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Zur politischen Rhetorik von Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier, Teil III

Mittwoch, 1. April 2009

4. Die spezifischen Interessen und Anliegen… – Sprachliche Muster in den Reden von Außenminister Frank-Walter Steinmeier

Um den rhetorisch-stilistischen Eigenheiten der beiden Kandidaten auf die Spur zu kommen, hat semtracks eine datengeleitete multivariate Analysemethode zur Erkennung sprachlicher Muster entwickelt. Vergleicht man die Redenkorpora von Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier, dann erweisen sich die folgenden rhetorisch-stilistischen Merkmale als typisch für die Reden des Bundesaußenministers:

A. Nominalstil

Die Reden des Bundesaußenministers Frank-Walter Steinmeier tendieren stärker zum Nominalstil als die Reden der Bundeskanzlerin. Als vom “Nominalstil” geprägt bezeichnet man Sätze, in denen Vollverben seltener gebraucht werden, dafür aber Nominalphrasen dominieren. Der Nominalstil wird häufig in behördlichen und fachsprachlichen Texten verwendet.

Die folgenden (im Vergleich zu Merkels Reden) signifikanten Merkmale lassen sich als Indizes für Nominalstil interpretieren.

An erster Stelle sind die Aneinanderreihungen von Genitivobjekten zu nenne, die sich bei Steinmeier 7 mal häufiger als bei Angela Merkel finden:

Folge des Zerfalls der Sowjetunion
Tagen der Entscheidung der EU
Autorität des Gouverneursrates der IAEO
Erklärung des Botschafters des Irans
Klärung des Status des Kosovo

Auch die Aneinanderreihung von Präpositionalgruppen ist sonst ein typisches Phänonem von fachsprachlichen und wissenschaftlichen Texten:

angesichts der Tätergruppen von New York
wegen des Informationsaustausches mit Großbritannien
in den Erklärungen von Berlin
aufgrund der Gespräche über Atomwaffen
für die Länder jenseits der
im Kampf gegen den internationalen Terrorismus
in den letzten Jahren seit der deutschen

Besonders häufig (über 50 mal häufiger als Merkel) benutzt Steinmeier Phrasen mit der Präposition für in Kombination mit Genitivattributen…

für die Arbeit der Sicherheitsbehörden
für die Wiederaufnahme der Verhandlungen
für die Bekämpfung der Intoleranz
für die Sicherheit der Menschen
für den Wiederbeginn der Gespräche

… oder einer weiteren Präpositionalphrase mit von:

für eine Wiederaufnahme von Verhandlungen
für die Existenz von Massenvernichtungsmitteln
für die Beilegung von Krisen
für die Bekämpfung von Gewalt
für die Bedeutung von Innovation

Während Merkel in ihren Reden offenbar häufiger mit emotionaler Emphase spricht, spricht Steinmeier also eher im Kompetenz signalisierenden Nominalstil. Inwiefern es sich hierbei um ein Merkmal des Steinmeierschen Stils handelt oder um die Spezifika von Reden auf diplomatischem Parkett, werden zukünftige Analysen zeigen.

B. Paar- und Drillingsformen

Steinmeier gibt sich in seinen Reden zudem als Meister der Aufzählung zu erkennen. Er benutzt Paar- und Drillingsformen in allen Varianten:

… als Paarformen von Nomen (3 mal häufiger als Merkel):

ein enger Freund und Verbündeter
den letzten Tagen und Wochen
den Vereinigten Staaten und Russland
die spezifischen Interessen und Anliegen
den amerikanischen Freunden und Partnern
die anwesenden Botschafterinnen und Botschafter
den kritischen Fragen und Themen

… als Paarformen von Adjektiven (3 mal häufiger als Merkel):

wirtschaftliches und kulturelles Potential
wirtschaftliche und politische Reformen
sicherheitspolitischer und wirtschaftlicher Hinsicht
konstruktiven und zukunftsgerichteten Kommunikation
gesellschaftlichem und kulturellem Austausch
technologischen und kulturellen Leistungen
nachrichtendienstlicher und bundespolizeilicher Ebene

