Zur politischen Rhetorik von Gesine Schwan und Horst Köhler

Die 13. Bundesversammlung, die am 23. Mai in Berlin zur Wahl des höchsten Staatsamtes in der Bundesrepublik zusammenkommen wird, kann nicht nur auf einen durchaus turbulenten Wahlkampf zurückblicken. Der kommende Samstag stellt ebenso den Auftakt zu einer Reihe von weiteren 14 Wahlgängen dar, die nach Europawahl, Kommunal- und Landtagswahlen mit der Bundestagswahl am 27. September ihren Abschluss finden werden.
Aus diesem Grund, und auch wegen der offenen und medial wirksamen Herausforderung des Amtsinhabers Horst Köhler durch die neben ihm aussichtsreichste Bewerberin Gesine Schwan, wird die Entscheidung bundesweit, und insbesondere in den Parteizentralen, mit größter Spannung erwartet.

1. Datengrundlage

Die folgenden Analysen beruhen auf der Auswertung der Interviews, Namensbeiträge, Reden und Blog-Beiträge, wie sie auf www.gesine-schwan.de zu finden sind, und der Reden und Interviews von www.bundespraesident.de. Die beiden Korpora haben folgenden Umfang:
Schwan: 115685 Wortformen
Köhler: 123468 Wortformen
Es handelt sich hierbei verhältnismässig kleine Korpora, was bei der Auswertung der Ergebnisse berücksichtigt werden muss.

2. Themen: Deutschland – Welt vs. Deutschland – Europa

Der auffälligste thematische Unterschied zwischen den Beiträgen von Gesine Schwan und Horst Köhler betrifft den Kontext, zu dem die beiden ihr Land in Beziehung setzen. Bei Köhler ist dies der globale Kontext, bei Schwan der europäische. Dies lässt sich an den Kollokationen des Wortes Deutschland – an den Wörtern also, die signifikant häufig in der Umgebung von Deutschland auftreten – erkennen:

Horst Köhler

Köhlers Deutschland-Kollokationen verorten das Land in einem globalen Rahmen, der die Partnerschaft (miteinander, Gemeinsamkeit) zwischen Menschen unterschiedlicher Hintergründe und Generationen betont.

Gesine Schwan

Schwans Deutschland-Kollokationen konzentrieren sich prägnant auf zwei Kernbereiche, nämlich Europa und Zukunft. Schwan betont die Verantwortung und die Rolle Deutschlands für den Zusammenhalt in Europa, auf politischer und menschlicher Ebene. Ihre Rhetorik, was Deutschland angeht, ist weiterhin stark zukunftsgewandt und reflektiert insbesondere soziale Themen und Werte.

3. Schlagwörter

Horst Köhler

Köhlers globale Ausrichtung zeigt sich auch an seinen Schlagwörtern, also an den Wörtern, die bei ihm signifikant häufiger vorkommen als bei Schwan: Darunter befinden sich zahlreiche Nomen mit dem Kompositionsstamm Welt (Weltgemeinschaft, Weltordnung, Weltpolitik, Weltwirtschaft) sowie das Adjektiv international, eines der vier häufigsten Adjektive überhaupt bei Köhler.

Vor dem Hintergrund des globalen Kontexts reflektiert Köhler über Themen wie Entwicklungspolitik (Schlagwörter sind hier Armut, Entwicklungsland, Entwicklungspolitik, Menschenrecht, Menschenwürde), Industrie und Handel (Binnenmarkt, Handel, Industrieland, Industriestaat, Rohstoff, industriell, technisch), Integration/Immigration (Integration, Zugewanderte) und Klima-/Umweltschutz (Klimawandel, Planet, ökologisch).

Gesine Schwan

Während bei Köhler eine Verbindung zu Europa nur von der Welt, nicht aber von Deutschland ausgeht, dominiert bei Schwan der europäische Bezugsrahmen für Deutschland. Eine Verbindung zur Welt existiert bei ihr lediglich von Europa aus.

