Wie extremistisch ist die Linkspartei? Teil II

6. Emotivität

Im Folgenden soll eine Gruppe von Wörtern untersucht werden, die der Ausdrucksverstärkung (oder Abschwächung) dienen kann: die sogenannten lexikalischen Intensivierer. Bei ihnen handelt es sich um Wörter, die Verben, Adjektiven, Substantiven, Adverbien oder Präpositionalphrasen voran stehen, etwa in dem Satz: “Frau Merkel hat völlig recht!”. Die Sprachwissenschaft hat sie nach dem Grad der Intensivierung in Klassen eingeteilt.

Zum absoluten Intensivierungsbereich zählen unter anderem die folgenden Ausdrücke:

absolut, gänzlich, grundlegend, gründlich, im geringsten, komplett, längst, rein, restlos, schlechterdings, schlechthin, schlichtweg, total, überhaupt, unbedingt, voll, völlig , vollkommen , vollständig, von Grund auf, durchweg, fundamental, grundsätzlich, in vollem Umfang, reinweg, unumschränkt

Zum extrem hohen Intensivierungsbereich zählen dann vor allem Wörter, die die Superlativform aufweisen, und Adjektive, die von sich aus einen hohen Grad der Intensivierung beinhalten:

höchst, äußerst, zutiefst, aufs äußerste, aufs höchste, aufs tiefste, höchlichst, (nicht) im geringsten, im höchsten Maße, allerbest, allererst, bestmöglich, größtmöglich, möglichst, schärfstens, sehnlichst, wärmstens, weitestgehend, einzigartig, hervorragend, großartig, wunderbar, ungemein, irrsinnig, irre, idiotisch, unheimlich, furchtbar, riesig, kolossal, aberwitzig, sagenhaft, fabelhaft, traumhaft, wunderbar, zauberhaft, schrecklich, ekelhaft, unvorstellbar, undenkbar, unsäglich, unsagbar, unbeschreiblich

Intensivierer kodieren Emotionen und den Grad von Überzeugungen, bzw. der Rigorosität, mit der sie vertreten werden.

Analysiert man das Auftreten von Intensivierern in den untersuchten Korpora, dann zeigt sich, dass die Gruppierungen an den politischen Rändern insgesamt häufiger Intensivierer benutzen als gemäßigtere Kräfte.

Speziell im absoluten Intensivierungsbereich werden dabei die Unterschiede deutlich:

Auch hier zeigt sich also eine jenseits der Programmatik liegende Gemeinsamkeit des links- und rechtsextremen Lagers: beide zeigen eine Neigung zu Rigorismus und Vehemenz im Sprachgebrauch. Die programmatischen Unterschiede zu den politischen Kräften der Mitte werden mit besonderer Entschiedenheit formuliert.

7. Wertende Adjektive

Bei der Schlagwortanalyse hatte sich gezeigt, dass die Gruppierungen an den Rändern des politischen Spektrums teilweise gleiche Adjektive gebrauchen und sich dadurch von den gemäßigteren Parteien und den Parteien der Mitte unterscheiden. Analysiert man ausschließlich die wertenden Adjektive, dann treten zunächst vor allem die Unterschiede zu Tage.

Die folgenden Tabellen zeigen das Ranking der am häufigsten benutzten evaluativen Adjektive für jede Partei. In ihnen sind jene wertenden Adjektive hervorgehoben, die von der jeweiligen Partei im Vergleich zu den anderen besonders häufig benutzt werden.

CDU:
Frequenz Lemma Frequenz pro 1000
652 wichtig 1.17
606 gut 1.09
173 positiv 0.31
158 richtig 0.28
118 stark 0.21
79 entscheidend 0.14
68 falsch 0.12
65 schwer 0.12
60 schwierig 0.11
59 angemessen 0.11
43 unnoetig 0.08
42 fair 0.08
35 geeignet 0.06
35 ausreichend 0.06
34 menschlich 0.06
32 konsequent 0.06
30 sinnvoll 0.05
27 natuerlich 0.05
27 hervorragend 0.05
26 schlecht 0.05
25 negativ 0.04
25 kreativ 0.04
25 gerecht 0.04
25 gefährlich 0.04
23 grossartig 0.04
21 vernuenftig 0.04
NPD:
Frequenz Lemma relative Frequenz pro 1000
308 gut 0.52
150 wichtig 0.25
99 schwer 0.17
95 falsch 0.16
50 richtig 0.08
49 positiv 0.08
38 schlecht 0.06
37 konsequent 0.06
35 schön 0.06
32 natürlich 0.05
32 gerecht 0.05
30 radikal 0.05
30 gefährlich 0.05
29 menschenverachtend 0.05
28 menschlich 0.05
27 undemokratisch 0.05
27 skandalös 0.05
24 kalt 0.04
24 billig 0.04
23 unglaublich 0.04
23 schwach 0.04
23 gewaltig 0.04
23 entscheidend 0.04
23 absurd 0.04
22 katastrophal 0.04
20 moralisch 0.03

