Koalitionsoptionen aus tiefensemantischer Perspektive

Der Wahlkampf ist zu Ende, die Wahlen sind entschieden. Bei den Verlierern hat die Zeit der personellen Erneuerung begonnen, die Sieger konzipieren Regierungsprogramme und schmieden gemeinsame Pläne für die Opposition. Auch wenn klar ist, wer Deutschland in den nächsten vier Jahren regieren wird, so spielen die künftigen Koalitionsoptionen auch für die Oppositionsparteien eine zentrale Rolle.

Die Forschergruppe semtracks hat ein Verfahren entwickelt, das es erlaubt, die semantische Nähe von Parteien zu ermitteln. Der Index gibt an, wie hoch die semantische Übereinstimmung in zentralen politischen Konzepten ist, d.h. inwieweit Parteien das gleiche meinen, wenn sie ein Wort wie Freiheit benutzen. Der Index sagt freilich nichts darüber aus, wie hoch die programmatische Kohärenz zwischen zwei Parteien ist. So ist es durchaus möglich, dass zwei Parteien zwar das gleiche unter dem Begriff der Freiheit verstehen, die eine Partei die Märkte weiter liberalisieren, die andere Partei jedoch ein höheres Maß an Regulierung durchsetzen will, weil sie die Freiheit der Märkte als Ursache sozialer Missstände ansieht. Der semtracks-Kohärenz-Index verweist also auf tiefensemantische Übereinstimmungen.

Für die vorliegende Analyse wurden sämtliche Pressemitteilungen der zurückliegenden Legislaturperiode miteinander verglichen.

1. Koalitionsoptionen der CDU

Die folgende Grafik zeigt, dass eine schwarz-gelbe Koalition auch in tiefensemantischer Perspektive für die CDU die erste Option ist.

Von allen Koalitionsoptionen der CDU, aber auch im Vergleich zu denen der SPD, liegt hier der Kohärenzindex mit 10,31 absolut am höchsten. Übereinstimmungen finden sich vor allem in den Bereichen der Frauen- und Familienpolitik (Begriffe Frau, Erziehung, Vereinbarkeit, Familie, Beruf, Kind, Jugend, Jugendliche und Generation), der Kulturpolitik (Kultur, Kunst, Forschung und Wissenschaft), der Umweltpolitik (Energieeffizienz, Klimaschutz, Naturschutz, Verkehr), des Verbraucherschutzes (Verbraucherschutz, Lebensmittel, Verbraucher) und in Teilen der Sozialpolitik (Arbeitslose, Sanierung, Eigentum, Teilhabe). Daneben zeigen sich Übereinstimmungen im Feld der Erinnerungspolitik (Einheit, Mauer, Geschichte, Heimat). Erstaunlich ist, dass in den Bereichen der Finanz- und Wirtschaftspolitik keine so starke semantische semantische Kohärenz sichtbar wird. Etwa rangieren Begriffe wie
Wachstum, Wirtschaftswachstum, Haushalt oder Besteuerung bestenfalls im Mittelfeld, Begriffe wie Konsolidierung, Lohnzusatzkosten, Entlastung, Wohlstand oder Mindestlohn sogar am Ende der Skala.

Erstaunlich ist, dass CDU und DIE LINKE mit 6,84 eine vergleichsweise hohe Kohärenz aufweisen. Insbesondere bei den Begriffen aus den Wortfeldern Arbeit (Arbeitsmarktpolitik, Arbeitnehmer und Arbeit), Migration (Migranten, Integration und Herkunft) und Bildung/Soziales (Kindergeld, Bildung, Altersvorsorge) zeigen sich tiefensemantische Übereinstimmungen. Die Nähe von Linkspartei und CDU mag sich daraus erklären, dass beide Parteien sich implizit an den inhaltlichen Entwürfen der jeweils anderen Partei abarbeiten und sich so bei aller programmatischer Differenz eine tiefensemantische Kohärenz ergibt.

2. Koalitionsoptionen der SPD

Auch für die Koalitionsoptionen der SPD hat semtracks teilweise überraschende Werte gefunden. So zeigt die folgende Grafik, dass die Sozialdemokraten zwar mit ihrem grünen Wunschpartner die höchste Kohärenz aufweisen (7,15). Jedoch belegt die Analyse auch, dass die einzige realistische Koalitionsoption der SPD – nämlich die Erneuerung der großen Koalition – in tiefensemantischer Hinsicht wenig vielversprechend war. Im Gegenteil zeigte sich eine größere Kohärenz zwischen SPD und Linkspartei (5,35) als zwischen SPD und CDU (4,63).

Wenig überraschend sind es auch die klassischen sozialdemokratischen Politikfelder, in denen sich zwischen SPD und DIE LINKE eine große Übereinstimmung gibt: Im Bereich der Auffassung von Grundwerten (Begriffe Gerechtigkeit, Chancengleichheit, Teilhabe, aber auch Frieden, Freiheit, Sicherheit), im Bereich der Sozial- und Bildungspolitik (Frau, Eltern, Jugendliche und Kind sowie Schule und Bildung) und schließlich auch im Bereich der Arbeits- und Wirtschaftspolitik (Wirtschaft, Unternehmen, Mindestlohn, Arbeit und Arbeitnehmer).

3. Fazit

Deutschland wird also demnächst von einer Koalition regiert, deren Parteien in tiefensemantischer Hinsicht auch am stärksten konvergieren. Die Koalitionsverhandlungen versprechen vor allem im Bereich der Finanz- und Steuerpolitik strittig zu werden – dies jedenfalls legt die semantische Analyse nahe.

Dass es nicht zu einer Neuauflage der großen Koalition gekommen ist, ist in tiefensemantischer Hinsicht zu begrüßen. Nach 4 Jahren gemeinsamen Regierens scheinen die Gemeinsamkeiten aufgebraucht zu sein. Dass es eine große semantische zwischen SPD und DIE LINKE gibt, überrascht kaum. Ob daraus eine realistische Koalitionsoption für den Bund erwächst, bleibt abzuwarten. Denn allzugroße Ähnlichkeit weckt den Wunsch, Differenzen umso stärker zu betonen. Es wird also auf die Strategien der politischen Akteure ankommen. Semantisch steht der Koalition nicht viel im Weg.

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