Im kontinentalen Kontext entwickelt Schwan ihr Programm eines sozialen Europas, was sich auch in der Dominanz gesellschafts- und sozialpolitischer Themen in ihren Schlagwörtern widerspiegelt:

Chance
Chancengleichheit
Gemeinsame
Gemeinsamkeit
Gemeinweisen
Gemeinwohl
Gerechtigkeit
Solidarität
Sozialdemokratie
Sozialpolitik
Verantwortungslosigkeit
Zugehörigkeit
Zusammenhalt
gemeinsam
gesellschaftlich
solidarisch
sozial

Eine hohe Bedeutung besitzt bei Schwan außerdem die Gefühlswelt des Individuums in der Gesellschaft: Schwan verwendet Begriffe wie Angst, Mißtrauen, Selbstvertrauen, Selbstwertgefühl, Skepsis, Vertrauen, emotional oder psychisch. Derartige psychologisierende Begriffe treten bei Köhler nicht signifikant häufig auf.

Bei Schwan kommt ferner den Themen Bildung und Familie aus quantitativer Sicht ein hoher Stellenwert zu.

Die Schwerpunktsetzung beider Bewerber zeigt sich auch bei der Gesamtdarstellung der signifikant häufigen Nomen und Adjektive:

Nomen: Schwan

Abhängigkeit Akteur Amt Amtsinhaber Anerkennung Angelegenheit Angst Anlauf Arbeitnehmer Arbeitsmarkt Argument Aristoteles Aspekt Auffassung Ausbildung Autorität Bank Bedingung Beziehung Bezug Bildung Bildungschance Bindung Blick Bundespräsident Bundespräsidentin Bundesversammlung Bürger Bürgergesellschaft Chance Chancengleichheit Debatte Demokratie Deregulierung Deutung Ding Druck Eindruck Einfluß Einigkeit Entscheidung Erneuerung Erwartung Fall Familie Fehler Forderung Frage Frau Freiheit Funktion Fähigkeit Ganze Gegenteil Gegenwart Gemeinsame Gemeinsamkeit Gemeinwesen Gemeinwohl Gerechtigkeit Gerichtshof Geschäft Gesellschaft Gesetz Gewerkschaft Globalisierung Grundgesetz Grundkonsens Grundlage Gruppe Gut Handlung Hymne Identität Individuum Inklusion Institution Instrument Investor Kandidat Kandidatin Kandidatur Karriere Kern Klima Koalition Kommission Kompetenz Konkurrenz Konsequenz Kontext Kontrolle Kooperation Krise Lager Lebensjahr Linie Linke Linkspartei Lohn Loyalität Macht Mai Manager Mann Markt Marktwirtschaft Maxime Maßnahme Medium Mehrheit Meinung Mitbestimmung Mitgliedsstaat Mittelpunkt Mißtrauen Moment Motivation Motor Mutter Nachdenken Nationalhymne Nationalsozialismus Nationalstaat Notwendigkeit November Obama Orientierung Partei Partnerschaftlichkeit Person Pflege Politik Position Potenzial Potenziale Prinzip Priorität Privatsektor Problem Realität Rechtsstaat Regelung Regel|Regeln Reihe Ressource Richtung Rolle Selbstvertrauen Selbstwertgefühl Sicherheit Sicherung Sicht Sinn Situation Skepsis Solidarität Sozialdemokratie Sozialpolitik Sozialstaat Staat Stichwort Stimme|Stimmen Streit Stärkung System Ungerechtigkeit Unsicherheit Unternehmen Unterwerfung Ursache Urteil Verantwortungslosigkeit Vergangenheit Verhalten Verhältnis Verlierer Verlust Verläßlichkeit Verständigung Verständnis Versuchung Vertrauen Vielfalt Vision Vorschlag Vorteil Wahl Wettbewerb Willkür Wirtschaft Wähler Zentrum Zivilcourage Zivilgesellschaft Zugehörigkeit Zukunft Zusammenbruch Zusammenhalt Zusammenhang Zusammenleben Überlegung Übrige


Adjektive: Schwan

aktiv aktuell allgemein anonym bestimmt bisherig breit demokratisch derartig eigenständig einzig emotional entfesselt entscheidend erheblich erneut europäisch folgend freiheitlich früh gegenseitig gegenwärtig geglückt gelingend gelungen gemeinsam gerecht gesellschaftlich gleich global grundlegend individuell inner institutionell kollektiv kompliziert kurzfristig langfristig legitim letzt moralisch möglich national organisiert partnerschaftlich persönlich pluralistisch politisch positiv prinzipiell privat psychisch radikal sinnvoll solidarisch sozial spät strukturell traditionell unterschiedlich verläßlich verschieden westdeutsch zukünftig zunehmend öffentlich ökonomisch


4. Sprachstil: Repräsentative Rhetorik vs. thematische Konzentration

Horst Köhlers Sprechen ist in viel stärkerem Maße als das von Gesine Schwan ein inszeniertes Sprechen. Die für Köhler typischen sprachlichen Muster sind rhetorische Stilmittel, die Köhler einsetzt, um ein bestimmtes öffentliches Bild von sich zu vermitteln.

