Archiv Tags ‘Linguistik’

Wie extremistisch ist die Linkspartei? Teil II

Freitag, 3. April 2009

6. Emotivität

Im Folgenden soll eine Gruppe von Wörtern untersucht werden, die der Ausdrucksverstärkung (oder Abschwächung) dienen kann: die sogenannten lexikalischen Intensivierer. Bei ihnen handelt es sich um Wörter, die Verben, Adjektiven, Substantiven, Adverbien oder Präpositionalphrasen voran stehen, etwa in dem Satz: “Frau Merkel hat völlig recht!”. Die Sprachwissenschaft hat sie nach dem Grad der Intensivierung in Klassen eingeteilt.

Zum absoluten Intensivierungsbereich zählen unter anderem die folgenden Ausdrücke:

absolut, gänzlich, grundlegend, gründlich, im geringsten, komplett, längst, rein, restlos, schlechterdings, schlechthin, schlichtweg, total, überhaupt, unbedingt, voll, völlig , vollkommen , vollständig, von Grund auf, durchweg, fundamental, grundsätzlich, in vollem Umfang, reinweg, unumschränkt

Zum extrem hohen Intensivierungsbereich zählen dann vor allem Wörter, die die Superlativform aufweisen, und Adjektive, die von sich aus einen hohen Grad der Intensivierung beinhalten:

höchst, äußerst, zutiefst, aufs äußerste, aufs höchste, aufs tiefste, höchlichst, (nicht) im geringsten, im höchsten Maße, allerbest, allererst, bestmöglich, größtmöglich, möglichst, schärfstens, sehnlichst, wärmstens, weitestgehend, einzigartig, hervorragend, großartig, wunderbar, ungemein, irrsinnig, irre, idiotisch, unheimlich, furchtbar, riesig, kolossal, aberwitzig, sagenhaft, fabelhaft, traumhaft, wunderbar, zauberhaft, schrecklich, ekelhaft, unvorstellbar, undenkbar, unsäglich, unsagbar, unbeschreiblich

Intensivierer kodieren Emotionen und den Grad von Überzeugungen, bzw. der Rigorosität, mit der sie vertreten werden.

Analysiert man das Auftreten von Intensivierern in den untersuchten Korpora, dann zeigt sich, dass die Gruppierungen an den politischen Rändern insgesamt häufiger Intensivierer benutzen als gemäßigtere Kräfte.

Speziell im absoluten Intensivierungsbereich werden dabei die Unterschiede deutlich:

Auch hier zeigt sich also eine jenseits der Programmatik liegende Gemeinsamkeit des links- und rechtsextremen Lagers: beide zeigen eine Neigung zu Rigorismus und Vehemenz im Sprachgebrauch. Die programmatischen Unterschiede zu den politischen Kräften der Mitte werden mit besonderer Entschiedenheit formuliert.

7. Wertende Adjektive

Bei der Schlagwortanalyse hatte sich gezeigt, dass die Gruppierungen an den Rändern des politischen Spektrums teilweise gleiche Adjektive gebrauchen und sich dadurch von den gemäßigteren Parteien und den Parteien der Mitte unterscheiden. Analysiert man ausschließlich die wertenden Adjektive, dann treten zunächst vor allem die Unterschiede zu Tage.

Die folgenden Tabellen zeigen das Ranking der am häufigsten benutzten evaluativen Adjektive für jede Partei. In ihnen sind jene wertenden Adjektive hervorgehoben, die von der jeweiligen Partei im Vergleich zu den anderen besonders häufig benutzt werden.

CDU:
Frequenz Lemma Frequenz pro 1000
652 wichtig 1.17
606 gut 1.09
173 positiv 0.31
158 richtig 0.28
118 stark 0.21
79 entscheidend 0.14
68 falsch 0.12
65 schwer 0.12
60 schwierig 0.11
59 angemessen 0.11
43 unnoetig 0.08
42 fair 0.08
35 geeignet 0.06
35 ausreichend 0.06
34 menschlich 0.06
32 konsequent 0.06
30 sinnvoll 0.05
27 natuerlich 0.05
27 hervorragend 0.05
26 schlecht 0.05
25 negativ 0.04
25 kreativ 0.04
25 gerecht 0.04
25 gefährlich 0.04
23 grossartig 0.04
21 vernuenftig 0.04
NPD:
Frequenz Lemma relative Frequenz pro 1000
308 gut 0.52
150 wichtig 0.25
99 schwer 0.17
95 falsch 0.16
50 richtig 0.08
49 positiv 0.08
38 schlecht 0.06
37 konsequent 0.06
35 schön 0.06
32 natürlich 0.05
32 gerecht 0.05
30 radikal 0.05
30 gefährlich 0.05
29 menschenverachtend 0.05
28 menschlich 0.05
27 undemokratisch 0.05
27 skandalös 0.05
24 kalt 0.04
24 billig 0.04
23 unglaublich 0.04
23 schwach 0.04
23 gewaltig 0.04
23 entscheidend 0.04
23 absurd 0.04
22 katastrophal 0.04
20 moralisch 0.03

PDL:
Frequenz Lemma Frequenz pro 1000
253 gut 0.95
103 wichtig 0.39
52 gerecht 0.20
40 falsch 0.15
33 schlecht 0.12
33 richtig 0.12
25 konsequent 0.09
22 schwer 0.08
19 positiv 0.07
19 kalt 0.07
18 radikal 0.07
17 schön 0.06
15 vernünftig 0.06
15 rassistisch 0.06
14 undemokratisch 0.05
14 sinnvoll 0.05
11 fair 0.04
11 angemessen 0.04
10 menschenverachtend 0.04
10 interessant 0.04
9 skandalös 0.03
9 schwach 0.03
9 negativ 0.03
9 katastrophal 0.03
8 normal 0.03
8 menschlich 0.03
PDL-KPF:
Frequenz Lemma Frequenz pro 1000
378 gut 0.41
327 wichtig 0.36
199 stark 0.22
153 entscheidend 0.17
111 konsequent 0.12
108 kalt 0.12
108 grundlegend 0.12
100 menschlich 0.11
78 positiv 0.09
68 richtig 0.07
67 gerecht 0.07
59 rassistisch 0.06
56 schlimm 0.06
56 falsch 0.06
55 extrem 0.06
54 radikal 0.06
50 gefährlich 0.05
47 negativ 0.05
45 hart 0.05
43 schwach 0.05
37 schoen 0.04
37 ehrlich 0.04
35 schlecht 0.04
34 schwierig 0.04
31 normal 0.03
29 bitter 0.03

REP:
Frequenz Lemma Frequenz pro 1000
45 gut 0.49
31 falsch 0.34
23 konsequent 0.25
20 stark 0.22
18 wichtig 0.20
18 schwer 0.20
18 richtig 0.20
13 schlecht 0.14
13 hart 0.14
12 grundlegend 0.13
12 entscheidend 0.13
11 gefährlich 0.12
10 menschenverachtend 0.11
10 ehrlich 0.11
9 undemokratisch 0.10
9 radikal 0.10
9 gewaltig 0.10
9 echt 0.10
8 sinnlos 0.09
8 moralisch 0.09
7 überflüssig 0.08
7 skandalös 0.08
6 vernünftig 0.07
6 seriös 0.07
6 schön 0.07
6 mutig 0.07

So zeigt sich, dass die Partei Die Linke und ihre Kommunistische Plattform kalt, gerecht und rassistisch häufiger verwenden. Es zeigt sich auch, dass die Regierungsparteien CDU und CSU mit den Vokabeln wichtig, gut, positiv, richtig und angemessen signifikant häufiger positiv wertene Adjektive benutzen, wohl um ihr eigenes Regierungshandeln in gutem Licht darzustellen. Die Korpora der Parteien am rechten Rand zeichnen sich durch eine überdurchschnittliche Verwendung hyperbolischer Vokabeln wie katastrophal, skandalös aus.

Sucht man neben den häufigsten Vokablen, die in allen Parteien und Gruppierungen auftreten, nach jenen wertenden Adjektiven, die von NPD und Kommunistischer Plattform gleichermaßen verwendet werden, zeigen sich allerdings interessante Tendenzen.