… als Paarformen von Adjektiv-Nomen-Verbindungen (3,5 mal häufiger als Merkel):

sozialer Marktwirtschaft und nationaler Selbstbestimmung
andere Nachbarn und regionale Großmächte
kulturelle Identität und kulturelle Differenz
absolute Sicherheit und objektive Garantien
bedeutende Verlage und etablierte Schriftsteller
voller Anregung und voller Austausch
gemeinsame Gegenwart und gemeinsame Zukunft

… mit abgetrennten Kompositionsgliedern (4 mal häufiger als Merkel)

wertvoller Rat- und Ideengeber für
ordnungsgemäßen Abstimmungs- und Willensbildungsprozessen in
neue Partnerschafts- und Kooperationsabkommen zwischen
der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik
ein gutes Auftakt- und Kennenlerngespräch
langfristigen Rohstoff- und Energiesicherung in

… als Paarformen von Verben in Nebensätzen mit Modalverb (2 mal häufiger als Merkel)

EU-Ratspräsidentschaft suchen und ausbauen wollen
Flughafens helfen und verhindern sollen
Austausch ausbauen und intensivieren wollen
Stück entwickeln und erreichen wollen
Kontinent zeigen und teilen wollten
Welt kämpfen und werben möchten
Dinge herstellen und beschreiben kann

Wo Paarformen sind, sind auch Drillingsformen nicht weit: Auch die Aufzählungen dreier Nomen (1,8 mal häufiger) oder Adjektive (3 mal häufiger) ist ein signifikantes Merkmal der Steinmeierschen Rhetorik.

Sicherheit, Stabilität und Stärkung
Verhalten, Augenmaß und Vernunft
Gewicht, Stimme und Handlungsfähigkeit
Fragen, Frieden und Integration
Demokratie, Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit
Werten, Zielen und Instrumenten
politischer, sicherheitspolitischer und wirtschaftlicher
wirtschaftlichem, gesellschaftlichem und kulturellem
diplomatischer, nachrichtendienstlicher und bundespolizeilicher
offenen, konstruktiven und zukunftsgerichteten
wissenschaftlichen, technologischen und kulturellen

C. Satzanschlüsse mit und

Während für Merkel adversative und konsekutive Satzanschlüsse typisch sind, ist es ein Charakteristikum von Steinmeier, dass er Sätze mit und verbindet. Dabei folgt dem Und am Satzanfang meist

… ein Muster aus Personalpronomen, finitem Hilfsverb und Adjektiv (50 mal häufiger als bei Merkel),

Und ich bin sicher
Und wir werden sicher
Und ich bin froh
Und ich bin zuversichtlich
Und mir ist klar

… ein Muster aus Personalpronomen, finitem Vollverb (häufig einem Sprachhandlungsverb) und Personalpronomen (10 mal häufiger als bei Merkel),

Und ich wünsche Ihnen
Und ich sage es
Und ich verspreche Ihnen
Und ich wünsche mir
Und ich ermuntere Sie

… ein Muster aus Personalpronomen und Modalverb (25 mal häufiger als bei Merkel).

Und wir müssen
Und wir sollten
Und ich darf
Und wir wollen
Und ich könnte

Steinmeiers Reden erscheinen damit an der sprachlichen Oberfläche weniger argumentativ.

D. Redestrukturierende Elemente

Während bei Angela Merkel sprachliche Mittel der Betonung und Emphase mittels deiktische Ausdrücke (Ich möchte an dieser Stelle…) signifikant häufiger auftreten, zeichnen sich Frank-Walter Steinmeiers Reden durch eine höhere Frequenz von redestrukturierenden Elementen aus. Insbesondere Formulierungen, in denen er sich über den folgenden Inhalt der Rede äußert, wie Lassen Sie mich… und Erlauben Sie mir, finden sich deutlich häufiger als bei Angela Merkel (9 mal häufiger).