Die Sprachmuster, die bei Schwan signifikant häufig auftreten, sind dagegen mit einer vornehmlich inhaltlichen Wirkungsabsicht verbunden: Sie verweisen auf Schwans Bestreben, sich einerseits von Köhler zu distanzieren und Fehlannahmen zu ihrer Person zu korrigieren, und anderseits ihre eigenen Standpunkte klar und ausführlich darzulegen.

Köhler tendiert also zu einem repräsentiven Sprachstil. Schwans Sprachstil dagegen ist von thematischen Gesichtspunkten bestimmt und lässt keine eindeutigen stilistischen Wirkungsabsichten erkennen.

Horst Köhler

Traditionsgebundenes Sprechen

Bei Köhler finden sich zahlreiche Stilmittel, mit denen er das Bild von sich als eines global denkenden Traditionalisten evoziert. Zu diesen Stilmitteln gehören Paar- und Drillingsformeln sowie Alliterationen. Mit ihrem formelhaften Charakter sind sie Zeugnisse traditionsgebundenen Sprechens.

Paarformeln treten bei Köhler in unterschiedlichen Variationen signifikant häufig auf:

  • mehrfach hintereinander:
    unter denen sich Bürgersinn und Handel, Kultur und Wissenschaft, Kreativität und Innovation voll entfalten können
    zwischen Wirtschaft und Wissenschaft, Wissenschaft und Politik, Politik und Zivilgesellschaft, Zivilgesellschaft und Wirtschaft.
    die mit Wissen und Weitsicht, Tatkraft und Redlichkeit Verantwortung für das Gemeinwesen übernehmen
    es waren Männer und Frauen, Greise und Säuglinge.
    : Sozialpolitik und Bildungswesen, Stadtentwicklung und Familienpolitik, Engagementförderung und Integration.
    : Politiker und Wirtschaftsführer, Wissenschaftler und Vertreter der Bürgergesellschaft.
  • am Satzanfang:
    . Globalisierung und Demokratie
    . Innovation und Qualität
    . Bildung und Wissenschaft
    . Parlamente und Regierungen
    . Eltern und Angehörige
    . Nord und Süd
    . Normen und Standards
  • mit trunkiertem Kompositions-Erstglied:
    Haupt- und Realschulen
    Zeit- und Lebensgefühl
    Bürger- oder Menschenrechten
    Banken- und Stabilitätskultur
    Konjunktur- und Beschäftigungspolitik
    Presse- und Vereinigungsfreiheit
    Steuer- und Gerichtsprivilegien
    Schwellen- und Entwicklungsländern

Oft alliterieren diese Paarformeln. Alliterationen finden sich bei Köhler ebenso deutlich häufiger als bei Schwan. Beispiele dafür sind:
Idee und Information
Umdenken und Umlenken
Mitverantwortung und Mündigkeit
Unfertigem und Unbefriedigendem
Fortschreibung und Fortsetzung
Verirrte und Verblendete
Wind und Wetter
Nachahmer und Nachfolger
Punk und Pop
Verbindendem und Verbindlichem
Erkenntnis und Erfahrung
Leib und Leben

Drillingsformeln treten signifikant häufig am Satzende auf:
Aufgaben, Interessen und Botschaften .
Ideenreichtum, Organisationsgeschick und Zuverlässigkeit .
Kerzen, Blumen und Plakaten .

Repräsentierender Sprachstil

Ein auffälliges Sprachmuster bei Köhler sind ferner mit und eingeleitete Sätze. Sie treten vor allem in Verbindung mit einem Personalpronomen und einem finiten Verb auf:

. Und wir stellen
. Und wir erleben
. Und wir brauchen
. Und ich schöpfe
. Und es gibt
. Und es spricht
. Und sie birgt
. Und ich weiß

Diese Konstruktionen hinterlassen beim Rezipienten den Eindruck von der Bedeutung des historischen Augenblicks, Monumentalität und Entschlossenheit. Mit ihnen hebt Köhler seine Fähigkeit zu repräsentieren hervor.