Zunächst kann man feststellen, dass es sich dabei größtenteils um Vokabeln handelt, die starke Wertungen enthalten und damit skandalisieren und dramatisieren. Sie lassen sich, je nach Verwendung bei den anderen Parteien, in folgende Kategorien einteilen:

a) Wertende Adjektive, die bei NPD und KPF auftreten und auch von Parteien der Mitte und den Republikanern verwendet werden:
abscheulich (selten von CDU)
absurd (von REP und selten CDU)
bedrohlich (von CDU und PDL)
beispiellos (von allen)
billig (von allen)
dreist (von allen)
erschreckend (von allen)
fatal (von allen)
feige (REP und CDU)
grotesk (von allen)
menschenverachtend (von allen)
peinlich (von allen)
skandalös (von allen)
ungeheuer (von CDU)
verantwortungslos (von allen)

b) Wertende Adjektive, die bei NPD und KPF auftreten und die auch von anderen Parteien an den Rändern des politischen Spektrums, nicht aber von der CDU/CSU verwendet werden:

abstrus (nur von der PDL)
beängstigend (nur von der PDL)
bodenlos (nur REP)
demütigend (nur PDL)
dumm (von REP und PDL)
frech (nur PDL)
heuchlerisch (nur REP)
jämmerlich (nur REP)
mies (nur PDL)
plump (nur PDL)
primitiv (nur REP)
schändlich (nur REP)
ungeheuerlich (nur PDL)
verlogen (REP und PDL)
widerwärtig (nur REP)
unverschämt (nur von PDL)

c) Wertende Adjektive, die von NPD und KPF, aber sonst von keiner anderen Partei verwendet werden:

bösartig
empörend
erbaermlich
gemein
hinterlistig
infam
krankhaft
minderwertig
pervers

Die Liste liest sich – je exklusiver sie für NPD und KPF wird – wie ein Auszug aus dem Wörterbuch des Unmenschen. Sie verweist auf eine starke Freund-Feind-Orientierung im Denken, aber auch auf das Vokabular zur Bezeichnung politischer Gegner in jenen historischen Kontexten, auf die sich beide Gruppierungen affirmativ berufen.

8. Kollokationen

Während die bisherigen Analysen vor allem darauf zielten, Gemeinsamkeiten zwischen rechtsextremistischen Parteien und Gruppierungen, die im Verdacht des Linksextremismus stehen, jenseits der inhaltlichen Differenzen aufzudecken, können Kollokationsanalysen programmatische Ähnlichkeiten sichtbar machen. In Kollokationsanalysen werden jene Wörter identifiziert, die signifikant häufig im Kontext eines Suchwortes auftreten.

a) Kapitalismus

Eine 2-stufige Kollokationsanalyse des Lemmas Kapitalismus in den Texten der Kommunistischen Plattform in der Partei die Linke (KPF) kommt zu folgendem Ergebnis:

Kapitalismus und Sozialismus werden als sich widersprechende Kategorien aufgefasst. Der gegenwärtige, real existierende Kapitalismus wird mittels gesellschaftlicher Analyse als Ursache für eine tiefe und internationale Krise charakterisiert, der mit ihm einhergehende Imperialismus als verantwortlich für Terror und Elend. Die gesellschaftliche Analyse entwirft auch eine soziale Alternative, den demokratischen Sozialismus, die sozialistische Gesellschaft, den sozialistischen Staat. Sie ist das Ziel, der Weg führt über soziale Politik und Vergesellschaftung zum Sozialismus.

Auch in den Texten der NPD zeigt die zweistufige Kollokationsanalyse zum Lemma Kapitalismus die kritische Haltung der Partei gegen die globale Wirtschaftsordnung.

Die NPD übt heftige und scharfe Kritik am entfesselten Kapitalismus, der außer Kontrolle geraten, mithin vom Zauberlehrling nicht mehr beherrscht wird, der die Geister, die er rief, nicht mehr los wird. Der Kapitalismus ist assoziiert mit einem international agierenden Kapital und der wirtschaftlichen Globalisierung, die Zuwanderung und EU-Fremdbestimmung mit sich bringt und katastrophale Folgen für Land und Menschen hat. Die Kapitalismuskritik der NPD nimmt zudem eine zivilisationskritische Wendung, wenn von der globalen Krämerzivilisation im globalen Zeitalter die Rede ist.
Auch bei der NPD tritt der Sozialismus als Gegenbegriff zum Kapitalismus auf. Statt von Alternative spricht die NPD aber von einem dritten Weg. Zudem handelt es sich um einen nationalen Sozialismus, eine unverhohlene Anspielung auf den historischen Bezugsrahmen der Partei. Um diesen dritten Weg zu gehen, bedarf es nationaler Deutscher, die mit nationaler Kraft eine nationale Politik machen, die sich als Widerstand begreift. Diesen Widerstand zu organisieren und zu leisten ist Ziel der Partei.

b) USA

Die Kommunistischen Plattform in der Partei die Linke (KPF) assoziiert die USA vor allem mit Krieg und militärischen Aktionen, das seine Interessen vertritt, statt das Gewaltmonopol der UNO anzuerkennen.

Die Liste der Anklagepunkte beinhalten die militärische Gewalt der NATO gegen Jugoslawien, die Aggression gegen Afghanistan und den Angriff auf den Irak. Im Zentrum des Diagramms steht das Adjektiv anders, das mit dem Wunsch nach einem anderen Europa, einer anderen NATO, einem anderen Land und einer anderen Welt assoziiert ist. Auffällig ist, dass Europa mit für die KPF positiv besetzten Begriffen verwendet wird: mit Friede und Sozialismus.

Auch für die NPD scheint Europa ein positives Gegengewicht zu den USA zu bilden.

Zumindest im Verhältnis zu den USA scheint Europa in den Augen der NPD die Zukunft zu gehören. Die europäische Orientierung wird freilich flankiert von einer deutschen Stimme in einem nationaldemokratischen Deutschland, die die Interessen der Bürger vertritt, die sonst verraten werden. Das Adjektiv national findet sich entsprechend zentral im Diagramm. Ein Austritt aus der NATO, die in amerikanischer Hand ist, und deren Auflösung ist erklärtes Ziel der NPD. Erwähnenswert ist noch die Assoziation der Lexeme USA und Israel, die im Kontext der antiisraelischen Haltung weiter Teile der Partei zu lesen ist.

9. Fazit

Die Analysen haben ergeben, dass es falsch wäre, die Partei Die Linke (PDL) als Ganze als extremistisch einzustufen. Die Gesamtpartei tritt in ihren Pressmitteilungen und Newslettern – abgesehen von den programmatisch bedingten Unterschieden – sprachlich kaum anders auf als die Parteien der Mitte.

Anders verhält es sich allerdings mit einer Gruppierung innerhalb der PDL, der Kommunistischen Plattform. In ihrem Sprachgebrauch zeigen sich typische Merkmale des Sprachgebrauchs extremistischer Gruppierungen:

  • signifikant häufigere Verwendung von Adjektiven, die auf die Konstruktion von Verblendungszusammenhängen schließen und eine radikal gegen das politische Establishment gerichtete Haltung erkennen lassen,
  • für extremistische Parteien typischer distanzierender Sprachgebrauch bei Wörtern, die die Gesellschaftsordnung und das politische System betreffen, aber auch bei Wörtern aus dem Wortfeld von Geschichtsbereichen, über die sich die gegenwärtige Gesellschaft ihrer Werte versichert,
  • für extremistische Parteien typische Neigung zum Gebrauch von Intensivierern im absoluten Intensivierungsbereich als Ausdruck starker Überzeugungen,
  • häufige Verwendung von wertenden Adjektiven mit skandalisierendem Charakter und eine große Schnittmenge mit der NPD im Gebrauch von wertenden Adjektiven, die teilweise historisch vorbelastet sind.

Dass es sich bei der Kommunistischen Plattform allerdings nicht um eine Minderheit innerhalb der PDL handelt, zeigt sich daran, dass ihre Sprecherin Sahra Wagenknecht im Mai 2008 mit 70,5% der Stimmen in den Bundesvorstand und auch auf einen als sicher geltenden Listenplatz für die Bundestagswahl auf der Landesliste in Nordrhein-Westfalen gewählt wurde. So wenig extremistisch der größte Teil der Linkspartei also – zumindest in sprachlicher Hinsicht – ist, so ungeklärt ist ihr Verhältnis zu den extremistischen Haltungen eines Teils ihrer Mitglieder.

10. Literatur

Jaschke, Hans-Gerd: Politischer Extremismus. Wiesbaden 2006.

Kailitz, Steffen: Politischer Extremismus in der Bundesrepublik Deutschland. Eine Einführung. Wiesbaden 2004.

Pfahl-Traughber, Armin: Politischer Extremismus – was ist das überhaupt? Zur Definition von und Kritik an einem Begriff. In: Bundesamt für Verfassungsschutz (Hg.): Bundesamt für Verfassungsschutz. 50 Jahre im Dienst der inneren Sicherheit, Köln 2000.

Wie extremistisch ist die Linkspartei? Teil I

Freitag, 3. April 2009

Die Partei “DIE LINKE” (PDL) ist die einzige Partei im Bundestag, die teilweise vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Ihr Einzug in den XVII. Deutschen Bundestag scheint dennoch sicher.

Schon im Hinblick auf die Mitgliederzahl zeigt sich, dass es sich bei der PDL nicht um eine extremistische Splitterpartei handelt: Mit 70.000 Mitgliedern zählt die Partei etwa so viele Mitglieder wie die FDP.