Lassen Sie mich an
Lassen Sie uns aus
Erlauben Sie mir an
Lassen Sie mich trotz

Auch die Kombination von Modalverb und Sprachhandlungsverb in Kombination mit ich findet sich deutlich (8 mal) häufiger in den Reden Steinmeiers.

wesentliche Gefahrenpunkte will ich erwähnen
zweiten Grund möchte ich nennen
zweiten Aspekt möchte ich hervorheben
gesamten Hause möchte ich danken
zweiten Aspekt möchte ich betonen
europäischen Entscheidungsprozessen will ich hinzufügen

5. Fazit

Insgesamt zeigen die Analysen wesentliche Unterschiede in der politischen Rhetorik der beiden Kandidaten. Angela Merkel spricht mit mehr emotionaler Emphase, aber zugleich argumentativer als Frank-Walter Steinmeier. Sie ist zudem stärker darum bemüht, ihre persönliche Weltsicht zur Geltung zu bringen. Frank-Walter Steinmeier hingegen erweckt in seinen von Nominalstil geprägten, stärker strukturierten Reden eher den Eindruck des kompetenten Experten, der auf zahlreiche feststehende Wendungen (vor allem Paar- und Drillingsformen) zurückgreift.

Diese Ergebnisse beruhen auf einer Analyse der Reden, die die Kandidaten als Bundeskanzlerin und Außenminister in den ersten drei Jahren der Legislaturperiode gehalten haben. Die Rhetorik im Wahlkampf ist eine andere als die bei der Eröffnung von Messen oder auf dem diplomatischen Parkett.

Wie sich die Rhetorik der Kandidaten in den nächsten Monaten verändern wird, können Sie in diesem Blog weiter verfolgen.

Zur politischen Rhetorik von Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier, Teil II

Mittwoch, 1. April 2009

3. Deshalb glaube ich… – Sprachliche Muster in den Reden von Kanzlerin Angela Merkel

Um den rhetorisch-stilistischen Eigenheiten der beiden Kandidaten auf die Spur zu kommen, hat semtracks eine datengeleitete multivariate Analysemethode zur Erkennung sprachlicher Muster entwickelt. Vergleicht man die Redenkorpora von Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier, dann erweisen sich die folgenden rhetorisch-stilistischen Mermale als typisch für die Reden der Bundeskanzlerin:

A. Wirklichkeit konstatieren, deuten und schaffen

Ich glaube, dass / Wir sehen, dass / Sie wissen, dass

Hauptsätze in der ersten Person Singular oder Plural (ich / wir), denen sich ein Komplementsatz (auch “Inhaltssatz”) anschließt, der mit “dass” eingeleitet wird. Die Verben des Hauptsatzes haben dabei (1) teilweise konstativen bzw. faktiven Charakter (2) teilweise subjektivierenden bzw. relativierenden Charakter:

Beispiele (1):
Wir sehen, dass
Sie wissen, dass
Wir wissen, dass
Ich weiß, dass
Ich sage, dass

Beispiele (2):
Ich glaube, dass
Ich hoffe, dass
Ich vermute, dass
Ich denke, dass

Ich glaube, ich / Ich denke, es ist / Wir erleben, dass

Verwandt mit diesem Muster sind Formulierungen, in denen der anschließende Nebensatz mit einem Pronomen eingeleitet wird.

Ich glaube, ich
Ich finde, wir
Ich denke, wir
Ich denke, es
Ich glaube, es

Dieses Muster tritt häufig in Verbindung mit einem finiten Hilfverb auf. Dann wird es dazu verwendet, faktive Aussagen über die Gegenwart oder die Zukunft zu machen, wie die folgenden Beispiele zeigen:

Ich glaube, es wird
Ich denke, wir werden
Ich denke, wir sind
Ich glaube, es ist
Ich finde, wir sind
Ich glaube, wir sind
Ich denke, es wird

Eine ähnliche Wirklichkeit konstatierende und deutende und damit auch Wirklichkeit schaffende Funktion hat das folgende Muster, das die Zuhörer als kollektives “wir” miteinbezieht:

Wir erleben, dass
Wir wissen, dass
Wir spüren, dass
Wir sehen, dass

Aber ich vermute / Aber ich hoffe / Aber wir wissen

Auffällig häufig beginnt Angela Merkel ihre Sätze auch mit der Partikel “aber”, gefolgt von einer Ich-Aussage mit einem nicht-faktiven, seltener auch einem faktiven Verb:

Aber ich vermute,
Aber ich finde,
Aber ich glaube,
Aber ich hoffe,
Aber ich denke,
Aber ich weiß,

Auch dieses Muster kann in der ersten Person Plural auftreten:

Aber wir wissen,
Aber wir glauben,

Solche adversativen Satzanschlüsse verweisen auf die Auseinandersetzung mit einer im vorangehenden Satz genannten Gegenposition, die entweder relativiert oder korrigiert wird. In Verbindung mit faktiven Verben konstruieren sie eine andere Wirklichkeit als die in der Vorrede entworfene, in Verbindung mit nicht-faktiven stellen sie sie zumindest in Aussicht.

