein rasanter Anstieg der Referenzen auf Konrad Adenauer, aber auch auf Ludwig Erhard, das Symbol der sozialen Marktwirtschaft bundesrepublikanischer Prägung, und auch auf Helmut Kohl zu beobachten.

3. Finanz- und Wirtschaftspolitik

Vergleicht man den Gebrauch des Wortes Krise und seiner Ableitungen, so zeigen sich Steinmeier und Merkel lange Zeit erstaunlich einträchtig. Die Kurven verlaufen annähernd parallel:

Seit Juli jedoch scheint Steinmeier dem Thema weniger Beachtung zu schenken als die Kanzlerin. Dies mag daran liegen, dass das Krisenmanagement eher mit der Regierungschefin und weniger mit dem Bundesaußenminister in Verbindung gebracht wird und sich Steinmeier daher weniger politisches Kapital von diesem Thema verspricht.

Im Hinblick auf das Thema Krisenmanagement ist auch ein Vergleich des Frequenzverlaufs des Wortes Opel interessant.

Das Verlaufsdiagramm zeigt, dass Steinmeier der Bundeskanzlerin jeweils um einen Schritt voraus war und sie mit dem Thema offensichtlich vor sich her getrieben hat. Erst nachdem der SPD-Kanzlerkandidat das Thema für sich entdeckt hatte, reagierte Merkel.

Seit Beginn der Finanz- und Wirtschaftskrise steht ein Berufsstand im Zentrum der Diskussion: die Manager. Sie wurden als Schuldige ausgemacht und zum Prügelknaben der Nation erklärt. Das Verlaufsdiagramm zeigt, dass vor allem Steinmeier sich in seinen Reden mit den Managern und ihren Verfehlungen auseinandergesetzt hat, während die Vorsitzende der traditionell wirtschaftsfreundlichen CDU Zurückhaltung walten lässt – zumindest was die Frequenz betrifft. Offensichtlich hat das Thema aber auch für Steinmeier inzwischen seine Zugkraft verloren.

Dafür hat Steinmeier ein neues Thema: Die Steuersenkungsankündigung der CDU. Passend zum Strategiewechsel bei der Nennung des politischen Gegners benutzt der SPD-Kanzlerkandidat sehr viel häufiger als die Kanzlerin die Wörter Steuersenkung und Steuererleichterung und eignet sich damit ein Thema an, mit dem die CDU bei den Wählern zu punkten hoffte.

Merkel hingegen marginalisiert das Thema Steuersenkungen in ihren Reden. Wohl auch deshalb, weil zahlreiche Journalisten und Experten in der Ankündigung von Steuererleichterungen eher ein rituelles Wahlversprechen als eine reale politische Option sahen.

4. Sozialpolitik

Vergleicht man die Gebrauchshäufigkeit des Adjektivs sozial in den Reden von Merkel und Steinmeier, dann zeigt sich, dass Merkel seitdem die Kanzlerkandidatur Steinmeiers feststand und damit das Ringen der Kandidaten begann, auch um die Stärkung ihres sozialen Profils bemüht war. Teilweise benutzte sie das Adjektiv sogar häufiger als ihr sozialdemokratischer Widersacher.

Das eigentliche Thema, mit dem Steinmeier versucht, sich gegenüber Merkel zu profilieren ist das Thema Gerechtigkeit. Analysiert man die Frequenzen des Gebrauchs des Wortes gerecht und seiner Derivate, so hat Steinmeier über die gesamte Zeit seiner Kandidatur hier die Nase vorn.

Interessant ist auch ein Blick auf den Frequenzverlauf bei der Nennung der Hartz-IV-Reformen.

Steinmeier schweigt in seinen Reden zu den unter Kanzler Gerhard Schröder unter seiner eigenen Mitwirkung verabschiedeten Sozialreformen seit Februar dieses Jahres.

Dafür hat Steinmeier im August das Thema Arbeitslosigkeit für sich entdeckt, wie die Frequenzanalyse zum Wort arbeitslos und seinen Derivaten belegt.

5. Fazit

Die genannten Indikatoren weisen darauf hin, dass Steinmeier seit August und damit seit Beginn der heißen Phase des Wahlkampfs, um einen Strategiewechsel bemüht ist. Er greift den politischen Gegner häufiger direkt an und versucht, neue Themen für sich zu besetzen. Bei Angela Merkel hingegen zeigen sich kaum Veränderungen. Dies ist eine Parallele zum US-Wahlkampf, den semtracks mit seinen Analysen begleitet hat. McCain als der in Umfragen zurückliegende Kandidat änderte mehrfach seine Strategie und erhöhte die Zahl der direkten Angriffe auf den politischen Gegner. Obama hingegen gab sich integrativ und präsidial.

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