PDL:
Frequenz Lemma Frequenz pro 1000
253 gut 0.95
103 wichtig 0.39
52 gerecht 0.20
40 falsch 0.15
33 schlecht 0.12
33 richtig 0.12
25 konsequent 0.09
22 schwer 0.08
19 positiv 0.07
19 kalt 0.07
18 radikal 0.07
17 schön 0.06
15 vernünftig 0.06
15 rassistisch 0.06
14 undemokratisch 0.05
14 sinnvoll 0.05
11 fair 0.04
11 angemessen 0.04
10 menschenverachtend 0.04
10 interessant 0.04
9 skandalös 0.03
9 schwach 0.03
9 negativ 0.03
9 katastrophal 0.03
8 normal 0.03
8 menschlich 0.03
PDL-KPF:
Frequenz Lemma Frequenz pro 1000
378 gut 0.41
327 wichtig 0.36
199 stark 0.22
153 entscheidend 0.17
111 konsequent 0.12
108 kalt 0.12
108 grundlegend 0.12
100 menschlich 0.11
78 positiv 0.09
68 richtig 0.07
67 gerecht 0.07
59 rassistisch 0.06
56 schlimm 0.06
56 falsch 0.06
55 extrem 0.06
54 radikal 0.06
50 gefährlich 0.05
47 negativ 0.05
45 hart 0.05
43 schwach 0.05
37 schoen 0.04
37 ehrlich 0.04
35 schlecht 0.04
34 schwierig 0.04
31 normal 0.03
29 bitter 0.03

REP:
Frequenz Lemma Frequenz pro 1000
45 gut 0.49
31 falsch 0.34
23 konsequent 0.25
20 stark 0.22
18 wichtig 0.20
18 schwer 0.20
18 richtig 0.20
13 schlecht 0.14
13 hart 0.14
12 grundlegend 0.13
12 entscheidend 0.13
11 gefährlich 0.12
10 menschenverachtend 0.11
10 ehrlich 0.11
9 undemokratisch 0.10
9 radikal 0.10
9 gewaltig 0.10
9 echt 0.10
8 sinnlos 0.09
8 moralisch 0.09
7 überflüssig 0.08
7 skandalös 0.08
6 vernünftig 0.07
6 seriös 0.07
6 schön 0.07
6 mutig 0.07

So zeigt sich, dass die Partei Die Linke und ihre Kommunistische Plattform kalt, gerecht und rassistisch häufiger verwenden. Es zeigt sich auch, dass die Regierungsparteien CDU und CSU mit den Vokabeln wichtig, gut, positiv, richtig und angemessen signifikant häufiger positiv wertene Adjektive benutzen, wohl um ihr eigenes Regierungshandeln in gutem Licht darzustellen. Die Korpora der Parteien am rechten Rand zeichnen sich durch eine überdurchschnittliche Verwendung hyperbolischer Vokabeln wie katastrophal, skandalös aus.

Sucht man neben den häufigsten Vokablen, die in allen Parteien und Gruppierungen auftreten, nach jenen wertenden Adjektiven, die von NPD und Kommunistischer Plattform gleichermaßen verwendet werden, zeigen sich allerdings interessante Tendenzen.

