Leistungsstarke Unterkühlung: Zur politischen Rhetorik von Günther Oettinger

Einleitung

Günther Oettinger hat mit seinen Reden bisweilen für großes Aufsehen gesorgt. Ein Aufsehen, dass sich freilich nicht der Tatsache verdankt, dass er ein brillanter Rhetoriker wäre. Im Gegenteil waren es seine sprachlichen Lapsus, die Schlagzeilen machten. Gerade erst machte der designierte EU-Kommissar mit seinen Englischkenntnissen Furore.
Oettinger hatte als Ministerpräsident von Baden-Württemberg nur mäßigen Erfolg, wenn es darum ging, die Wähler zu begeistern. semtracks hat nach den Gründen für dieses Kommunikationsdefizit gesucht. Die folgende Analyse ist das Ergebnis einer computergestützten Auswertung von Reden Günther Oettingers.

1. Empirische Basis

Die Datengrundlagen für die folgenden Analysen bilden die auf http://www.stm.baden-wuerttemberg.de/ in der Rubrik „Interviews, Reden und Beiträge des Ministerpräsidenten“ veröffentlichen Redetexte. Sie wurden gemäß Adressatenkreis in drei Subkorpora eingeteilt:

  1. Reden zum Jahreswechsel: 4 Redentexte, 2.951 Wörter
  2. Regierungserklärungen: 8 Redentexte, 54.413 Wörter
  3. Sonstige Reden: 18 Redentexte, 30.498 Wörter

Das Gesamtkorpus umfasst damit 30 Reden mit insgesamt 87.862 Wörtern. Zum Vergleich wurden weitere Korpora herangezogen.

  1. Reden Fritz Kuhns, Fraktionsvorsitzender Grüne im Bundestag (84.660 Wörter)
  2. Reden Horst Köhlers, Bundespräsident (110.251 Wörter)
  3. Reden Oskar Lafontaines, Vorsitzender der Partei Die Linke (125.107 Wörter)
  4. Reden Angela Merkels, Bundeskanzlerin (1.075.631 Wörter)
  5. Reden Peer Steinbrücks, Bundesfinanzminister (266.240 Wörter)
  6. Reden Frank-Walter Steinmeiers, Bundesaußenminister (688.520 Wörter)
  7. Reden Guido Westerwelles, Vorsitzender der FDP (179.028 Wörter)

2. Positive Botschaften

Untersucht man, wie häufig Günther Oettinger positiv besetzte Adjektive in seinen Reden benutzt, so zeigt sich, dass er in der Riege der Regierungspolitiker am unteren Ende der Skala rangiert (vgl. Grafik). Lediglich die Oppositionspolitiker Guido Westerwelle und Oskar Lafontaine, deren Geschäft es ist, die Wirklichkeit in schwarzen Farben zu malen, rangieren noch hinter ihm.
Lediglich Günther Oettingers Jahreswechselreden sind voll von positiv geprägten Beschreibungen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und führen die Liste mit Abstand an. Doch bleibt die Frequenz positiv besetzter Adjektive in den Regierungserklärungen und noch mehr in seinen sonstigen Reden deutlich hinter der in den Reden Steinmeiers, Köhlers und Steinbrücks zurück.

Zudem zeigt eine Detailanalyse, dass Günther Oettinger positiv besetzte Adjektive vor allem aus dem Wortfeld Erfolg wählt. Vergleicht man die Gebrauchsfrequenz der häufigsten Adjektive mit der anderer Politiker, so zeigt sich nur bei den Adjektiven wirtschaftlich, erfolgreich und stark ein überdurchschnittlicher Gebrauch in den Reden Günther Oettingers.

Bei der Verwendung einfacher evaluativer Adjektive (gut, positiv) und Hochwertwörtern (modern, nachhaltig), aber vor allem im Wortfeld Soziales (gerecht, fair, gemeinsam, sozial) zeigen sich hingegen Defizite im Vergleich zu anderen Politikern.

3. Emotivität

Im Folgenden soll eine Gruppe von Wörtern untersucht werden, die der Ausdrucksverstärkung (oder Abschwächung) dienen kann: die sogenannten lexikalischen Intensivierer. Bei ihnen handelt es sich um Wörter, die Verben, Adjektiven, Substantiven, Adverbien oder Präpositionalphrasen voran stehen, etwa in dem Satz: „Frau Merkel hat völlig recht!“. Die Sprachwissenschaft hat sie nach dem Grad der Intensivierung in Klassen eingeteilt.

Zum absoluten Intensivierungsbereich zählen unter anderem Ausdrücke wie absolut, gänzlich, grundlegend, komplett, längst, restlos, schlechterdings, schlechthin, total, überhaupt, unbedingt, voll, völlig, vollkommen, vollständig etc. Die Sprachwissenschaft hat neben dem absoluten Intensivierungsbereich den extrem hohen, den hohen, den gemaessigten, den abschwaechenden und den minimalen Intensivierungsbereich unterschieden. Intensivierer kodieren Emotionen und den Grad von Überzeugungen, bzw. der Rigorosität, mit der sie vertreten werden.

Analysiert man das Vorkommen von Intensivierern in den Reden unterschiedlicher Politiker, dann zeigt sich, dass Günther Oettinger auch bei der Ausstattung seiner Reden mit Emphase am Ende des Feldes rangiert.