B. Argumentieren und Folgern

Konsekutive Satzanschlüsse

“Konsekutiv” bedeutet “folgernd”, “ableitend”. Konsekutive Satzanschlüsse verweisen darauf, dass im folgenden Satz aus dem vorher Gesagten Schlüsse gezogen werden. Die Reden Angela Merkels weise signifikant häufiger konsekutive Satzanschlüsse auf als die Reden Frank-Walter Steinmeiers.

Das von ihr am häufigsten verwendete sprachliche Mittel für die Formulierung von Folgerungen und Schlüssen ist die Partikel “deshalb” am Satzanfang in Kombination mit finitem Hilfsverb, Pronomen als Subjekt und Adverb:

Deshalb werden wir jetzt
Deshalb haben wir hier
Deshalb werden wir auch
Deshalb habe ich gestern
Deshalb habe ich bereits
Deshalb werden wir hier

Dieses Muster findet sich bei Merkel 184 mal und damit 11 mal häufiger als in den Reden Steinmeiers. Dieses Muster hat verschiedene Varianten, unter anderem mit einem Nomen als Subjekt oder mit einem unpersönlichen Pronomen:

Deshalb ist die Bundesregierung
Deshalb ist die Haushaltskonsolidierung
Deshalb ist die Zahl
Deshalb wird das Thema
Deshalb ist die Tatsache
Deshalb ist es so
Deshalb ist es eben
Deshalb ist es auch
Deshalb ist es ganz

Auch diese Muster kommen in Steinmeiers Reden fast überhaupt nicht vor.

Bei Merkel finden aber weitere Formulierungstypen konsekutiver Relationen signifikant häufiger, nämlich Formulierungen mit substituierendem Demonstrativpronomen gefolgt von den Verben zeigt oder heißt:

Das heißt, er
Das heißt, ich
Das zeigt, wir
Das heißt, es
Das heißt, Sie
Dies heißt, er

Eine Variation dieses Musters sind Formulierungen vom Typ Das bedeutet also und Das heißt also, bei denen die konsekutive Relation durch die Partikel also formuliert wird.

Während sich diese Muster bei Merkel 203 mal finden, fördert die Analyse in den Reden Steinmeiers gerade einmal 2 Belege zu Tage.

Die Formulierung konsekutiver Relationen an der sprachlichen Oberfläche und damit die Inszenierung eines argumentativen Politikstils sind also ein sehr ausgeprägtes Merkmal der Merkelschen Reden. Dies sagt freilich noch nichts über die Qualität der vorgebrachten Argumente und damit der Gültigkeit ihrer Folgerungen aus, denn nicht immer korrespondiert die sprachliche Inszenierung mit den Inhalten, wie das folgende Muster zeigt:

wenn-dann-Sätze

Merkel verwendet signifikant häufiger wenn-dann-Konstruktionen, die normalerweise eine logisch-kausale Beziehung zwischen Bedingung und Folge formulieren. Für Merkel typisch sind aber Formulierungen, in denen im
im Folgesatz ein finites Hilfsverb steht. In vielen dieser Formulierungen findet sich daher auch kein logisch-kausaler Gehalt, etwa in den folgenden:

Wenn ich … Internationalität nenne, dann ist
Wenn es … Abwasserentsorgung geht, dann haben
Wenn man … Jahr vergleicht, dann ist
Wenn ich … Bevölkerungsgruppen anschaue, dann haben
Wenn wir … Kontingent stellen, dann ist

C. Hervorheben und Betonen: deiktische Ausdrücke

Signifikant unterscheiden sich die Reden der Bundeskanzlerin und des Außenministers auch in der Verwendung von deiktischen Ausdrücken. Angela Merkel verwendet zur Betonung einzelner Passagen oder Punkte signifikant häufiger deiktische Ausdrücke in Kombination mit Modalverben. Dies hat die Funktion, einzelne Aspekte der Rede hervorzuheben:

Ich möchte an diesem Tage
ich möchte an dieser Stelle
Ich muss an dieser Stelle
Ich möchte an diesem Abend
wir müssen an dieser Stelle
Ich darf an dieser Stelle
Ich möchte an dieser Stelle
Wir müssen an dieser Stelle
Ich will an dieser Stelle

D. Vagheit: so etwas wie

Schließlich findet sich auch ein Formulierungsmuster signifikant häufiger bei der Kanzlerin, das Vagheit indiziert, nämlich die Wendung so etwas wie:

so etwas wie eine Botschaft
so etwas wie ein Wahrzeichen
so etwas wie eine Richtschnur
so etwas wie ein Gemeinschaftsgefühl
so etwas wie eine Brücke
so etwas wie eine Krise

Zur politischen Rhetorik von Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier, Teil I

Dienstag, 31. März 2009

Die Sprache von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier ist für den Bundestagswahlkampf von zentraler Bedeutung. Sie ist das zentrale Medium für die Vermittlung ihrer politischen Botschaften, in den Pressemitteilungen ihrer Wahlkampfbüros, in den Fernseh-”Duellen” und auf den Wahlkampfveranstaltungen auf den Marktplätzen der Republik. Immer sollen durch das gesprochen Wort Wähler überzeugt oder mobilisiert, sollen Argumente genannt und Emotionen geweckt, soll das eigene politische Handeln ins rechte Licht gerückt, die Qualitäten des politischen Gegners hingegen in Zweifel gezogen werden.

Unser Blog zur Sprache von Barack Obama und John McCain während des letzten amerikanischen Präsidentschaftswahlkampfs hat gezeigt, wie unterschiedlich die rhetorischen Strategien sein können und wie unterschiedlich erfolgreich sie sind. Die Sprache der Kanzlerkandidaten reagiert wie ein Seismograph auf kleinste thematische Akzentverschiebungen in den Wahlkampfstrategien der beiden Lager. Sie verweist aber auch auf unbewusste Wertstrukturen. semtracks wird daher die Sprache der Kandidaten während der nächsten Monate intensiv beobachten.

Die erste Analyse beschäftigt sich mit den sprachlichen Spezifika der Reden von Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier in ihren Funktionen als Kanzlerin und Außenminister in den Jahren 2005-2008. Sie bilden die Vergleichsgrundlage für die Analysen der kommenden Monate.

1. Datengrundlage

Die folgenden Analysen beruhen auf der Auswertung der Reden von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier seit dem Beginn der Legislaturperiode bis Oktober 2008, wie sie auf den Webseiten des Bundeskanzleramtes und des Außenministeriums zu finden sind. Die beiden Redenkorpora haben folgenden Umfang:

Reden von Angela Merkel als Bundeskanzlerin: 768549 Wortformen (278 Reden)
Reden von Frank-Walter Steinmeier als Außenminister: 330084 Wortformen (190 Reden)

Teil I

2. Spricht Angela Merkel Frauensprache?

a. toll, spannend und wunderschön – Der Gebrauch von Adjektiven

Berechnet man, welche Adjektive im Vergleich der Redenkorpora signifikant bei Merkel und Steinmeier auftreten, dann zeigen sich erstaunliche Unterschiede:

Wortwolke: Merkel

allergrößt ander anschließend ausreichend außerordentlich bestimmt christlich dankbar deutlich dramatisch ehrlich einfach einzeln entsprechend erheblich fest froh ganz geistig gering gesamt gleich gut hart herzlich hoch interessant jeweilig jung klein lieb mittelständisch plötzlich privat relativ richtig riesig römisch schnell schwer schön sozial spannend stolz technisch unglaublich unterschiedlich vereinigt vernünftig verschieden vollkommen vorhanden völlig wahrscheinlich wesentlich wichtig wirklich wunderbar zufrieden


Während Steinmeiers Reden gespickt sind mit Adjektiven, die entsprechend seiner Funktion als Außenminister geopolitisch motiviert sind (afghanisch, afrikanisch, auswärtig, außenpolitisch, bilateral, deutsch-französisch, deutsch-polnisch, europäisch, humanitär, international, israelisch, palästinensisch, militärisch, nuklear, reigional, politisch, sicher), entstammen die Adjektive, die typisch für die Reden Angela Merkels sind, anderen Wortfeldern. Es dominieren wertende (gut, interessant, richtig, spannend, vernünftig, wunderbar, schön) und intensivierende Adjektive (außerordentlich, allergrößt, bestimmt, vollkommen, völlig, wirklich, riesig, unendlich, dramatisch).