Zunächst kann man feststellen, dass es sich dabei größtenteils um Vokabeln handelt, die starke Wertungen enthalten und damit skandalisieren und dramatisieren. Sie lassen sich, je nach Verwendung bei den anderen Parteien, in folgende Kategorien einteilen:

a) Wertende Adjektive, die bei NPD und KPF auftreten und auch von Parteien der Mitte und den Republikanern verwendet werden:
abscheulich (selten von CDU)
absurd (von REP und selten CDU)
bedrohlich (von CDU und PDL)
beispiellos (von allen)
billig (von allen)
dreist (von allen)
erschreckend (von allen)
fatal (von allen)
feige (REP und CDU)
grotesk (von allen)
menschenverachtend (von allen)
peinlich (von allen)
skandalös (von allen)
ungeheuer (von CDU)
verantwortungslos (von allen)

b) Wertende Adjektive, die bei NPD und KPF auftreten und die auch von anderen Parteien an den Rändern des politischen Spektrums, nicht aber von der CDU/CSU verwendet werden:

abstrus (nur von der PDL)
beängstigend (nur von der PDL)
bodenlos (nur REP)
demütigend (nur PDL)
dumm (von REP und PDL)
frech (nur PDL)
heuchlerisch (nur REP)
jämmerlich (nur REP)
mies (nur PDL)
plump (nur PDL)
primitiv (nur REP)
schändlich (nur REP)
ungeheuerlich (nur PDL)
verlogen (REP und PDL)
widerwärtig (nur REP)
unverschämt (nur von PDL)

c) Wertende Adjektive, die von NPD und KPF, aber sonst von keiner anderen Partei verwendet werden:

bösartig
empörend
erbaermlich
gemein
hinterlistig
infam
krankhaft
minderwertig
pervers

Die Liste liest sich – je exklusiver sie für NPD und KPF wird – wie ein Auszug aus dem Wörterbuch des Unmenschen. Sie verweist auf eine starke Freund-Feind-Orientierung im Denken, aber auch auf das Vokabular zur Bezeichnung politischer Gegner in jenen historischen Kontexten, auf die sich beide Gruppierungen affirmativ berufen.

8. Kollokationen

Während die bisherigen Analysen vor allem darauf zielten, Gemeinsamkeiten zwischen rechtsextremistischen Parteien und Gruppierungen, die im Verdacht des Linksextremismus stehen, jenseits der inhaltlichen Differenzen aufzudecken, können Kollokationsanalysen programmatische Ähnlichkeiten sichtbar machen. In Kollokationsanalysen werden jene Wörter identifiziert, die signifikant häufig im Kontext eines Suchwortes auftreten.

a) Kapitalismus

Eine 2-stufige Kollokationsanalyse des Lemmas Kapitalismus in den Texten der Kommunistischen Plattform in der Partei die Linke (KPF) kommt zu folgendem Ergebnis:

Kapitalismus und Sozialismus werden als sich widersprechende Kategorien aufgefasst. Der gegenwärtige, real existierende Kapitalismus wird mittels gesellschaftlicher Analyse als Ursache für eine tiefe und internationale Krise charakterisiert, der mit ihm einhergehende Imperialismus als verantwortlich für Terror und Elend. Die gesellschaftliche Analyse entwirft auch eine soziale Alternative, den demokratischen Sozialismus, die sozialistische Gesellschaft, den sozialistischen Staat. Sie ist das Ziel, der Weg führt über soziale Politik und Vergesellschaftung zum Sozialismus.

Auch in den Texten der NPD zeigt die zweistufige Kollokationsanalyse zum Lemma Kapitalismus die kritische Haltung der Partei gegen die globale Wirtschaftsordnung.

Die NPD übt heftige und scharfe Kritik am entfesselten Kapitalismus, der außer Kontrolle geraten, mithin vom Zauberlehrling nicht mehr beherrscht wird, der die Geister, die er rief, nicht mehr los wird. Der Kapitalismus ist assoziiert mit einem international agierenden Kapital und der wirtschaftlichen Globalisierung, die Zuwanderung und EU-Fremdbestimmung mit sich bringt und katastrophale Folgen für Land und Menschen hat. Die Kapitalismuskritik der NPD nimmt zudem eine zivilisationskritische Wendung, wenn von der globalen Krämerzivilisation im globalen Zeitalter die Rede ist.
Auch bei der NPD tritt der Sozialismus als Gegenbegriff zum Kapitalismus auf. Statt von Alternative spricht die NPD aber von einem dritten Weg. Zudem handelt es sich um einen nationalen Sozialismus, eine unverhohlene Anspielung auf den historischen Bezugsrahmen der Partei. Um diesen dritten Weg zu gehen, bedarf es nationaler Deutscher, die mit nationaler Kraft eine nationale Politik machen, die sich als Widerstand begreift. Diesen Widerstand zu organisieren und zu leisten ist Ziel der Partei.

b) USA

Die Kommunistischen Plattform in der Partei die Linke (KPF) assoziiert die USA vor allem mit Krieg und militärischen Aktionen, das seine Interessen vertritt, statt das Gewaltmonopol der UNO anzuerkennen.