Der Verfassungsschutzbericht des Jahres 2007 zeichnet ein entsprechend ambivalentes Bild von der Partei DIE LINKE. In ihrer Programmatik bekenne sie sich zwar zu einer extremistischen Ausrichtung. In ihrer parlamentarischen Praxis und in ihrem Regierungshandeln allerdings zeigten sich keine Ansätze zur Überwindung der herrschenden Staats- und Gesellschaftsordnung. Die Partei scheine vielmehr darum bemüht, sich als reformorientierte, neue linke Kraft zu inszenieren. (Verfassungsschutzbericht 2007, S. 151)

Wie extremistisch ist also die Linkspartei wirklich? Die folgende Analyse will untersuchen, ob sich extremistische Tendenzen im Sprachgebrauch der Linkspartei zeigen.

TEIL I

1. Was heißt “extremistisch”?

“Extrem” ist ein relationaler Begriff: seine Bedeutung ergibt sich nur aus der Beziehung zu anderen Positionen. Das “Extreme” bezeichnet dann die “äußerste Abweichung” oder den “äußerster Gegensatz”. In der Extremismusforschung wird die Mitte der Gesellschaft und deren Grundwerte als Maßstab genommen. Doch so schwierig die Bestimmung des Begriffs der “Mitte der Gesellschaft” ist, so unscharf ist die Definition von “extremistisch”.

Der kleinste gemeinsame Nenner der Grundwerte sind die Prinzipien des demokratischen Verfassungsstaates und des Grundgesetzes. Eine ablehnende Haltung diesen gegenüber ist zentrales Merkmal extremistischer Positionen. Diese Definition ex negativo gilt für den linken wie für den rechten Extremismus, deren Ideologien freilich aufgrund ihrer Ziele auch gemeinsame Strukturelemente und Denkmuster aufweisen.

2. Die Partei “DIE LINKE” als extremistische Partei aus Sicht des Verfassungsschutzes

Ein besonderes Augenmerk des Verfassungsschutzes gilt einigen Gruppierungen und Netzwerken innerhalb der PDL. Hierzu zählen das “Marxistische Forum”, der “Geraer Dialog/ Sozialistischer Dialog” (GD/SD) und die “Sozialistische Linke” (SL), die “Arbeitsgemeinschaft Cuba Sí”. Im Zentrum der folgenden Analyse steht die “Kommunistische Plattform der Partei Die Linke” (KPF). Der Verfassungsschutzbericht 2007 schätzt sie als “offen extremistisch” ein. Mit ihren ca. 850 Mitgliedern sei sie der zahlenmäßig stärkste extremistische Zusammenschluss innerhalb der Partei ‘DIE LINKE’. Sie halte “an den marxistisch-leninistischen Traditionen fest” und kämpfe weiter “für die Überwindung des Kapitalismus und das Ziel Sozialismus.” (Verfassungsschutzbericht 2007, S. 152)

3. Datengrundlage und Vorgehensweise

Die Analyse beruht auf einer Auswertung der folgenden Korpora:

  • PDL-Newsletter (2007-2009) und PDL-Pressemitteilungen (2007-2009): 264.973 laufende Wortformen, 792 Texte
  • “Mitteilungen” der PDL-KPF (2000-2009): 916.375 laufende Wortformen, 1627 Texte
  • Pressemitteilungen von CDU/CSU (2006-2009): 558.397 laufende Wortformen, 2692 Texte
  • Pressemitteilungen der NPD (2005-2009): 589.637 laufende Wortformen, 1398 Texte
  • Pressemitteilungen der REP (2001-2008): 91.365 laufende Wortformen, 442 Texte

Im Folgenden werden die Korpora auf signifikante sprachliche Unterschiede und Gemeinsamkeiten hin untersucht. Im Fokus steht dabei der Sprachgebrauch der Kommunistischen Plattform. Durch Vergleiche mit der Sprache anderer extremistischer Parteien, aber auch durch den Vergleich mit dem Sprachgebrauch einer Partei des bürgerlichen Lagers sollen Indizien für oder gegen eine extremistische Tendenz der Partei Die Linke gefunden werden.

Als Vergleichskorpus wurden deshalb die Texte der “Nationaldemokratischen Partei Deutschlands” (NPD) gewählt, weil es sich bei ihr um die inzwischen mitgliederstärkste Partei handelt, die vom Verfassungsschutz als rechtsextremistisch eingestuft wird. Der Verfassungsschutzbericht stellt fest, sie fordere “eine neue Gesellschaftsordnung sowohl in Deutschland als auch in Europa” und strebe die Macht über Staat und Wirtschaft an, um eine Volksgemeinschaft und ein neues Deutsches Reich zu errichten. (Verfassungsschutzbericht 2007, S. 65)

Anders hingegen ist die Lage bei der Partei “Die Republikaner” (REP). Sie wurde seit 1992 vom Bundesamt für Verfassungsschutz als rechtsextremistische Partei eingeschätzt und beobachtet; seit 2006 werden nicht mehr die Gesamtpartei, sondern nur noch Kräfte in ihr als rechtsextrem geführt. Seit 2008 werden keine V-Leute mehr zu ihrer Überwachung eingesetzt. Seitdem 1994 Rolf Schlierer den Parteivorsitz übernahm, ist die Partei bemüht, sich von rechtsextremen Tendenzen abzugrenzen. Der Vergleich der Publikationen der Partei DIE LINKE und ihrer Kommunistischen Plattform mit den Texten der Republikaner kann interessante Hinweise darauf liefern, ob eine Einstufung als extremistisch oder lediglich radikal gerechtfertigt ist.

4. Schlagwortanalyse

Untersucht man die Korpora der Kommunistischen Plattform und der NPD darauf hin, welche Wörter in ihnen im Vergleich zum jeweils anderen Korpus signifikant häufiger vorkommen, dann zeigen sich die programmatischen Unterschiede beider Gruppierungen deutlich.

Wortwolke: NPD

Abgeordnete Antrag Arbeitsplatz Artikel Ausländer Bereich Bild Bundesregierung Bürger Demokratie Deutsche Entscheidung Erfolg Euro Fall Familie Fraktion Frau Geld Gericht Gesetz Gespräch Gewalt Globalisierung Grundgesetz Grüne Hand Haus Herr Information Innenminister Jahr Jugendliche Kind Kreisverband Kultur Landesvorsitzende Landtag Medium Milliarde Million Ministerpräsident Monat Nationaldemokrat NPD-Fraktion Opfer Opposition Ort Person Platz Politiker Polizei Postfach Pressesprecher Prozent Recht Region Schule Stadt Stimme Stimme|Stimmen System Tag Teilnehmer Thema Uhr Veranstaltung Verbot Vertreter Volk Vorsitzende Wahl Wahlkampf Wirtschaft Woche Wähler Zahl Zeitung Zukunft


Noch deutlicher als in den Nomen zeigen sich programmatische Unterschiede zwischen PDL-KPF und NPD im Gebrauch von Adjektiven, die zur Charakterisierung von Sachverhalten, Gruppierungen oder Ereignissen verwendet werden. Die folgende Tabelle zeigt die für die jewilige Partei typischen Adjektive geordnet nach Signifikanzniveau (innerhalb des gleichen Signifikanzniveaus nach Chi-Quadrat-Werten). In der jeweils äußeren rechten Spalte findet sich der Faktor der relativen Frequenz, d.h. wie viel häufiger ein Wort im Korpus der einen Partei je 10.000 Wörter vorkommt als im Korpus der anderen.

Lemma Signifikanzniveau Frequenzfaktor
national < 0.0001 9,49
deutsch < 0.0001 2,09
etabliert < 0.0001 14,06
nationaldemokratisch < 0.0001 (nur NPD)
multikulturell < 0.0001 50,56
ausländisch < 0.0001 4,61
kriminell < 0.0001 7,15
gestrig < 0.0001 18,93
kommend < 0.0001 3,51
verantwortlich < 0.0001 2,93
frei < 0.0001 1,88
angeblich < 0.0001 2,32
sozialpolitisch < 0.0001 8,27
offensichtlich < 0.0001 2,42
massiv < 0.0001 2,55
fremd < 0.0001 4,14
jung < 0.0001 1,62
staatlich < 0.0001 2,08
gewalttätig < 0.0001 6,78
verfassungswidrig < 0.0001 5,26
politisch < 0.0001 1,28
patriotisch < 0.0001 8,38
islamisch < 0.0001 4,59
ethnisch < 0.0001 3,72
alliiert < 0.0001 4,56
ordentlich < 0.0001 3,99
absurd < 0.0001 3,67
Lemma Signifikanzniveau Frequenzfaktor
sozialistisch < 0.0001 46,96
kommunistisch < 0.0001 16,92
kapitalistisch < 0.0001 9,19
militärisch < 0.0001 6,36
marxistisch < 0.0001 18,71
gesellschaftlich < 0.0001 3,45
programmatisch < 0.0001 11,10
faschistisch < 0.0001 20,84
international < 0.0001 2,53
bürgerlich < 0.0001 4,55
historisch < 0.0001 3,19
gegenwärtig < 0.0001 4,38
sowjetisch < 0.0001 13,30
real < 0.0001 4,54
lieb < 0.0001 2,85
revolutionär < 0.0001 7,13
ökonomisch < 0.0001 4,08
imperialistisch < 0.0001 4,81
antikapitalistisch < 0.0001 6,13
theoretisch < 0.0001 9,31
entscheidend < 0.0001 3,46
außerparlamentarisch < 0.0001 7,17
gemeinsam < 0.0001 1,93
antifaschistisch < 0.0001 2,94
solidarisch < 0.0001 5,32
sozialdemokratisch < 0.0001 5,21
vereinigt < 0.0001 5,34
dogmatisch < 0.0001 22,23
vereint < 0.0001 5,63

Auf den ersten Blick scheinen die Unterschiede zwischen der PDL-KPF und der zweifelsfrei extremistischen NPD so deutlich, dass es kaum gerechtfertigt scheint, beide in den gleichen extremistischen Topf zu werfen.