Ein Blick in die Statistik zeigt, dass insbesondere die intensivierenden Adjektive vollkommen, unglaublich, allergrößt sehr viel häufiger vorkommen als bei Steinmeier.

Lemma Frequenz
Steinmeier
Frequenz
Merkel
Chi-Quadrat Signifikanzniveau x mal häufiger
als bei Steinmeier
vollkommen 1 98 39,712153 < 0.0001 42,09
unglaublich 5 168 60,703953 < 0.0001 14,43
allergrößt 4 98 33,121448 < 0.0001 10,52
bestimmt 19 296 86,446104 < 0.0001 6,69
unendlich 4 40 9,192124 0,00201 4,29
absolut 5 49 11,100800 0,00064 4,20
wirklich 63 582 126,256633 < 0.0001 3,96
außerordentlich 10 81 15,723470 < 0.0001 3,47
völlig 29 213 37,568863 < 0.0001 3,15
herausragend 8 52 7,973011 0,00419 2,79
einfach 95 592 86,013080 < 0.0001 2,67
riesig 16 76 7,009167 0,00747 2,04

Interessant ist auch, dass insbesonders die umgangssprachlichen Ausdrücke toll und spannend und weitere positive Gefühle zum Ausdruck bringende Adjektive wie wunderschön und wunderbar fast ausschließlich bei Merkel vorkommen.

Lemma Frequenz Steinmeier Frequenz Merkel Chi-Quadrat Signifikanzniveau x mal häufiger als bei Steinmeier
toll 0 31 13,314561 0,00017 nur bei Merkel
spannend 8 130 38,609143 < 0.0001 6,97
wunderschön 3 38 10,076923 0,00118 5,44
wunderbar 10 86 17,598843 < 0.0001 3,69
erfreulich 7 45 6,804279 0,00845 2,76
herzlich 118 659 81,673132 < 0.0001 2,39
schön 43 188 14,362314 < 0.0001 1,87
lieb 175 554 12,659750 0,00025 1,35

Für die Reden Frank-Walter Steinmeier sind lediglich folgende intensivierende Adjektive signifikant:

Lemma Frequenz Steinmeier Frequenz Merkel Chi-Quadrat Signifikanzniveau x mal häufiger als bei Merkel
entschieden 24 20 12,566910 0,00026 2,79
rasant 27 27 10,231255 0,00108 2,32
eindrucksvoll 19 21 5,798638 0,01544 2,10
entscheidend 135 151 40,069389 < 0.0001 2,08

Es finden sich weitere Anzeichen dafür, dass die Sprache Angela Merkels emotionaler ist als die ihres Bundesaußenministers. So benutzt sie bei Adressierungen häufiger die Form liebe/r Herr/Frau und in Dankesformeln das Adjektiv herzlich. Steinmeier hingegen benutzt bei Adressierungen bevorzugt die distanzierteren Vokabeln geehrt oder verehrt, letzteres rund 10 mal häufiger als Angela Merkel. Bezieht man auch Verben in die Analyse mit ein, dann zeigt sich, dass Angela Merkel häufiger das Verb fühlen benutzt. Steinmeier hingegen benutzt Gefühlswortschatz meist nur desemantisiert im Kontext ritualisierter Phrasen wie ich freue mich, dass.

Der häufige Gebrauch intensivierender Adverbien und die Bezugnahme auf Gefühle wurden von der Sprachwissenschaft als typische Merkmale der Frauensprache identifiziert. Spricht also Angela Merkel Frauensprache? Steht sie für einen weiblicheren, empathischeren Kommunikationsstil? Oder sind die Unterschiede in den Reden eher den Redekontexten geschuldet, mithin der Tatsache, dass Frank-Walter Steinmeier sich häufiger auf diplomatischem Parkett bewegt, auf dem eine zurückhaltendere Sprache gepflegt wird?

