Zur politischen Rhetorik von Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier, Teil II

3. Deshalb glaube ich… – Sprachliche Muster in den Reden von Kanzlerin Angela Merkel

Um den rhetorisch-stilistischen Eigenheiten der beiden Kandidaten auf die Spur zu kommen, hat semtracks eine datengeleitete multivariate Analysemethode zur Erkennung sprachlicher Muster entwickelt. Vergleicht man die Redenkorpora von Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier, dann erweisen sich die folgenden rhetorisch-stilistischen Mermale als typisch für die Reden der Bundeskanzlerin:

A. Wirklichkeit konstatieren, deuten und schaffen

Ich glaube, dass / Wir sehen, dass / Sie wissen, dass

Hauptsätze in der ersten Person Singular oder Plural (ich / wir), denen sich ein Komplementsatz (auch “Inhaltssatz”) anschließt, der mit “dass” eingeleitet wird. Die Verben des Hauptsatzes haben dabei (1) teilweise konstativen bzw. faktiven Charakter (2) teilweise subjektivierenden bzw. relativierenden Charakter:

Beispiele (1):
Wir sehen, dass
Sie wissen, dass
Wir wissen, dass
Ich weiß, dass
Ich sage, dass

Beispiele (2):
Ich glaube, dass
Ich hoffe, dass
Ich vermute, dass
Ich denke, dass

Ich glaube, ich / Ich denke, es ist / Wir erleben, dass

Verwandt mit diesem Muster sind Formulierungen, in denen der anschließende Nebensatz mit einem Pronomen eingeleitet wird.

Ich glaube, ich
Ich finde, wir
Ich denke, wir
Ich denke, es
Ich glaube, es

Dieses Muster tritt häufig in Verbindung mit einem finiten Hilfverb auf. Dann wird es dazu verwendet, faktive Aussagen über die Gegenwart oder die Zukunft zu machen, wie die folgenden Beispiele zeigen:

Ich glaube, es wird
Ich denke, wir werden
Ich denke, wir sind
Ich glaube, es ist
Ich finde, wir sind
Ich glaube, wir sind
Ich denke, es wird

Eine ähnliche Wirklichkeit konstatierende und deutende und damit auch Wirklichkeit schaffende Funktion hat das folgende Muster, das die Zuhörer als kollektives “wir” miteinbezieht:

Wir erleben, dass
Wir wissen, dass
Wir spüren, dass
Wir sehen, dass

Aber ich vermute / Aber ich hoffe / Aber wir wissen

Auffällig häufig beginnt Angela Merkel ihre Sätze auch mit der Partikel “aber”, gefolgt von einer Ich-Aussage mit einem nicht-faktiven, seltener auch einem faktiven Verb:

Aber ich vermute,
Aber ich finde,
Aber ich glaube,
Aber ich hoffe,
Aber ich denke,
Aber ich weiß,

Auch dieses Muster kann in der ersten Person Plural auftreten:

Aber wir wissen,
Aber wir glauben,

Solche adversativen Satzanschlüsse verweisen auf die Auseinandersetzung mit einer im vorangehenden Satz genannten Gegenposition, die entweder relativiert oder korrigiert wird. In Verbindung mit faktiven Verben konstruieren sie eine andere Wirklichkeit als die in der Vorrede entworfene, in Verbindung mit nicht-faktiven stellen sie sie zumindest in Aussicht.

B. Argumentieren und Folgern

Konsekutive Satzanschlüsse

“Konsekutiv” bedeutet “folgernd”, “ableitend”. Konsekutive Satzanschlüsse verweisen darauf, dass im folgenden Satz aus dem vorher Gesagten Schlüsse gezogen werden. Die Reden Angela Merkels weise signifikant häufiger konsekutive Satzanschlüsse auf als die Reden Frank-Walter Steinmeiers.