Interessant ist jedoch ein Vergleich des Sprachgebrauchs beider Parteien im Vergleich zur CDU. Berechnet man beispielsweise die im Vergleich zur CDU signifikant häufiger auftretenden Adjektive in den Texten von NPD und KPF, dann zeigen sich einige Gemeinsamkeiten. So finden sich bei beiden Gruppierungen auffällig mehr Adjektive, die auf vermeintliche Verblendungszusammenhänge verweisen. Hierzu zählen:

angeblich (NPD: 198 / PDL-KPF: 136)
offenbar (NPD: 122 / PDL-KPF: 92)
offenkundig (NPD: 28 / PDL-KPF: 35)
offiziell (NPD: 97 / PDL-KPF: 95)
sogenannt (NPD: 219 / PDL-KPF: 318)
tatsächlich (NPD: 157 / PDL-KPF: 199)

Diesen Adjektiven ist gemeinsam, dass sie das Potenzial haben, die Unwahrheit einer offiziell verbreiteten Meinung zu kennzeichnen oder die eigentliche Wahrheit zu markieren, die hinter einem von der herrschenden Meinung verbreiteten Verblendungszusammenhang verborgen ist. Dies ist insofern hier relevant, als die Konstruktion von Verschwörungstheorien ein typisches Merkmal des politischen Extremismus ist.

Die Schnittmengen der im Vergleich zur CDU signifikanten Adjektive von NPD und Kommunistischer Plattform reichen aber noch weiter. So finden sich auffällig viele Adjektive, die einen intensivierenden Charakter haben und skandalisierend wirken:

ausgerechnet (NPD: 65 / PDL-KPF: 38)
billig (NPD: 33 / PDL-KPF: 30)
brutal (NPD: 49 / PDL-KPF: 80)
einseitig (NPD: 44 / PDL-KPF: 78)
gewaltig (NPD: 28 / PDL-KPF: 49)
gewiß(NPD: 47 / PDL-KPF: 142)
katastrophal (NPD: 27 / PDL-KPF: 25)
massenhaft (NPD: 32 / PDL-KPF: 30)
plötzlich (NPD: 50 / PDL-KPF: 66)
radikal (NPD: 36 / PDL-KPF: 86)
schlimm (NPD: 33 / PDL-KPF: 110)
sofortig (NPD: 30 / PDL-KPF: 51)
unmöglich (NPD: 35 / PDL-KPF: 48)
völlig (NPD: 167 / PDL-KPF: 214)
wirklich (NPD: 200 / PDL-KPF: 298)

Schließlich bedienen sich beide Gruppierungen im Vergleich zur CDU auch noch mehrerer Vokabeln, die sich als Ausdruck einer gegen das politische Establishment und die herrschende Ordnung gerichtete Haltung lesen lassen:

bürgerlich (NPD: 43 / PDL-KPF: 313)
etabliert (NPD: 317 / PDL-KPF: 36)
herrschend (NPD: 59 / PDL-KPF: 134)
real existierend (NPD: 32 / PDL-KPF: 232)

Keine der genannten Merkmale findet sich übrigens, wenn man die im Vergleich zur CDU signifikant häufiger auftretenden Adjektive in den Pressemitteilungen der Gesamtpartei Die Linke berechnet. Lediglich programmatische Adjektive wie “gerecht” und “sozial” und Fahnenwörter wie “unsozial” oder “neoliberal” fallen hier ins Auge. Überschneidungen mit der NPD finden sich nicht.

Das ambivalente Bild, das der Verfassungsschutz von der Partei DIE LINKE zeichnet, bestätigt sich also vorläufig: Während die Gesamtpartei sich sprachlich im Rahmen der Parteien der Mitte bewegt, finden sich – bei allen programmatischen und thematischen Unterschieden – Parallelen im Sprachgebrauch von KPF und der extremistischen NPD.

5. Sprachthematisierungen / distanzierender Sprachgebrauch

In einer Gesellschaft können einzelne Wörter und Bezeichnungen und die Bedeutung von Begriffen umstritten sein. In Texten zeigt sich dieser Kampf um Begriffe daran, dass auf sie explizt oder implizit Bezug genommen wird. Die Autoren von Texten verfügen über verschiedene Mittel, ihre kritische Haltung einem Wort oder Begriff gegenüber zu kennzeichnen, etwa indem sie ihnen ein “sogenannt” voranstellen oder sie in Anführungszeichen setzen. Schreibt jemand von der “sogenannten Rechtschreibreform”, dann bringt er damit zum Ausdruck, dass es sich seiner Meinung nach nicht um eine Rechtschreib-, sondern womöglich um eine Falschschreibreform handelt. Die Kritik an der Wortform reflektiert seine grundsätzlich kritische Haltung dem bezeichneten Gegenstand gegenüber.

Im politischen Diskurs verweisen diese Thematisierungen von Sprache auf umstrittene Politikfelder. Ihre Untersuchung lässt Rückschlüsse zu auf das, was eine Gesellschaft bewegt und wo die Brennpunkte gesellschaftlicher Debatten liegen.

Untersucht man die Sprachthematisierungen in allen Korpora, so zeigen sich schon in der Anzahl der Fälle distanzierenden Sprachgebrauchs deutliche Unterschiede zwischen den Parteien und Gruppierungen:

Die Gruppierungen an den Rändern des politischen Spektrums weisen beide deutlich mehr Sprachthematisierungen auf als die Parteien der Mitte, aber auch als die Partei DIE LINKE.

Untersucht man die Wörter, deren Form oder Bedeutung von den Autoren kritisch reflektiert wird, dann zeigen sich weitere Unterschiede. Die folgenden Listen zeigen die häufigsten Wörter in distanzierendem Gebrauch der PDL nach Politikfeldern geordnet:

Wirtschaft:
Lemma Frequenz
Deutschlandfonds 5
Volksaktie 5
Strukturanpassungsprogramm 5
Wirtschaftswunder 2
Konjunkturpaket 2
Heuschrecke 2
Wirtschaftsweise 1

Bildung:
nachgelagert (Studiengebühren) 4
Erziehungscamps 3
Bildungsgipfel 3
bildungsfern (Schichten) 2
Schulstarter-Pakete 2
Hochschuldenkschrift 2
Bildungsreise 2
Bildungs-Soli 2
Soziales
Lemma Frequenz
Aufstocker 6
58er (Regelung) 4
Rentnerdemokratie 3
Gesundheitsreform 3
Kombilohn 2
Ein-Euro-Jobs 2
Bedarfsgemeinschaften 2
Briefbeförderer 2

Ausländer / Integration:
Rückführungsrichtlinie / EU-Rückführungsrichtlinie 4
Anti-Islamisierungskongress 3
Anti-Islamisierungsgipfel 2
Flüchtlingsbekämpfung 3

Die PDL verwendet also vor allem tagesaktuelle Schlagwörter aus den Politikbereichen Wirtschaft, Soziales, Integration und Bildung in distanzierender Absicht. Ganz ähnlich verhält es sich bei der CDU/CSU, nur dass hier noch Wörter, deren Gebrauch aus historischen Gründen als problematisch angesehen wird, häufiger distanzierend gebraucht werden:

Wirtschaft und Steuern:
Lemma Frequenz
Handshake-Verfahren 4
Entwicklungsland 4
Nettoprinzip 4
Normalisierungstreffen (mit Walfangnationen) 4
Zinsschranke 2
Subsistenzwalfang-Quoten 2
Reichensteuer 2
Gerechtigkeitskomponente 2
Haushaltsnotlage 2
Leuchtturm 2
Investitionspakt 2

Gesundheit und Soziales:
Erbkranke 9
Behindertenparkplatz 4
Minderleistungsausgleiche 3
Scheinvater 2

Bildung
Aufstiegsstipendien 3
Alltagskompetenzen 3
Vollkostenfinanzierung 2
Vergangenheitsbezüge:
Lemma Frequenz
Regelanfrage 3
Gleichschaltung 2
Bodenreform 2
Beutekunst 2
lebensunwert 2
Opferpension 2
Schuld 2

Gesellschaftliches:
Ehrenmorde 5
Killerspiele 3
Karriereknick 3

Sicherheit:
Terrorcamps 2

Die Listen der metasprachlich gekennzeichneten Wörter von CDU/CSU und PDL enthalten demnach fast ausschließlich Wörter, die auf aktuelle Politikfelder verweisen.