Ein weiteres Merkmal eines “weiblichen” Kommunikationsstils ist die Verwendung sogenannter Heckenausdrücke, insbesondere mit einschränkender Funktion. Dabei handelt es sich um Ausdrücke, die die Art und Weise bezeichnen, wie ein Exemplar einer Kategorie zugeordnet wird. Heckenausdrücke mit einschränkender Funktion finden sich fast ausschließlich bei Angela Merkel, insbesondere:

Lemma Frequenz Steinmeier Frequenz Merkel Chi-Quadrat Signifikanzniveau x mal häufiger als bei Steinmeier
relativ 6 95 27,923025 < 0.0001 6,80
ungefähr 6 47 8,841246 0,00249 3,36
wahrscheinlich 13 90 14,878656 < 0.0001 2,97

Gerade Heckenausdrücke wären auch in Reden diplomatischen Charakters zu erwarten gewesen. Sie sind demnach ein Indiz dafür, dass Angela Merkels Redenstil auch jenseits der situativen Bedingungen eine “weiblichere” Prägung aufweist.

b. Von meinen, glauben und denken – Eine Analyse von subjektivierenden Äußerungen

Berechnet man die im Vergleich beider Korpora jeweils typischen Verben in den Reden Merkels und Steinmeiers, so erhält man folgendes Bild:

Wortwolke: Merkel

achten anbelangen anschauen ausgeben bedanken befassen bekommen beschäftigen bitten darstellen denken diskutieren durchsetzen einbringen einführen eingehen einsetzen eintreten entscheiden feiern finden funktionieren fühlen führen geben gehen geschehen gestalten glauben heißen hinweisen hängen investieren kommen kümmern leben leisten lernen machen passieren regeln sagen schaffen schauen senken sprechen stattfinden steigen stellen tun umgehen umsetzen verabschieden verpflichten versprechen versuchen vertreten verändern vornehmen weitergehen wissen zusammenarbeiten ändern


Wie bei der Texsorte “politische Rede” nicht anders zu erwarten, finden sich in beiden Korpora zahlreiche Sprachhandlungsverben wie meinen, glauben oder sagen. Als typisches Merkmal von Frauensprache hat die Sprachwissenschaft die Verwendung abschwächender Formulierungen identifiziert, besonders solcher Formulierungen, in denen der Aussagegehalt einer Äußerung als subjektiv dargestellt wird (Ich denke, dass… / Ich bin der Ansicht, dass…).

Angela Merkel neigt offenbar dazu, Sätze mit den Verben glauben (ich glaube, dass / insofern glaube ich) und denken (ich denke, das ist / ich denke, dass wir) einzuleiten:

Lemma Frequenz Steinmeier Frequenz Merkel Chi-Quadrat Signifikanzniveau x mal häufiger als bei Steinmeier
glauben 158 1790 446,692046 < 0.0001 4,86
denken 108 450 30,355017 < 0.0001 1,78

Steinmeier hingegen favorisiert Formulierungen mit meinen (ich meine, dass wir hier / ich meine, wir sollten) und scheinen (mir scheint, dass / es scheint, als):

Lemma Frequenz Steinmeier Frequenz Merkel Chi-Quadrat Signifikanzniveau x mal häufiger als bei Steinmeier
meinen 180 81 188,152816 < 0.0001 5,17
scheinen 93 44 93,335266 < 0.0001 4,92
erscheinen 39 25 29,061722 < 0.0001 3,63

Die Bundeskanzlerin und ihr Bundesaußenminister benutzen also beide subjektivierende Satzeinleitungen, allerdings mit anderen Formulierungsvorlieben. Wie allerdings die Analysen in Teil II zeigen, kommen Markierungen von Aussagen als subjektiv bei der Kanzlerin deutlich häufiger vor.

Literatur:

Braun, Friederike (1993): Was hat Sprache mit Geschlecht zu tun? Zum Stand linguistischer Frauenforschung. In: Pasero, Ursula/Braun, Friederike (Hrsg.): Frauenforschung in universitären Disziplinen: “Man räume ihnen Kanzeln und Lehrstühle ein …” Opladen, S. 189-229.

Lakoff, Robin (1973): Language and woman’s place. In: Language in Society 2, S. 45-80.

Mulac, Anthony (1999): Perceptions of women and men based on their linguistic behavior: The Gender-Linked Language Effect. In: Pasero, Ursula/Braun, Friederike (Hgg.): Perceiving and performing gender. Opladen, S. 88-104.