Kanzlerduelle auf Distanz

Die Sommerinterviews von Merkel und Steinmeier im linguistischen Vergleich

Am kommenden Sonntag kommt es zum ersten und einzigen Fernsehduell der Kanzlerkandidat/innen von CDU/CSU und SPD, von Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier.

Doch schon vorher haben die Bundeskanzlerin und ihr Herausforderer zeitversetzt in nahezu identischen Fernsehformaten Rede und Antwort gestanden. Die folgende semtracks-Analyse sucht nach Mustern im Sprachgebrauch der Kandidaten in den folgenden Fernsehsendungen:

  • den ARD-Sommerinterviews mit Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier,
  • den ZDF-Sommerinterviews mit Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier und
  • den RTL-”Town-Hall Meetings”.

1. Persönlichkeitsmarketing und Dialogizität

Vergleicht man, welcher der beiden Kandidaten welche Personalpronomina am häufigsten benutzt hat, so zeigt sich, dass Frank-Walter Steinmeier signifikant häufiger ich und Sie verwendet, was auf einen persönlicheren und dialogischeren Stil schließen lässt. Angela Merkel hingegen benutzt sehr viel häufiger Formulierungen mit den unpersönlichen Pronomen man und es.

Dazu passt, dass Steinmeier seine politische Gegnerin mehrfach beim Namen nennt, während Merkel ausschließlich vom Außenminister spricht. Sie tut dies freilich immer nur dann, wenn sie auf Gemeinsamkeiten verweist oder, rhetorisch noch geschickter, ein Lob bereit hat: “Im Übrigen ist es dann auch noch so, muss man auch sehen, zum Beispiel Außenminister sind auch oft sehr beliebt, wenn man mal an den jetzigen denkt, aber auch an Hans Dietrich Genscher, der aus einer kleinen Partei kam. Da war die Differenz allemal größer. Den haben noch mehr Leute gut gefunden und die Partei hat deutlich weniger gekriegt.”

2. Nominalstil vs. emphatisches Sprechen

Obwohl Steinmeier geschickter auf der Klaviatur des Persönlichkeitsmarketing zu spielen scheint, ist sein Stil in anderer Hinsicht noch immer deutlich hölzerner als der seiner Rivalin von der CDU.

Als typische Merkmale des Nominalstils finden sich in seinen Statements signifikant häufiger Passivkonstruktionen und Aneinanderreihungen von Präpositionalgruppen (Im nächsten Jahr muss die Automobilindustrie und die Arbeitsplätze in der Automobilindustrie wieder stärker durch den Export gestützt werden oder durch Stabilisierung der Binnennachfrage hier in Deutschland versuchen, rund 2 x häufiger).

Angela Merkel hingegen erweist sich auch in den Fernsehsendungen als sehr emphatische Sprecherin. In 1000 Wörtern finden sich in ihren Statements durchschnittlich 12,2 Gradpartikel, bei Steinmeier gerade einmal 7,54.

Damit liegt der Wert bei ihr noch höher als in ihren Reden, wie die folgende Grafik zeigt:

Steinmeier hingegen liegt sowohl in seinen Reden als auch in den Fernsehsendungen deutlich hinter der Kanzlerin zurück.

3. Positive Botschaften

Analysiert man, wie häufig die beiden Kandidaten Adjektive benutzen, die eine positive Konnotation haben, dann zeigen sich ebenfalls deutliche Unterschiede. Während in Frank-Walter Steinmeiers Statements rund 9 von 1000 Wörtern positiv besetzte Adjektive sind, sind es bei Angela Merkel über ein Drittel mehr (12,7 von 1000 Wörtern). Besonders groß sind die Unterschiede bei der bei beiden frequentesten Vokabel gut, die Merkel 3,5 mal häufiger benutzt als Steinmeier. Während für Steinmeier die Adjektive stark, sozial und erfreulich charakteristisch sind, sind es für Merkel die Vokabeln gemeinsam, stark und stabil.

4. Phrasen

Die folgenden semtracks PhraseClouds zeigen jene Wendungen, die von Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier am häufigsten verwendet wurden:


Angela Merkel

Frank-Walter Steinmeier

Interessant ist, dass sich bei Steinmeier im Vergleich zu Merkel sehr viel mehr Phrasen mit Inhaltswörtern finden, die auf Programmatisches verweisen:

Arbeitslosigkeit zu reduzieren
in der Automobilindustrie
für den Mittelstand
die künftigen Generationen
für Städte und Gemeinden
einer schwarz gelben Koalition
für weltweiten Terrorismus
Kreativangeboten aus Deutschland

Dagegen dominieren bei Angela Merkel Phrasen rhetorischen Charakters. Und dies, obwohl die Phrase nicht drumrum reden für Merkel signifikant ist. Bei Angela Merkel finden sich zudem zahlreiche Phrasen, die auf die Finanz- und Wirtschaftskrise verweisen:

vor der Krise
aus diesem Tal
dass die Banken
Die Krise ist
aus dem Ruder
die ökonomische Situation
in dieser schwierigen Situation
Krise haben wir

Auffällig bei Merkel sind zudem zahlreiche Satzanfänge mit Also und die intensivierende Doppelung von Partikeln und Adjektiven wie in sehr, sehr oder viele, viele.

5. Fazit: Wohlfühlkanzlerin gegen sachorientierten Herausforderer

Angela Merkel setzt in ihren Interviews auf einen nähesprachlichen Kommunikationsstil. Ausgehend von den Problemen der Wirtschafts- und Finanzkrise sind ihre Botschaften bei aller Sprödigkeit (Satzanfänge mit Also) darauf ausgerichtet emphatisch ein positives Bild zu zeichnen. Merkel inszeniert sich als das emotionale Zentrum, das die Gesellschaft zu einem Wir vereint, das für die gemeinsame Lösung von Problemen und für die Wendung zum Guten in schweren Zeiten steht.

Frank-Walter Steinmeier hingegen gibt den sachorientieren Politiker, der viele Politikfelder benennt und sich um direkten Dialog bemüht. Dabei spricht er jedoch – ähnlich wie in seinen Reden – eine vergleichsweise technokratische Sprache.

Ob am Ende die emotionale Botschaft oder die Inszenierung als sachorientierter Politiker erfolgreicher ist, das werden die Wahlen zeigen.

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