Ein anderes Bild ergibt eine Analyse der Fälle distanzierenden Sprachgebrauchs in den Texten von Kommunistischer Plattform und NPD. Es fällt auf, dass die Mehrzahl der metasprachlich gekennzeichneten Wörter aus anderen Wortfeldern stammen.

NPD:

Politischer Gegner:
Lemma Frequenz
Linke 23
Grüne 18
Antifa 18
Antifaschist 16
Antifaschismus 5
Linkspartei 5
antifaschistisch 4
Gegendemonstration 4
link 3

Demokratie / das System:
Verfassungsschutz 17
demokratisch 11
deutsch 9
Demokrat 9
Demokratie 8
Zivilgesellschaft 8
Volkspartei 6
EU-Verfassung 5
Volksvertreter 4
Verfassung 4
Volk 4
System 3
Rechtsstaat 3

Geschichtsrevisionistisches:
Befreiung 12
Widerstandskämpfer 5
Schuldkult 4
Befreier 4
Holocaust 3

Gesundheit / Soziales:
Gesundheitsreform 6
Wohnriester 5
Riester-Rente 5
Riester-Faktors 3
Riester-Faktor 3
Herdprämie 3
Entleerungsräumen
(sich entvölkernde Gebiete
in Ostdeutschland)
3

Europäische Integration:
EU-Reformvertrag 5
EU-Verfassung 4
Rechtes Spektrum:
Lemma Frequenz
Recht 16
Nazi 13
recht 13
Recht|Rechte 12
rechtsextrem 11
Neonazi 10
Rechtsradikal|Rechtsradikale 8
Republikaner 6
Rechtsextremismen 6
rechtsradikal 5
Rechtsextrem|Rechtsextreme 5
Faschist 5
Extremist 5
verfassungswidrig 4
rechtsextremistisch 4
national 4
Rechtsradikale 4
neurecht 3
faschistisch 3

Werte:
sozial 7
modern 5
Gutmensch 5
gefährlich 5
bürgerlich 5
neu 4
menschenverachtend 4
gut 4
Menschenrecht 4
frei 3
Zivilcourage 3
Radikalenerlaß 3

Migration:
Migrationshintergrund 8
Gastarbeiter 8
Integration 6
ausländerfeindlich 5
Mensch 5
Migranten 4
Rassismus 4
No-Go-Areas 3
Islamkonferenzen 2
Integrationsklasse 2
Integrationsgipfeln 2

Wirtschaft:
Fachkraft 7
Wirtschaftsaufschwung 4
Leuchtturm|Leuchttürmen 4
Asylrechtsparagraph 4
Arbeitsmigration 4
Aufstocker 3
Globalisierung 3
Leuchtturm 3
Rettungspaket 3
Steueroase 2
Offshore-Finanzplätzen 2

Bei der Kommunistischen Plattform in der Partei Die Linke (PDL-KPF) werden ebenfalls seltener Wörter aus aktuellen Politikfeldern explizit markiert.

Geschichtsrevisionismus:
Lemma Frequenz
Zwangsvereinigung 13
Volksaufstand 8
Einheit 8
Benes-Dekrete 8
Solidarpakt 6
Mauer 5
Arbeiteraufstand 5
Unrechtsstaat 4
Treuhand 4
Alliierte 4
Wirtschaftswunder 3
Vereinigung 3
SED-Diktatur 3
Nationalsozialismus 3
Mauerbau 3
Einigungsvertrag 3
Aufarbeitung 3
Wiedervereinigung 2
Widerstand 2
Vertreibung 2

Vokabular des Sozialismus/Kommunismus:
Grundlinie 23
Sozialismus 15
These|Thesis 11
Revolution 9
dogmatisch 7
Stalinismus 6
Theorie 5
Mehrheitsthesen 5
Totalitarismuskonzeption 4
Grundlinien-Papier 4
Trennstrich 3
Traditionalisten 3
Strafaktion 3

Werte:
sozial 8
deutsch 7
national 6
kapitalistisch 6
zivilisiert 3

Politische Freunde:
Antifa 7
antikapitalistisch 5
Antifaschismus 5
Linksextremismen 4
Linksextremen 4
Systemkritisches:
Lemma Frequenz
Mitte 19
Gewaltmonopol 13
Volkspartei 12
Demokratie 11
Recht 8
Nation 8
Kapital 6
Verfassungsschutz 5
Sozialstaat 5
Globalisierung 5
Freiheit 5
Gerechtigkeit 5
Wirtschaft 4
Rechtsstaat 4
Arbeitnehmer 4
Völkergemeinschaft 3
Neoliberalismus 3
Dienstleistungsgesellschaft 3

Abgrenzung zum politischen Establishment:
Reformer 25
Wende 16
Schurkenstaaten 14
Moderne 10
modern 10
Vordenker 9
Sachzwang 9
Linke 8
link 8
Politik 7
Reformlinke 6
Reform 6
Pragmatiker 6
Politikwechsel 5
Realpolitiker 4
Mitte-Links-Option 4
Reformpolitik 3

Politische Gegner:
Rechtsextremismen 7
Nazi 6
Rechtsextrem|Rechtsextreme 4

Aktuelle Politik:
Zuwanderungsgesetz 7
Steuerreform 6
Solidarpakt 6
Terrorist 4
Terror 4
Sparpolitik 4
Aufstocker 4
Sparpaket 3
Sozialpakt 3

Kommunistischer Plattform und NPD ist also gemein, dass sie nicht nur Wörter und Begriffe aus aktuellen Politikfeldern zum Gegenstand sprachlich-semantischer Kritik machen, sondern und vor allem Wörter, die die Grundsätze der staatlichen und gesellschaftlichen Ordnung der Bundesrepublik Deutschland bezeichnen. Sie zeigen damit eine deutliche Distanz zur herrschenden Semantik der Gesellschaft, zu ihren Werten, ihrer Auffassung der Geschichte und zu ihrem politischen System.

Zur politischen Rhetorik von Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier, Teil III

Mittwoch, 1. April 2009

4. Die spezifischen Interessen und Anliegen… – Sprachliche Muster in den Reden von Außenminister Frank-Walter Steinmeier

Um den rhetorisch-stilistischen Eigenheiten der beiden Kandidaten auf die Spur zu kommen, hat semtracks eine datengeleitete multivariate Analysemethode zur Erkennung sprachlicher Muster entwickelt. Vergleicht man die Redenkorpora von Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier, dann erweisen sich die folgenden rhetorisch-stilistischen Merkmale als typisch für die Reden des Bundesaußenministers:

A. Nominalstil

Die Reden des Bundesaußenministers Frank-Walter Steinmeier tendieren stärker zum Nominalstil als die Reden der Bundeskanzlerin. Als vom “Nominalstil” geprägt bezeichnet man Sätze, in denen Vollverben seltener gebraucht werden, dafür aber Nominalphrasen dominieren. Der Nominalstil wird häufig in behördlichen und fachsprachlichen Texten verwendet.

Die folgenden (im Vergleich zu Merkels Reden) signifikanten Merkmale lassen sich als Indizes für Nominalstil interpretieren.

An erster Stelle sind die Aneinanderreihungen von Genitivobjekten zu nenne, die sich bei Steinmeier 7 mal häufiger als bei Angela Merkel finden:

Folge des Zerfalls der Sowjetunion
Tagen der Entscheidung der EU
Autorität des Gouverneursrates der IAEO
Erklärung des Botschafters des Irans
Klärung des Status des Kosovo

Auch die Aneinanderreihung von Präpositionalgruppen ist sonst ein typisches Phänonem von fachsprachlichen und wissenschaftlichen Texten:

angesichts der Tätergruppen von New York
wegen des Informationsaustausches mit Großbritannien
in den Erklärungen von Berlin
aufgrund der Gespräche über Atomwaffen
für die Länder jenseits der
im Kampf gegen den internationalen Terrorismus
in den letzten Jahren seit der deutschen

Besonders häufig (über 50 mal häufiger als Merkel) benutzt Steinmeier Phrasen mit der Präposition für in Kombination mit Genitivattributen…

für die Arbeit der Sicherheitsbehörden
für die Wiederaufnahme der Verhandlungen
für die Bekämpfung der Intoleranz
für die Sicherheit der Menschen
für den Wiederbeginn der Gespräche

… oder einer weiteren Präpositionalphrase mit von:

für eine Wiederaufnahme von Verhandlungen
für die Existenz von Massenvernichtungsmitteln
für die Beilegung von Krisen
für die Bekämpfung von Gewalt
für die Bedeutung von Innovation

Während Merkel in ihren Reden offenbar häufiger mit emotionaler Emphase spricht, spricht Steinmeier also eher im Kompetenz signalisierenden Nominalstil. Inwiefern es sich hierbei um ein Merkmal des Steinmeierschen Stils handelt oder um die Spezifika von Reden auf diplomatischem Parkett, werden zukünftige Analysen zeigen.