Die Liste der Anklagepunkte beinhalten die militärische Gewalt der NATO gegen Jugoslawien, die Aggression gegen Afghanistan und den Angriff auf den Irak. Im Zentrum des Diagramms steht das Adjektiv anders, das mit dem Wunsch nach einem anderen Europa, einer anderen NATO, einem anderen Land und einer anderen Welt assoziiert ist. Auffällig ist, dass Europa mit für die KPF positiv besetzten Begriffen verwendet wird: mit Friede und Sozialismus.

Auch für die NPD scheint Europa ein positives Gegengewicht zu den USA zu bilden.

Zumindest im Verhältnis zu den USA scheint Europa in den Augen der NPD die Zukunft zu gehören. Die europäische Orientierung wird freilich flankiert von einer deutschen Stimme in einem nationaldemokratischen Deutschland, die die Interessen der Bürger vertritt, die sonst verraten werden. Das Adjektiv national findet sich entsprechend zentral im Diagramm. Ein Austritt aus der NATO, die in amerikanischer Hand ist, und deren Auflösung ist erklärtes Ziel der NPD. Erwähnenswert ist noch die Assoziation der Lexeme USA und Israel, die im Kontext der antiisraelischen Haltung weiter Teile der Partei zu lesen ist.

9. Fazit

Die Analysen haben ergeben, dass es falsch wäre, die Partei Die Linke (PDL) als Ganze als extremistisch einzustufen. Die Gesamtpartei tritt in ihren Pressmitteilungen und Newslettern – abgesehen von den programmatisch bedingten Unterschieden – sprachlich kaum anders auf als die Parteien der Mitte.

Anders verhält es sich allerdings mit einer Gruppierung innerhalb der PDL, der Kommunistischen Plattform. In ihrem Sprachgebrauch zeigen sich typische Merkmale des Sprachgebrauchs extremistischer Gruppierungen:

  • signifikant häufigere Verwendung von Adjektiven, die auf die Konstruktion von Verblendungszusammenhängen schließen und eine radikal gegen das politische Establishment gerichtete Haltung erkennen lassen,
  • für extremistische Parteien typischer distanzierender Sprachgebrauch bei Wörtern, die die Gesellschaftsordnung und das politische System betreffen, aber auch bei Wörtern aus dem Wortfeld von Geschichtsbereichen, über die sich die gegenwärtige Gesellschaft ihrer Werte versichert,
  • für extremistische Parteien typische Neigung zum Gebrauch von Intensivierern im absoluten Intensivierungsbereich als Ausdruck starker Überzeugungen,
  • häufige Verwendung von wertenden Adjektiven mit skandalisierendem Charakter und eine große Schnittmenge mit der NPD im Gebrauch von wertenden Adjektiven, die teilweise historisch vorbelastet sind.

Dass es sich bei der Kommunistischen Plattform allerdings nicht um eine Minderheit innerhalb der PDL handelt, zeigt sich daran, dass ihre Sprecherin Sahra Wagenknecht im Mai 2008 mit 70,5% der Stimmen in den Bundesvorstand und auch auf einen als sicher geltenden Listenplatz für die Bundestagswahl auf der Landesliste in Nordrhein-Westfalen gewählt wurde. So wenig extremistisch der größte Teil der Linkspartei also – zumindest in sprachlicher Hinsicht – ist, so ungeklärt ist ihr Verhältnis zu den extremistischen Haltungen eines Teils ihrer Mitglieder.

10. Literatur

Jaschke, Hans-Gerd: Politischer Extremismus. Wiesbaden 2006.

Kailitz, Steffen: Politischer Extremismus in der Bundesrepublik Deutschland. Eine Einführung. Wiesbaden 2004.

Pfahl-Traughber, Armin: Politischer Extremismus – was ist das überhaupt? Zur Definition von und Kritik an einem Begriff. In: Bundesamt für Verfassungsschutz (Hg.): Bundesamt für Verfassungsschutz. 50 Jahre im Dienst der inneren Sicherheit, Köln 2000.

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