Angela Merkels Reden weisen die höchste Zahl an Intensivierern auf – sie waren Teil ihres Wohlfühlwahlkampfs, der darauf zielte, den Krisenängsten der Bevölkerung mit einer sprachlichen Inszenierung von Nähe, Verlässlichkeit und Entschlossenheit zu begegnen.
Untersucht man den Anteil der verschiedenen Intensiviererklassen an allen Intensivierern, zeigt sich, dass die Reden Günther Oettingers (abgesehen von den Jahreswechselreden) nach denen des Bundesfinanzministers auch den geringsten Prozentsatz an Intensivierern im absoluten Intensivierungsbereich aufweisen.

Dafür liegt der Gebrauch gemäßigter Intensivierer (relativ, eher, recht, mehr oder weniger) weit über dem Durchschnitt. Dies verweist auf eine kaum emphatische und auch wenig Entschlossenheit signalisierende Rhetorik, die vielmehr vorsichtig abwägt.

4. Stilistische Muster

Die Besonderheiten der politischen Rhetorik eines Politikers zeigen sich nur im Vergleich mit den Reden anderer Politiker. Zur Analyse dieser stilistischen Eigenheiten hat die Forschergruppe semtracks eine datengeleitete Methode zur Identifizierung sprachlicher Muster entwickelt. Im Folgenden werden die Ergebnisse eines Vergleichs der Reden Günther Oettingers mit den Reden Angela Merkels und Frank-Walter Steinmeiers vorgestellt.

Aufzählungen

Das stilistische Mittel mit höchster Signifikanz in den Reden Günther Oettingers ist das der Aufzählung. Und dies in allen Variationen. Etwa als Aufzählung von Genitivattributen,
der Stabilität und der Verlässlichkeit
des Geistes und der Technik
der Bildung und der Arbeit
des Vertrauens und der Freude
der Wissenschaft und der Kultur

von Ortsbezeichnungen
Berlin , Sachsen , Brandenburg
Rastatt , Offenburg , Freiburg
Cannstatt , Mettingen , Untertürkheim
Mannheim , Offenburg , Bruchsal
Lyon , Turin , Ljubljana
Untertürkheim , Obertürkheim , Plochingen

oder Nomen
Freiheit , Nächstenliebe , Solidarität
Staus , Verspätungen , Stop-and-go-Verkehr
Feinstaub , Fluglärm , Flächenverbrauch
Krieg , Zerstörung , Flucht
Infrastruktur , Beratungsangebote , Betreuung

Hier wurden nur dir prägnantesten Muster angeführt. Auch weil die Aufzählungen teilweise semantisch redundant sind (Sicherheit, Halt und Orientierung / Hoffnung, Vertrauen und Zuversicht), verweisen sie auf eine hohe Durchsetzung der Reden Günther Oettingers mit feststehenden Phrasen.

Nominalstil

Daneben finden sich auffällig viele Muster, in denen mehrere Nominal- und Präpositionalphrasen miteinander verbunden sind, z.B. wieder in Form einer Aufzählung
Belastung von Wirtschaft und Mittelstand
Stellenwert von Familien und Kindern
Förderung von Mittelstand und Handwerk
Betreuung von Kindern und Senioren
Verbesserung von Lehre und Studienbedingungen
Quelle von Freude und Lebenssinn

oder in Kombination von Objekt, Genitivattribut und Präpositionalgruppe mit der von Günther Oettinger bevorzugten Präposition von:
Qualität der Integration von Schule …
Landesregierung der Privatisierung von Landesbeteiligungen …
Projektförderung den Stellenwert von Familien …
Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie …
Verbesserung der Schulreife von Kindern …

aber auch mit den Präpositionen für, zwischen und um:
Ausbau der Betreuung für Kinder
Bemühungen der Region um Projekte
Reform der Erbschaftsteuer für Unternehmen
Ausbau eines Forschungsnetzwerks zwischen Unternehmen

Diese Muster fügen sich mit weiteren Indikatoren zu einem einheitlichen Bild: Die Reden Günther Oettingers sind im Vergleich zu denen anderer wichtiger Politiker von Nominalstil geprägt. Ein Indikator hierfür ist die Häufigkeit von Reihungen von Präpositionalgruppen:

Ein weiterer Indikator ist die Frequenz von erweiterten Partizipialkonstruktionen:

In beiden Feldern wird Günther Oettinger nur noch von Peer Steinbrück übertroffen, der neben Oettinger auch schon den geringsten Anteil von Intensivierern im absoluten Intensivierungsbereich aufwies.

5. Fazit

Günther Oettingers Reden sind demnach in höherem Maße als die Reden vergleichbarer Politiker von festen Wendungen durchdrungen. Sie neigen auch mehr zum Nominalstil, der zwar einerseits das Potenzial hat, Kompetenz zu signalisieren, andererseits als nicht rezipientenfreundlich gilt.
Die Reden rangieren zudem am unteren Ende der Emotivitätsskala. Emotional verstärkende Formulierungen finden sich in ihnen vergleichsweise selten. Und auch der in ihnen kodierte Grad der Emotionalität ist im Vergleich zu den Reden anderer Politiker gering.
Günther Oettinger gelingt es zwar, positive Botschaften zu setzen. Diese werden jedoch vor allem im semantischen Feld der Leistung formuliert. Unterdurchschnittlich oft referiert er hingegen auf das Feld des Sozialen.
Es dürfte dieser Mangel an Vermittlung emotionaler und sozialer Wärme sein, die Oettinger seinen Wählern entfremdet hat. Für ein Mitglied der Europäischen Kommission werden rhetorischen Fähigkeiten von geringerer Bedeutung sein als für einen Ministerpräsidenten und Landesvater. Gut für Günther Oettinger, der sich nun wieder an seinen Leistungen messen lassen darf.

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