B. Paar- und Drillingsformen

Steinmeier gibt sich in seinen Reden zudem als Meister der Aufzählung zu erkennen. Er benutzt Paar- und Drillingsformen in allen Varianten:

… als Paarformen von Nomen (3 mal häufiger als Merkel):

ein enger Freund und Verbündeter
den letzten Tagen und Wochen
den Vereinigten Staaten und Russland
die spezifischen Interessen und Anliegen
den amerikanischen Freunden und Partnern
die anwesenden Botschafterinnen und Botschafter
den kritischen Fragen und Themen

… als Paarformen von Adjektiven (3 mal häufiger als Merkel):

wirtschaftliches und kulturelles Potential
wirtschaftliche und politische Reformen
sicherheitspolitischer und wirtschaftlicher Hinsicht
konstruktiven und zukunftsgerichteten Kommunikation
gesellschaftlichem und kulturellem Austausch
technologischen und kulturellen Leistungen
nachrichtendienstlicher und bundespolizeilicher Ebene

… als Paarformen von Adjektiv-Nomen-Verbindungen (3,5 mal häufiger als Merkel):

sozialer Marktwirtschaft und nationaler Selbstbestimmung
andere Nachbarn und regionale Großmächte
kulturelle Identität und kulturelle Differenz
absolute Sicherheit und objektive Garantien
bedeutende Verlage und etablierte Schriftsteller
voller Anregung und voller Austausch
gemeinsame Gegenwart und gemeinsame Zukunft

… mit abgetrennten Kompositionsgliedern (4 mal häufiger als Merkel)

wertvoller Rat- und Ideengeber für
ordnungsgemäßen Abstimmungs- und Willensbildungsprozessen in
neue Partnerschafts- und Kooperationsabkommen zwischen
der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik
ein gutes Auftakt- und Kennenlerngespräch
langfristigen Rohstoff- und Energiesicherung in

… als Paarformen von Verben in Nebensätzen mit Modalverb (2 mal häufiger als Merkel)

EU-Ratspräsidentschaft suchen und ausbauen wollen
Flughafens helfen und verhindern sollen
Austausch ausbauen und intensivieren wollen
Stück entwickeln und erreichen wollen
Kontinent zeigen und teilen wollten
Welt kämpfen und werben möchten
Dinge herstellen und beschreiben kann

Wo Paarformen sind, sind auch Drillingsformen nicht weit: Auch die Aufzählungen dreier Nomen (1,8 mal häufiger) oder Adjektive (3 mal häufiger) ist ein signifikantes Merkmal der Steinmeierschen Rhetorik.

Sicherheit, Stabilität und Stärkung
Verhalten, Augenmaß und Vernunft
Gewicht, Stimme und Handlungsfähigkeit
Fragen, Frieden und Integration
Demokratie, Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit
Werten, Zielen und Instrumenten
politischer, sicherheitspolitischer und wirtschaftlicher
wirtschaftlichem, gesellschaftlichem und kulturellem
diplomatischer, nachrichtendienstlicher und bundespolizeilicher
offenen, konstruktiven und zukunftsgerichteten
wissenschaftlichen, technologischen und kulturellen

C. Satzanschlüsse mit und

Während für Merkel adversative und konsekutive Satzanschlüsse typisch sind, ist es ein Charakteristikum von Steinmeier, dass er Sätze mit und verbindet. Dabei folgt dem Und am Satzanfang meist

… ein Muster aus Personalpronomen, finitem Hilfsverb und Adjektiv (50 mal häufiger als bei Merkel),

Und ich bin sicher
Und wir werden sicher
Und ich bin froh
Und ich bin zuversichtlich
Und mir ist klar

… ein Muster aus Personalpronomen, finitem Vollverb (häufig einem Sprachhandlungsverb) und Personalpronomen (10 mal häufiger als bei Merkel),

Und ich wünsche Ihnen
Und ich sage es
Und ich verspreche Ihnen
Und ich wünsche mir
Und ich ermuntere Sie

… ein Muster aus Personalpronomen und Modalverb (25 mal häufiger als bei Merkel).

Und wir müssen
Und wir sollten
Und ich darf
Und wir wollen
Und ich könnte

Steinmeiers Reden erscheinen damit an der sprachlichen Oberfläche weniger argumentativ.

D. Redestrukturierende Elemente

Während bei Angela Merkel sprachliche Mittel der Betonung und Emphase mittels deiktische Ausdrücke (Ich möchte an dieser Stelle…) signifikant häufiger auftreten, zeichnen sich Frank-Walter Steinmeiers Reden durch eine höhere Frequenz von redestrukturierenden Elementen aus. Insbesondere Formulierungen, in denen er sich über den folgenden Inhalt der Rede äußert, wie Lassen Sie mich… und Erlauben Sie mir, finden sich deutlich häufiger als bei Angela Merkel (9 mal häufiger).

Lassen Sie mich an
Lassen Sie uns aus
Erlauben Sie mir an
Lassen Sie mich trotz

Auch die Kombination von Modalverb und Sprachhandlungsverb in Kombination mit ich findet sich deutlich (8 mal) häufiger in den Reden Steinmeiers.

wesentliche Gefahrenpunkte will ich erwähnen
zweiten Grund möchte ich nennen
zweiten Aspekt möchte ich hervorheben
gesamten Hause möchte ich danken
zweiten Aspekt möchte ich betonen
europäischen Entscheidungsprozessen will ich hinzufügen

5. Fazit

Insgesamt zeigen die Analysen wesentliche Unterschiede in der politischen Rhetorik der beiden Kandidaten. Angela Merkel spricht mit mehr emotionaler Emphase, aber zugleich argumentativer als Frank-Walter Steinmeier. Sie ist zudem stärker darum bemüht, ihre persönliche Weltsicht zur Geltung zu bringen. Frank-Walter Steinmeier hingegen erweckt in seinen von Nominalstil geprägten, stärker strukturierten Reden eher den Eindruck des kompetenten Experten, der auf zahlreiche feststehende Wendungen (vor allem Paar- und Drillingsformen) zurückgreift.

Diese Ergebnisse beruhen auf einer Analyse der Reden, die die Kandidaten als Bundeskanzlerin und Außenminister in den ersten drei Jahren der Legislaturperiode gehalten haben. Die Rhetorik im Wahlkampf ist eine andere als die bei der Eröffnung von Messen oder auf dem diplomatischen Parkett.

Wie sich die Rhetorik der Kandidaten in den nächsten Monaten verändern wird, können Sie in diesem Blog weiter verfolgen.

Zur politischen Rhetorik von Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier, Teil II

Mittwoch, 1. April 2009

3. Deshalb glaube ich… – Sprachliche Muster in den Reden von Kanzlerin Angela Merkel

Um den rhetorisch-stilistischen Eigenheiten der beiden Kandidaten auf die Spur zu kommen, hat semtracks eine datengeleitete multivariate Analysemethode zur Erkennung sprachlicher Muster entwickelt. Vergleicht man die Redenkorpora von Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier, dann erweisen sich die folgenden rhetorisch-stilistischen Mermale als typisch für die Reden der Bundeskanzlerin:

A. Wirklichkeit konstatieren, deuten und schaffen

Ich glaube, dass / Wir sehen, dass / Sie wissen, dass

Hauptsätze in der ersten Person Singular oder Plural (ich / wir), denen sich ein Komplementsatz (auch “Inhaltssatz”) anschließt, der mit “dass” eingeleitet wird. Die Verben des Hauptsatzes haben dabei (1) teilweise konstativen bzw. faktiven Charakter (2) teilweise subjektivierenden bzw. relativierenden Charakter:

Beispiele (1):
Wir sehen, dass
Sie wissen, dass
Wir wissen, dass
Ich weiß, dass
Ich sage, dass

Beispiele (2):
Ich glaube, dass
Ich hoffe, dass
Ich vermute, dass
Ich denke, dass

Ich glaube, ich / Ich denke, es ist / Wir erleben, dass

Verwandt mit diesem Muster sind Formulierungen, in denen der anschließende Nebensatz mit einem Pronomen eingeleitet wird.