Das von ihr am häufigsten verwendete sprachliche Mittel für die Formulierung von Folgerungen und Schlüssen ist die Partikel “deshalb” am Satzanfang in Kombination mit finitem Hilfsverb, Pronomen als Subjekt und Adverb:

Deshalb werden wir jetzt
Deshalb haben wir hier
Deshalb werden wir auch
Deshalb habe ich gestern
Deshalb habe ich bereits
Deshalb werden wir hier

Dieses Muster findet sich bei Merkel 184 mal und damit 11 mal häufiger als in den Reden Steinmeiers. Dieses Muster hat verschiedene Varianten, unter anderem mit einem Nomen als Subjekt oder mit einem unpersönlichen Pronomen:

Deshalb ist die Bundesregierung
Deshalb ist die Haushaltskonsolidierung
Deshalb ist die Zahl
Deshalb wird das Thema
Deshalb ist die Tatsache
Deshalb ist es so
Deshalb ist es eben
Deshalb ist es auch
Deshalb ist es ganz

Auch diese Muster kommen in Steinmeiers Reden fast überhaupt nicht vor.

Bei Merkel finden aber weitere Formulierungstypen konsekutiver Relationen signifikant häufiger, nämlich Formulierungen mit substituierendem Demonstrativpronomen gefolgt von den Verben zeigt oder heißt:

Das heißt, er
Das heißt, ich
Das zeigt, wir
Das heißt, es
Das heißt, Sie
Dies heißt, er

Eine Variation dieses Musters sind Formulierungen vom Typ Das bedeutet also und Das heißt also, bei denen die konsekutive Relation durch die Partikel also formuliert wird.

Während sich diese Muster bei Merkel 203 mal finden, fördert die Analyse in den Reden Steinmeiers gerade einmal 2 Belege zu Tage.

Die Formulierung konsekutiver Relationen an der sprachlichen Oberfläche und damit die Inszenierung eines argumentativen Politikstils sind also ein sehr ausgeprägtes Merkmal der Merkelschen Reden. Dies sagt freilich noch nichts über die Qualität der vorgebrachten Argumente und damit der Gültigkeit ihrer Folgerungen aus, denn nicht immer korrespondiert die sprachliche Inszenierung mit den Inhalten, wie das folgende Muster zeigt:

wenn-dann-Sätze

Merkel verwendet signifikant häufiger wenn-dann-Konstruktionen, die normalerweise eine logisch-kausale Beziehung zwischen Bedingung und Folge formulieren. Für Merkel typisch sind aber Formulierungen, in denen im
im Folgesatz ein finites Hilfsverb steht. In vielen dieser Formulierungen findet sich daher auch kein logisch-kausaler Gehalt, etwa in den folgenden:

Wenn ich … Internationalität nenne, dann ist
Wenn es … Abwasserentsorgung geht, dann haben
Wenn man … Jahr vergleicht, dann ist
Wenn ich … Bevölkerungsgruppen anschaue, dann haben
Wenn wir … Kontingent stellen, dann ist

C. Hervorheben und Betonen: deiktische Ausdrücke

Signifikant unterscheiden sich die Reden der Bundeskanzlerin und des Außenministers auch in der Verwendung von deiktischen Ausdrücken. Angela Merkel verwendet zur Betonung einzelner Passagen oder Punkte signifikant häufiger deiktische Ausdrücke in Kombination mit Modalverben. Dies hat die Funktion, einzelne Aspekte der Rede hervorzuheben:

Ich möchte an diesem Tage
ich möchte an dieser Stelle
Ich muss an dieser Stelle
Ich möchte an diesem Abend
wir müssen an dieser Stelle
Ich darf an dieser Stelle
Ich möchte an dieser Stelle
Wir müssen an dieser Stelle
Ich will an dieser Stelle

D. Vagheit: so etwas wie

Schließlich findet sich auch ein Formulierungsmuster signifikant häufiger bei der Kanzlerin, das Vagheit indiziert, nämlich die Wendung so etwas wie:

so etwas wie eine Botschaft
so etwas wie ein Wahrzeichen
so etwas wie eine Richtschnur
so etwas wie ein Gemeinschaftsgefühl
so etwas wie eine Brücke
so etwas wie eine Krise

Tags: , , , , , , , , , ,

Keine Kommentare zugelassen.