Publikumsbindung

Als dritte große Wirkungsabsicht Köhlers lässt sich ein Bestreben ausmachen, Publikumsbindung herzustellen. Zu den sprachlichen Mitteln, die Köhler hierfür einsetzt, gehören:

  • Personalpronomen wir am Satzanfang
  • Ausdrücke, mit denen Köhler das Publikum direkt anspricht und/oder sich sprachlich mit ihm gleichsetzt:
    Jeder von Ihnen
    viele von Ihnen
    die meisten von uns
    viele von uns
  • Aufrufe zum Handeln, teilweise auch hier unter Einbezug seiner eigenen Person:
    . Nutzen wir
    . Entdecken wir
    . Bleiben Sie
    . Nutzen Sie
    . Fangen wir
    . Sorgen Sie
    . Betrachten wir
    . Packen wir
    . Helfen wir
    . Geben wir

Gesine Schwan

Die für Schwan typischen sprachlichen Muster lassen drei inhaltlich geleitete Absichten erkennen: 1.) Abgrenzung vom politischen Programm Köhlers, 2.) Korrektur von Fehlannahmen über ihre Person, 3.) detaillierte Darlegung des eigenen politischen Programms.

Abgrenzung vom politischen Programm Köhlers, Korrektur von Fehlannahmen über ihre Person

Paradigmatisch hierfür ist das signifikant häufige Auftreten der Negationspartikel nicht. Sie findet sich meist am Satzanfang in Verbindung mit einem Personalpronomen und einem finiten Verb:
. Ich gehe nicht
. Ich gehöre nicht
. Es hilft nicht
. Er markiert nicht
. Ich glaube nicht
. Es gibt nicht
. Es reicht nicht

Darlegung des eigenen politischen Programms

Das Personalpronomen ich tritt bei Schwan signifikant häufig auf (im Gegensatz zum kollektiven wir bei Köhler). Sie verwendet es besonders häufig am Satzanfang in Kombination mit einem finiten Hilfsverb und einem Adverb:

. Ich habe aber
. Ich habe gerade
. Ich habe ja
. Ich habe übrigens
. Ich habe auch

Ein weiterer Hinweis auf Schwans Bestreben um thematische Differenziertheit ist ihr sehr häufiger Gebrauch von Adjektiven. Adjektive werden verwendet, um einen Gegenstand näher zu beschreiben und ihn dadurch deutlicher von anderen Gegenständen abzugrenzen. Bei Schwan findet sich neben dem gängigen Muster Adjektiv + Nomen auch die Konstruktion Adjektiv + Adjektiv + Nomen signifikant häufig:

  • Adjektiv + Nomen
    zentrale Zukunftsaufgabe
    gegenwärtige Vorherrschaft
    Autoritäre Bildungsmethoden
    selbständiger Bürger
    eigenständiges Urteil
    wichtige Rolle
  • Adjektiv + Adjektiv + Nomen
    sinnvolles zufriedenes Leben
    gelungenes sinnvolles Leben
    traditionellen demokratischen Politik
    komplexen gesellschaftlichen Vielfalt

5. Fazit: Globaler Traditionalist vs. emphatische Europäerin

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich Horst Köhler mit seiner Ausrichtung auf die Welt und der gezielten Verwendung rhetorischer Stilmittel als globalen Traditionalisten präsentiert, der seine Repräsentationsfunktion souverän beherrscht und sich mit einer Vielzahl von Themen auseinanderzusetzen weiß.
Gesine Schwans Themenspektrum ist wesentlich geringer; es dominieren bei ihr die zwei Themen Sozial- und Gesellschaftspolitik. Teilaspekte dieser Themen behandelt Schwan entsprechend sehr eingehend. Auch insgesamt verfolgt sie mit ihrem Sprachstil primär eine inhaltliche Wirkungsabsicht. Dies ist ihrer Rolle als Herausforderin zuzuschreiben. Im Gegensatz zu Köhler liegt bei Schwan der Schwerpunkt auf dem europäischen Kontext. In Verbindung mit ihren thematischen Schwerpunkten Gesellschafts- und Sozialpolitik ordnet sie sich so als emphatische Europäerin ein.

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