Ich glaube, ich
Ich finde, wir
Ich denke, wir
Ich denke, es
Ich glaube, es

Dieses Muster tritt häufig in Verbindung mit einem finiten Hilfverb auf. Dann wird es dazu verwendet, faktive Aussagen über die Gegenwart oder die Zukunft zu machen, wie die folgenden Beispiele zeigen:

Ich glaube, es wird
Ich denke, wir werden
Ich denke, wir sind
Ich glaube, es ist
Ich finde, wir sind
Ich glaube, wir sind
Ich denke, es wird

Eine ähnliche Wirklichkeit konstatierende und deutende und damit auch Wirklichkeit schaffende Funktion hat das folgende Muster, das die Zuhörer als kollektives “wir” miteinbezieht:

Wir erleben, dass
Wir wissen, dass
Wir spüren, dass
Wir sehen, dass

Aber ich vermute / Aber ich hoffe / Aber wir wissen

Auffällig häufig beginnt Angela Merkel ihre Sätze auch mit der Partikel “aber”, gefolgt von einer Ich-Aussage mit einem nicht-faktiven, seltener auch einem faktiven Verb:

Aber ich vermute,
Aber ich finde,
Aber ich glaube,
Aber ich hoffe,
Aber ich denke,
Aber ich weiß,

Auch dieses Muster kann in der ersten Person Plural auftreten:

Aber wir wissen,
Aber wir glauben,

Solche adversativen Satzanschlüsse verweisen auf die Auseinandersetzung mit einer im vorangehenden Satz genannten Gegenposition, die entweder relativiert oder korrigiert wird. In Verbindung mit faktiven Verben konstruieren sie eine andere Wirklichkeit als die in der Vorrede entworfene, in Verbindung mit nicht-faktiven stellen sie sie zumindest in Aussicht.

B. Argumentieren und Folgern

Konsekutive Satzanschlüsse

“Konsekutiv” bedeutet “folgernd”, “ableitend”. Konsekutive Satzanschlüsse verweisen darauf, dass im folgenden Satz aus dem vorher Gesagten Schlüsse gezogen werden. Die Reden Angela Merkels weise signifikant häufiger konsekutive Satzanschlüsse auf als die Reden Frank-Walter Steinmeiers.

Das von ihr am häufigsten verwendete sprachliche Mittel für die Formulierung von Folgerungen und Schlüssen ist die Partikel “deshalb” am Satzanfang in Kombination mit finitem Hilfsverb, Pronomen als Subjekt und Adverb:

Deshalb werden wir jetzt
Deshalb haben wir hier
Deshalb werden wir auch
Deshalb habe ich gestern
Deshalb habe ich bereits
Deshalb werden wir hier

Dieses Muster findet sich bei Merkel 184 mal und damit 11 mal häufiger als in den Reden Steinmeiers. Dieses Muster hat verschiedene Varianten, unter anderem mit einem Nomen als Subjekt oder mit einem unpersönlichen Pronomen:

Deshalb ist die Bundesregierung
Deshalb ist die Haushaltskonsolidierung
Deshalb ist die Zahl
Deshalb wird das Thema
Deshalb ist die Tatsache
Deshalb ist es so
Deshalb ist es eben
Deshalb ist es auch
Deshalb ist es ganz

Auch diese Muster kommen in Steinmeiers Reden fast überhaupt nicht vor.

Bei Merkel finden aber weitere Formulierungstypen konsekutiver Relationen signifikant häufiger, nämlich Formulierungen mit substituierendem Demonstrativpronomen gefolgt von den Verben zeigt oder heißt:

Das heißt, er
Das heißt, ich
Das zeigt, wir
Das heißt, es
Das heißt, Sie
Dies heißt, er

Eine Variation dieses Musters sind Formulierungen vom Typ Das bedeutet also und Das heißt also, bei denen die konsekutive Relation durch die Partikel also formuliert wird.

Während sich diese Muster bei Merkel 203 mal finden, fördert die Analyse in den Reden Steinmeiers gerade einmal 2 Belege zu Tage.

Die Formulierung konsekutiver Relationen an der sprachlichen Oberfläche und damit die Inszenierung eines argumentativen Politikstils sind also ein sehr ausgeprägtes Merkmal der Merkelschen Reden. Dies sagt freilich noch nichts über die Qualität der vorgebrachten Argumente und damit der Gültigkeit ihrer Folgerungen aus, denn nicht immer korrespondiert die sprachliche Inszenierung mit den Inhalten, wie das folgende Muster zeigt:

wenn-dann-Sätze

Merkel verwendet signifikant häufiger wenn-dann-Konstruktionen, die normalerweise eine logisch-kausale Beziehung zwischen Bedingung und Folge formulieren. Für Merkel typisch sind aber Formulierungen, in denen im
im Folgesatz ein finites Hilfsverb steht. In vielen dieser Formulierungen findet sich daher auch kein logisch-kausaler Gehalt, etwa in den folgenden:

Wenn ich … Internationalität nenne, dann ist
Wenn es … Abwasserentsorgung geht, dann haben
Wenn man … Jahr vergleicht, dann ist
Wenn ich … Bevölkerungsgruppen anschaue, dann haben
Wenn wir … Kontingent stellen, dann ist

C. Hervorheben und Betonen: deiktische Ausdrücke

Signifikant unterscheiden sich die Reden der Bundeskanzlerin und des Außenministers auch in der Verwendung von deiktischen Ausdrücken. Angela Merkel verwendet zur Betonung einzelner Passagen oder Punkte signifikant häufiger deiktische Ausdrücke in Kombination mit Modalverben. Dies hat die Funktion, einzelne Aspekte der Rede hervorzuheben:

Ich möchte an diesem Tage
ich möchte an dieser Stelle
Ich muss an dieser Stelle
Ich möchte an diesem Abend
wir müssen an dieser Stelle
Ich darf an dieser Stelle
Ich möchte an dieser Stelle
Wir müssen an dieser Stelle
Ich will an dieser Stelle

D. Vagheit: so etwas wie

Schließlich findet sich auch ein Formulierungsmuster signifikant häufiger bei der Kanzlerin, das Vagheit indiziert, nämlich die Wendung so etwas wie:

so etwas wie eine Botschaft
so etwas wie ein Wahrzeichen
so etwas wie eine Richtschnur
so etwas wie ein Gemeinschaftsgefühl
so etwas wie eine Brücke
so etwas wie eine Krise

Zur politischen Rhetorik von Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier, Teil I

Dienstag, 31. März 2009

Die Sprache von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier ist für den Bundestagswahlkampf von zentraler Bedeutung. Sie ist das zentrale Medium für die Vermittlung ihrer politischen Botschaften, in den Pressemitteilungen ihrer Wahlkampfbüros, in den Fernseh-”Duellen” und auf den Wahlkampfveranstaltungen auf den Marktplätzen der Republik. Immer sollen durch das gesprochen Wort Wähler überzeugt oder mobilisiert, sollen Argumente genannt und Emotionen geweckt, soll das eigene politische Handeln ins rechte Licht gerückt, die Qualitäten des politischen Gegners hingegen in Zweifel gezogen werden.

Unser Blog zur Sprache von Barack Obama und John McCain während des letzten amerikanischen Präsidentschaftswahlkampfs hat gezeigt, wie unterschiedlich die rhetorischen Strategien sein können und wie unterschiedlich erfolgreich sie sind. Die Sprache der Kanzlerkandidaten reagiert wie ein Seismograph auf kleinste thematische Akzentverschiebungen in den Wahlkampfstrategien der beiden Lager. Sie verweist aber auch auf unbewusste Wertstrukturen. semtracks wird daher die Sprache der Kandidaten während der nächsten Monate intensiv beobachten.

Die erste Analyse beschäftigt sich mit den sprachlichen Spezifika der Reden von Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier in ihren Funktionen als Kanzlerin und Außenminister in den Jahren 2005-2008. Sie bilden die Vergleichsgrundlage für die Analysen der kommenden Monate.

1. Datengrundlage

Die folgenden Analysen beruhen auf der Auswertung der Reden von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier seit dem Beginn der Legislaturperiode bis Oktober 2008, wie sie auf den Webseiten des Bundeskanzleramtes und des Außenministeriums zu finden sind. Die beiden Redenkorpora haben folgenden Umfang:

Reden von Angela Merkel als Bundeskanzlerin: 768549 Wortformen (278 Reden)
Reden von Frank-Walter Steinmeier als Außenminister: 330084 Wortformen (190 Reden)

Teil I

2. Spricht Angela Merkel Frauensprache?

a. toll, spannend und wunderschön – Der Gebrauch von Adjektiven

Berechnet man, welche Adjektive im Vergleich der Redenkorpora signifikant bei Merkel und Steinmeier auftreten, dann zeigen sich erstaunliche Unterschiede:

Wortwolke: Merkel

allergrößt ander anschließend ausreichend außerordentlich bestimmt christlich dankbar deutlich dramatisch ehrlich einfach einzeln entsprechend erheblich fest froh ganz geistig gering gesamt gleich gut hart herzlich hoch interessant jeweilig jung klein lieb mittelständisch plötzlich privat relativ richtig riesig römisch schnell schwer schön sozial spannend stolz technisch unglaublich unterschiedlich vereinigt vernünftig verschieden vollkommen vorhanden völlig wahrscheinlich wesentlich wichtig wirklich wunderbar zufrieden


Während Steinmeiers Reden gespickt sind mit Adjektiven, die entsprechend seiner Funktion als Außenminister geopolitisch motiviert sind (afghanisch, afrikanisch, auswärtig, außenpolitisch, bilateral, deutsch-französisch, deutsch-polnisch, europäisch, humanitär, international, israelisch, palästinensisch, militärisch, nuklear, reigional, politisch, sicher), entstammen die Adjektive, die typisch für die Reden Angela Merkels sind, anderen Wortfeldern. Es dominieren wertende (gut, interessant, richtig, spannend, vernünftig, wunderbar, schön) und intensivierende Adjektive (außerordentlich, allergrößt, bestimmt, vollkommen, völlig, wirklich, riesig, unendlich, dramatisch).

