Eine Kurzanalyse zu den programmatischen Reden Frank-Walter Steinmeiers

Frank-Walter Steinmeier hat, seit er seine Kanzlerkandidatur erklärt hat, drei wichtige Reden an seine Partei gehalten:

1. am Nominierungsparteitag am 18.10.2008,
2. anlässlich der Vorstellung des Wahlprogramms im Berliner Tempodrom am 19.4.2009 und
3. am Parteitag zur Verabschiedung des Wahlprogramms vergangenen Sonntag (14.6.2009).

Die folgende Analyse sucht nach Entwicklungstendenzen in der Steinmeier’schen Rhetorik.

Wahlprogrammparteitag Rede im Tempodrom Nominierungsparteitag
Linguistisches Merkmal Häufigkeit Prozent Häufigkeit Prozent Häufigkeit Prozent
Nomen 790 20,1 842 19,6 1417 20,5
Adjektive 286 7,2 300 6,9 515 7,4
Verben 198 5,0 220 5,1 351 5,0
Adverbien 228 5,8 279 6,5 487 7,0
Namen 64 1,6 138 3,2 169 2,4
Gesamt 3922 4288 6900
Durchschnittliche Satzlänge 8,9 9,6 10,8

Beim Blick auf die Textprofile der Reden fällt auf, dass die durchschnittliche Satzlänge in den Reden langsam aber stetig abzunehmen scheint.

Während Steinmeier auf seiner langen Rede beim Nominierungsparteitag noch im Durchschnitt 10,8 Wörter in einen Satz verwendete, waren es bei der Rede anlässlich der Verabschiedung des Wahlprogramms nur noch 8,9 Wörter.

Kurze Sätze verweisen auf eine höhere Prägnanz im Ausdruck, die mit gesteigerter Emotionalität einhergeht. Doch zeigt eine Analyse von intensivierenden Gradpartikeln auf den ersten Blick eine andere Tendenz:

In Steinmeiers Rede anlässlich der Verabschiedung des Wahlprogramms kommen sogar deutlich weniger Intensivierer vor als in den anderen beiden Reden. Von 1000 Wörtern sind gerade einmal 3,4 Wörter Intensivierer. In der Rede im Tempodrom waren es noch 4,7. Eine genauere Analyse zeigt jedoch, dass Steinmeier Partikel aus dem absoluten Intensivierungsbereich wie entschieden, grundlegend, wirklich oder eindeutig überdurchschnittlich häufig (in 62,5% der Fälle) verwendet.

Die Rede am Parteitag zur Verabschiedung des Wahlprogramms kann wohl auch in anderer Hinsicht als kämpferische Rede gelten: nämlich im Hinblick auf den Gebrauch positiv besetzter Adjektive.

Die Rede am Parteitag zur Verabschiedung des Wahlprogramms weist von allen drei Reden sowohl im Hinblick auf die Frequenz je 1000 Wörter, als auch im Hinblick auf den Anteil positiver Adjektive an allen verwendeten Adjektiven die geringsten Zahlen auf. Steinmeier hat hier also keine Beschönigungsrede gehalten. Die am häufigsten benutzten positiv besetzten Adjektive sind in allen Reden gut, gemeinsam, sozial und stark. Rangierte gemeinsam in der Rede am Nominierungsparteitag noch vor sozial und stark, hat sich stark seit der Rede im Tempodrom vor gemeinsam und sozial geschoben. Der Spitzenreiter in allen Reden ist das Adjektiv gut.

Vergleicht man die Rede am Parteitag zur Verabschiedung des Wahlprogramms mit den anderen beiden Reden, dann erweisen sich die folgenden Wörter als signifikant:

Lemma Frequenz
Programmparteitag
Frequenz
Tempodrom und
Nominierung
Chi-Quadrat Signifikanzniveau x mal häufiger
als bei Tempodrom
und Nominierung
September 8 0 22,539386 < 0.0001 nur Programmparteitag
Richtungsfrage 7 0 19,267167 < 0.0001 nur Programmparteitag
Arbeit 20 16 16,070412 < 0.0001 3,52
überzeugt 7 2 12,385382 0,00029 9,85
Kanzler 7 2 12,385382 0,00029 9,85
Signal 4 0 11,267167 0,00058 nur Programmparteitag
klar 9 5 10,507265 0,00091 5,06
Prinzip 5 1 10,129923 0,00115 14,08
Antwort 5 1 10,129923 0,00115 14,08
Hunderttausend 3 0 8,449902 0,00315 nur Programmparteitag
kosten 3 0 8,449902 0,00315 nur Programmparteitag
Dienstleistung 3 0 8,449902 0,00315 nur Programmparteitag
Epoche 3 0 8,449902 0,00315 nur Programmparteitag
überzeugen 4 1 7,484829 0,00562 11,26
Ihr|ihr|ihr 5 2 7,406388 0,00589 7,04
lieb 19 24 7,207309 0,00663 2,22
richtig 9 8 6,290401 0,01150 3,16
Mehrheit 9 8 6,290401 0,01150 3,16
Programm 10 10 5,862838 0,01486 2,81
Richtung 8 7 5,713725 0,01625 3,21
gestalten 7 6 5,140299 0,02292 3,28
Antwort 4 2 5,081532 0,02374 5,63
kämpfen 10 11 4,985978 0,02515 2,56
Ideologie 3 1 4,926238 0,02606 8,44
Arbeitnehmerrecht 3 1 4,926238 0,02606 8,44
Lohn 3 1 4,926238 0,02606 8,44
Brücke 3 1 4,926238 0,02606 8,44
gewinnen 3 1 4,926238 0,02606 8,44
danken 5 4 4,011523 0,04511 3,52
Gerechtigkeit 5 4 4,011523 0,04511 3,52

Besonders frequent sind Wörter, die auf Grundlegendes und auf eine programmatische Pointierung verweisen. Dies sind die Nomen Richtungsfrage, Richtung und Prinzip, aber auch die Adjektive überzeugt, klar, richtig. Daneben sind die Wörter Signal, kämpfen und gewinnen Repräsentanten der Aufbruchsrhetorik. Bemerkenswert ist auch, dass das Wort Kanzler nun deutlich frequenter ist als in den beiden anderen Reden zusammen.

Programmatische Verschiebungen werden kaum sichtbar, nur die Wörter Gerechtigkeit und Arbeitnehmerrechte werden häufiger benutzt. Schließlich finden sich noch Zeitbezüge auf den September als Monat der Bundestagswahl, aber auch auf längerfristige Perioden (Epoche), die Steinmeier in den anderen Reden nicht verwendet hat.

Insgesamt zeigt sich jedoch von Rede zu Rede eine Verdichtung im Gebrauch von politischen Fahnen- und Schlagwörtern und eine Zunahme der Bezugnahmen auf den politischen Gegner. Die folgende Grafik illustriert die Frequenzentwicklungen:

Steinmeiers Reden – das zeigt diese Analyse – werden also mehr und mehr zu Wahlkampfreden. In ihnen findet sich immer weniger weichgespülte Rhetorik, sondern mehr prägnante Aussagen. Besonders die Rede anlässlich der Verabschiedung des Wahlprogramms ist keine Sonntags- oder Außenministerrede mehr, sondern hat einen grundsätzlichen und konfrontativen Charakter. Steinmeier ist im Wahlkampf angekommen. Die Forschergruppe semtracks wird die Rhetorik von Kanzlerkandidaten und Parteien weiter begleiten.

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