Ein Blick in die Statistik zeigt, dass insbesondere die intensivierenden Adjektive vollkommen, unglaublich, allergrößt sehr viel häufiger vorkommen als bei Steinmeier.

Lemma Frequenz
Steinmeier
Frequenz
Merkel
Chi-Quadrat Signifikanzniveau x mal häufiger
als bei Steinmeier
vollkommen 1 98 39,712153 < 0.0001 42,09
unglaublich 5 168 60,703953 < 0.0001 14,43
allergrößt 4 98 33,121448 < 0.0001 10,52
bestimmt 19 296 86,446104 < 0.0001 6,69
unendlich 4 40 9,192124 0,00201 4,29
absolut 5 49 11,100800 0,00064 4,20
wirklich 63 582 126,256633 < 0.0001 3,96
außerordentlich 10 81 15,723470 < 0.0001 3,47
völlig 29 213 37,568863 < 0.0001 3,15
herausragend 8 52 7,973011 0,00419 2,79
einfach 95 592 86,013080 < 0.0001 2,67
riesig 16 76 7,009167 0,00747 2,04

Interessant ist auch, dass insbesonders die umgangssprachlichen Ausdrücke toll und spannend und weitere positive Gefühle zum Ausdruck bringende Adjektive wie wunderschön und wunderbar fast ausschließlich bei Merkel vorkommen.

Lemma Frequenz Steinmeier Frequenz Merkel Chi-Quadrat Signifikanzniveau x mal häufiger als bei Steinmeier
toll 0 31 13,314561 0,00017 nur bei Merkel
spannend 8 130 38,609143 < 0.0001 6,97
wunderschön 3 38 10,076923 0,00118 5,44
wunderbar 10 86 17,598843 < 0.0001 3,69
erfreulich 7 45 6,804279 0,00845 2,76
herzlich 118 659 81,673132 < 0.0001 2,39
schön 43 188 14,362314 < 0.0001 1,87
lieb 175 554 12,659750 0,00025 1,35

Für die Reden Frank-Walter Steinmeier sind lediglich folgende intensivierende Adjektive signifikant:

Lemma Frequenz Steinmeier Frequenz Merkel Chi-Quadrat Signifikanzniveau x mal häufiger als bei Merkel
entschieden 24 20 12,566910 0,00026 2,79
rasant 27 27 10,231255 0,00108 2,32
eindrucksvoll 19 21 5,798638 0,01544 2,10
entscheidend 135 151 40,069389 < 0.0001 2,08

Es finden sich weitere Anzeichen dafür, dass die Sprache Angela Merkels emotionaler ist als die ihres Bundesaußenministers. So benutzt sie bei Adressierungen häufiger die Form liebe/r Herr/Frau und in Dankesformeln das Adjektiv herzlich. Steinmeier hingegen benutzt bei Adressierungen bevorzugt die distanzierteren Vokabeln geehrt oder verehrt, letzteres rund 10 mal häufiger als Angela Merkel. Bezieht man auch Verben in die Analyse mit ein, dann zeigt sich, dass Angela Merkel häufiger das Verb fühlen benutzt. Steinmeier hingegen benutzt Gefühlswortschatz meist nur desemantisiert im Kontext ritualisierter Phrasen wie ich freue mich, dass.

Der häufige Gebrauch intensivierender Adverbien und die Bezugnahme auf Gefühle wurden von der Sprachwissenschaft als typische Merkmale der Frauensprache identifiziert. Spricht also Angela Merkel Frauensprache? Steht sie für einen weiblicheren, empathischeren Kommunikationsstil? Oder sind die Unterschiede in den Reden eher den Redekontexten geschuldet, mithin der Tatsache, dass Frank-Walter Steinmeier sich häufiger auf diplomatischem Parkett bewegt, auf dem eine zurückhaltendere Sprache gepflegt wird?

Ein weiteres Merkmal eines “weiblichen” Kommunikationsstils ist die Verwendung sogenannter Heckenausdrücke, insbesondere mit einschränkender Funktion. Dabei handelt es sich um Ausdrücke, die die Art und Weise bezeichnen, wie ein Exemplar einer Kategorie zugeordnet wird. Heckenausdrücke mit einschränkender Funktion finden sich fast ausschließlich bei Angela Merkel, insbesondere:

Lemma Frequenz Steinmeier Frequenz Merkel Chi-Quadrat Signifikanzniveau x mal häufiger als bei Steinmeier
relativ 6 95 27,923025 < 0.0001 6,80
ungefähr 6 47 8,841246 0,00249 3,36
wahrscheinlich 13 90 14,878656 < 0.0001 2,97

Gerade Heckenausdrücke wären auch in Reden diplomatischen Charakters zu erwarten gewesen. Sie sind demnach ein Indiz dafür, dass Angela Merkels Redenstil auch jenseits der situativen Bedingungen eine “weiblichere” Prägung aufweist.

b. Von meinen, glauben und denken – Eine Analyse von subjektivierenden Äußerungen

Berechnet man die im Vergleich beider Korpora jeweils typischen Verben in den Reden Merkels und Steinmeiers, so erhält man folgendes Bild:

Wortwolke: Merkel

achten anbelangen anschauen ausgeben bedanken befassen bekommen beschäftigen bitten darstellen denken diskutieren durchsetzen einbringen einführen eingehen einsetzen eintreten entscheiden feiern finden funktionieren fühlen führen geben gehen geschehen gestalten glauben heißen hinweisen hängen investieren kommen kümmern leben leisten lernen machen passieren regeln sagen schaffen schauen senken sprechen stattfinden steigen stellen tun umgehen umsetzen verabschieden verpflichten versprechen versuchen vertreten verändern vornehmen weitergehen wissen zusammenarbeiten ändern


Wie bei der Texsorte “politische Rede” nicht anders zu erwarten, finden sich in beiden Korpora zahlreiche Sprachhandlungsverben wie meinen, glauben oder sagen. Als typisches Merkmal von Frauensprache hat die Sprachwissenschaft die Verwendung abschwächender Formulierungen identifiziert, besonders solcher Formulierungen, in denen der Aussagegehalt einer Äußerung als subjektiv dargestellt wird (Ich denke, dass… / Ich bin der Ansicht, dass…).

Angela Merkel neigt offenbar dazu, Sätze mit den Verben glauben (ich glaube, dass / insofern glaube ich) und denken (ich denke, das ist / ich denke, dass wir) einzuleiten:

Lemma Frequenz Steinmeier Frequenz Merkel Chi-Quadrat Signifikanzniveau x mal häufiger als bei Steinmeier
glauben 158 1790 446,692046 < 0.0001 4,86
denken 108 450 30,355017 < 0.0001 1,78

Steinmeier hingegen favorisiert Formulierungen mit meinen (ich meine, dass wir hier / ich meine, wir sollten) und scheinen (mir scheint, dass / es scheint, als):

Lemma Frequenz Steinmeier Frequenz Merkel Chi-Quadrat Signifikanzniveau x mal häufiger als bei Steinmeier
meinen 180 81 188,152816 < 0.0001 5,17
scheinen 93 44 93,335266 < 0.0001 4,92
erscheinen 39 25 29,061722 < 0.0001 3,63

Die Bundeskanzlerin und ihr Bundesaußenminister benutzen also beide subjektivierende Satzeinleitungen, allerdings mit anderen Formulierungsvorlieben. Wie allerdings die Analysen in Teil II zeigen, kommen Markierungen von Aussagen als subjektiv bei der Kanzlerin deutlich häufiger vor.

Literatur:

Braun, Friederike (1993): Was hat Sprache mit Geschlecht zu tun? Zum Stand linguistischer Frauenforschung. In: Pasero, Ursula/Braun, Friederike (Hrsg.): Frauenforschung in universitären Disziplinen: “Man räume ihnen Kanzeln und Lehrstühle ein …” Opladen, S. 189-229.

Lakoff, Robin (1973): Language and woman’s place. In: Language in Society 2, S. 45-80.

Mulac, Anthony (1999): Perceptions of women and men based on their linguistic behavior: The Gender-Linked Language Effect. In: Pasero, Ursula/Braun, Friederike (Hgg.): Perceiving and performing gender. Opladen, S. 88-104.